DFB-Fitmacher Schmidtlein Wie qualvoll Fußball wirklich ist

Kicker jammern über ihre Belastung, Trainer protestieren: Ist Fußball zu hart geworden? DFB-Coach Schmidtlein spricht im Magazin "11 FREUNDE" über die Fitnessprobleme der Stars - und die Frage, ob man angesichts von Millionengehältern nicht trotzdem zwei, drei Spiele pro Woche erwarten darf.


Frage: Herr Schmidtlein, der frühere dänische Nationalspieler Sören Lerby hat erzählt, dass er 1985 innerhalb von sechs Stunden in zwei Ländern für zwei Mannschaften auf dem Platz stand. Ist so etwas heute noch denkbar?

Schmidtlein: Wenn es sein muss, warum nicht? Aus physiologischer Sicht kann man sich in dieser kurzen Zeit nicht erholen. Eine solche Entscheidung hängt also nur von der Wichtigkeit und Position des Spielers ab.

Frage: Lerby sagte, er habe damals "gute Beine" gehabt und die Spiele innerhalb der kurzen Zeit als Herausforderung gesehen. Heute beschweren sich die Profis über zu enge Zeitpläne. Haben sich die Belastungen für Fußballprofis erhöht?

Schmidtlein: Ich denke schon. Unsere Scouts bei der Nationalmannschaft haben frühere Videobilder mit denen von heute verglichen. Früher dauerte es schon mal acht bis zehn Sekunden, bis der ballführende Spieler von einem Gegenspieler attackiert wurde, heute sind es unter zwei Sekunden. Die Gesamtlaufstrecke war ähnlich lang wie heute, doch es passierte alles langsamer.

Frage: Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld schimpft über den Zwei-Tages-Rhythmus der Spielansetzungen, es sei keine Zeit mehr, um richtig zu regenerieren. Teilen Sie die Kritik?

Schmidtlein: Ja, wenn die gegnerische Mannschaft zum Beispiel zwei Tage mehr Zeit hat, sich zu erholen.

Frage: Am Stammtisch wird aber gefragt: Kann man angesichts der Millionengehälter nicht von den Bundesliga-Stars erwarten, dass sie zwei oder drei Mal in der Woche spielen?

Schmidtlein: Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen dem Geld und der Leistungsbereitschaft. Es ist ja auch nicht so, dass der, der das meiste Geld bekommt, auch am schnellsten läuft. Man muss jedoch erwarten dürfen, dass die Profis hoch motiviert sind.

Frage: Was wäre Ihrer Meinung nach ein angemessener Spiel-Rhythmus für einen Profi-Fußballer?

Schmidtlein: Vier Spiele in zwei Wochen sind hart, aber sechs in einem Monat wären okay.

Frage: Womit lässt sich die Belastung von 90 Minuten Profifußball am besten vergleichen?

Schmidtlein: Mit einer strammen Wanderung, bei der man immer wieder bergauf sprinten muss. Die Pulsfrequenzen eines Spielers bewegen sich über ein Spiel hinweg immer zwischen 140 und 185. Wenn man eine Treppe schnell hochgeht, ist der Puls auch bei 150 - und das hat ein Fußballer das ganze Spiel hindurch.

Frage: Der Erholung wird immer mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Wie lange dauert die Regeneration nach einem Spiel?

Schmidtlein: Bis zur vollen Regeneration zweieinhalb Tage, wobei sich diese Zeit je nach Körperstruktur und -größe immer noch unterscheidet.

Frage: Und wie kann man diese Zeit möglichst kurz halten?

Schmidtlein: Viele Profis nehmen noch in der Kabine warmes Essen zu sich. Nach dem Spiel oder Training ist das Ernährungsfenster eines Spielers weit geöffnet und schließt sich innerhalb der nächsten 120 Minuten immer mehr. Wenn die ersten Nährstoffe, mit denen der Speicher wieder aufgefüllt werden soll, erst zwei Stunden nach dem Spiel zu sich genommen würden, bräuchte die Aufnahme durch den Körper sechs bis sieben Stunden länger. Darüber hinaus gibt es Massagen, die direkt nach dem Wettkampf angewendet werden oder am Tag danach.

Frage: Am nächsten Tag wird doch trainiert.

Schmidtlein: Es gibt auch Trainingsmethoden, die den Regenerationsprozess positiv beeinflussen, indem man den Stoffwechsel mild belastet. Beim Fußballer eignet sich dafür ein kurzes Krafttraining für den Oberkörper sehr gut.

Frage: Der FC Bayern verkabelt seine Spieler nach jedem Europapokalspiel mit dem Sportdiagnostik-Programm Omega-Wave, um zu überprüfen, wer der Belastung zwei oder drei Tage später in der Bundesliga am ehesten gewachsen ist. Schenkt man Geräten mehr Vertrauen als der inneren Stimme des Spielers?

Schmidtlein: Das Gerät ist nichts anderes als ein speziell ausgewertetes EKG, es misst zusätzlich noch den Atemrhythmus und den Gehirnstrom des Spielers. Es werden physikalische Daten des Körpers aufgenommen und mathematisch berechnet. Es ist kein Ersatz für Leistungsdiagnostik. Man kann mit diesem Hilfsmittel aber definitiv vermeiden, dass Fußballer ins Übertraining kommen, was leider immer noch der Fall ist. Im Fußball sieht man das bei manchen Vereinen sogar flächendeckend. In dem einen Jahr bringen sie unglaubliche Leistungen, und im nächsten spielen sie gegen den Abstieg. Das große Problem ist, dass viele Vereine im Fitnessbereich personell unterbesetzt sind.

Frage: Sprengt ein großer Betreuerstab, wie ihn der DFB hat, nicht den finanziellen Rahmen eines Clubs?

Schmidtlein: Da lache ich mich kaputt. Wenn man überlegt, was ein durchschnittlicher Spieler heute für ein Gehalt haben soll und was das Personal kostet, das sich um ihn kümmert. Wahnsinn! Für einen Spieler, der im Kader vielleicht an Nummer 23 oder 24 steht, könnte sich jeder durchschnittliche Profiverein in Deutschland zwei bis drei Betreuer mehr leisten. Im Ausland beschäftigen die professionellsten Clubs einen Stab von teilweise weit über zehn Leuten.

Die Fragen stellte Benjamin Apitius



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DJ Doena 16.01.2007
1.
Sport ist prinzipiell gesund. Wenn er zum bis zum Exzess getrieben wird, ist auch er nicht gesund. Is wie mit allen Dingen im Leben: in Maßen, aber nicht in Massen.
Umberto, 16.01.2007
2.
---Zitat von sysop--- Deislers Karriereende: Leistungsdruck, Bänderrisse, Knochenbrüche - macht Profifußball krank? ---Zitatende--- Deisler war den Anforderungen, die der Profi-Fußball an einen Berufsspieler stellt körperlich und geistig nicht gewachsen. Und das kann jedem anderen Profi auch zustossen, wenn er über seinen Möglichkeiten "leisten" will....
denist, 16.01.2007
3.
---Zitat von Umberto--- Deisler war den Anforderungen, die der Profi-Fußball an einen Berufsspieler stellt körperlich und geistig nicht gewachsen. Und das kann jedem anderen Profi auch zustossen, wenn er über seinen Möglichkeiten "leisten" will.... ---Zitatende--- Meiner Meinnung nach konnte er nicht die anforderungen erfüllen, die er an sich selber stellte. Danke für alles!
DJ2002dede, 16.01.2007
4.
---Zitat von sysop--- Deislers Karriereende: Leistungsdruck, Bänderrisse, Knochenbrüche - macht Profifußball krank? ---Zitatende--- Wie die Bibel schon wusste: Alles was zu viel ist macht krank. Und es ist ja hinlänglich bekannt, das es im Fußball auch mal ruppiger zur Sache geht, das die Gelenke stark beansprucht werden usw. Da gibt es irgendwann mal Verschleißerscheinungen, und manche Körper sind so anfällig, das einige Spieler schon während der frühen Karriere viele Verletzungen erleiden und schon früh die Karriere beenden müssen. Wenn man dann noch unter erheblichem Leistungsdruck steht, schnell wieder fit werden will und zu früh mit dem Trainieren beginnt bzw. zu früh 100% Leistung abruft sind die Gefahren einer Verletzung noch größer. Und wenn man sich dann noch mal verletzt kann das die Psyche schon sehr angreifen.
Carsten31 16.01.2007
5.
Die Sensibilität, die Deisler am Ball zeigte, kennzeichnete leider auch seine psychische und physische Konstitution. Ein Fußballer, dem man gerne zugeschaut hat, schmeisst hin. Nach den "Seuchenjahren" (5 Euro ins Phrasenschwein) verständlich....aber trotzdem schade.
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