DFB-Frauenkader Das Neid-Prinzip

Selbst prominente Spielerinnen müssen um ihren Stammplatz bangen: Kein Team bei der Frauenfußball-WM ist so ausgeglichen stark besetzt wie das deutsche. Bundestrainerin Silvia Neid stachelt ganz bewusst den Konkurrenzkampf an.

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Wer in diesen Tagen durch Frankfurt läuft, der Endspielstadt der Frauenfußball-WM, kann ihr nicht entgehen. Das Konterfei von Birgit Prinz prangt überlebensgroß in der Zeil, der Fußgängerzone. Prinz ist das Gesicht des deutschen Frauenfußballs, sie hat 211 Mal für Deutschland gespielt, sie ist dreimal Weltfußballerin des Jahres gewesen und hat an bisher vier WM-Turnieren teilgenommen.

Die Weltmeisterschaft in Deutschland soll der krönende Abschluss dieser Karriere werden - und ausgerechnet jetzt wird über die Konkurrenz im deutschen Angriff diskutiert.

Bundestrainerin Silvia Neid hat zuletzt noch einmal eine Ehrenerklärung für die Frankfurterin abgegeben: "Birgit ist einzigartig. Sie spielt seit 17 Jahren auf dem höchsten Niveau und ist die Entwicklung immer mitgegangen." Prinz hat bei den großen Turnieren meist überzeugt, sie galt allerdings mit ihrem Torinstinkt auch stets als unverzichtbar im Sturm. Erstmals ist das in diesem Jahr nicht so. Die Jugend drängt nach. Es gibt Alternativen.

Die Jugend - das sind Alexandra Popp, 20 Jahre alt, und Celia Okoyino da Mbabi, 22. Beide haben in der Vorbereitung überzeugt, beide haben im Unterschied zu Prinz auch getroffen. Neid rüttelte in den Testspielen gegen Nordkorea (2:0), Italien (5:0) und die Niederlande (5:0) ganz bewusst die Sturmformationen durcheinander und probierte immer wieder neue Kombinationen aus. Beim Härtetest gegen Norwegen am Donnerstag hat sie ein letztes Mal Gelegenheit dazu. Auch Prinz kann da nach ihrer Sprunggelenksverletzung wieder mitwirken.

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Die Bundestrainerin hat ein echtes Luxusproblem - fast auf allen Positionen kann sie variieren. Stammplatzgarantien haben denn auch nur wenige: Nadine Angerer im Tor, Kerstin Garefrekes oder Simone Laudehr im Mittelfeld. Neid kann es sich erlauben, Druck auf ihre arrivierten Spielerinnen auszuüben. Prinz spürt den ebenso wie ihre Kollegin im Angriff: Inka Grings.

Die Bundestrainerin vertraut gerne Spielerinnen, von denen sie weiß, dass sie sich auf sie verlassen kann. Insofern ist Prinz so etwas wie der weibliche Miroslav Klose - eine Stürmerin, die dann ihre Leistung abruft, wenn es drauf ankommt. Prinz wird, sofern es ihre Verletzung zulässt, die deutsche Mannschaft als Kapitänin beim Eröffnungsmatch gegen Kanada ins Berliner Olympiastadion führen, aber einen Freibrief fürs gesamte Turnier hat selbst sie nicht.

Dem Werbeliebling droht die Jokerrolle

Für Fatmire Bajramaj gilt das umso mehr. Die 23-Jährige erfüllt die Sehnsucht der werbetreibenden Wirtschaft nach dem Star dieser deutschen Mannschaft, sie ist der "DFB-Beauty" in vielen Medien. Aber beim Turnier droht ihr ein Platz auf der Ersatzbank. Derzeit gilt Konkurrentin Melanie Behringer als gesetzt.

Behringer ist zweifellos kein Typ für die Klatschspalten, dafür pflegt sie einen geradlinigen Fußball, schlägt gute Flanken und hat auch kämpferisch Vorteile gegenüber Bajramaj. "Silvia Neid baut auf sportliche Leistungen und nicht darauf, wer am meisten in den Medien vertreten ist", hat Behringer, die ab der kommenden Saison mit Bajramaj beim FFC Frankfurt zusammenspielen wird, schon einmal verlauten lassen.

Neid lässt viel Konkurrenzdruck zu. Die teilweise leicht erspielten Erfolge gegen die Testspielgegnerinnen aus Italien und den Niederlanden haben in der Öffentlichkeit ohnehin die Erwartung geweckt, dass es im eigenen Land nicht um eine gute Platzierung, sondern nur um den WM-Titel gehen kann. Die Bundestrainerin weiß um die Gefahr, das Turnier gerade zu Beginn zu leicht zu nehmen. Da kann es ein brauchbares Instrument sein, die Spielerinnen möglichst lange über die Stammelf im unklaren zu lassen.

"Wir haben 21 Spielerinnen, die alle hereingenommen werden können, ohne dass es einen Niveauverlust gibt", hat Behringer gesagt und damit die Stärke des deutschen Teams in einem Satz zusammengefasst. Andere Nationen wie Brasilien oder die USA mögen die besseren Einzelspielerinnen haben. Neid jedoch ist in der Lage, auf jede Spielsituation mit einer Option reagieren zu können. Eine Qualität, die das DFB-Team allen anderen Teilnehmern voraus hat: "Wir haben viele unterschiedliche Spielertypen. Das macht uns für die Gegnerinnen schwer berechenbar", so die Bundestrainerin.

Der Test gegen Norwegen dürfte Aufschluss darüber geben, wie weit Neid in diesem Sinne mit ihren Planungen gediehen ist. Die Skandinavierinnen sind aktuell Neunter der Weltrangliste, ein Team, mit dem sich die DFB-Elf schon einige packende Duelle bei großen Turnieren geliefert hat. Eine Mannschaft, die körperlich spielt und auch die vielleicht einzigen Schwächen des Neid-Teams in der zentralen Defensive aufdecken könnte.

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
dilletantes 16.06.2011
1. *
Solange Frau Angerer das Tor bewacht, mach ich mir keine Sorgen...
kugelsicher99, 16.06.2011
2. Professionell
Sehr gute Herangehensweise von Frau Neid. So etwas nenne ich professionelle Arbeit. Wenn man wirklich Weltmeister, (und nicht nur D. neue Lieblinge für einen Sommer und ein wenig reicher werden will) braucht man genau diesen konstanten Leistungsdruck und die damit einher gehende Ernsthaftigkeit, um Mannschaften wie Brasilien und die USA zu schlagen.
allereber 16.06.2011
3. Keine Bibelfeste.
Zitat von dilletantesSolange Frau Angerer das Tor bewacht, mach ich mir keine Sorgen...
Solange die Torschützenkönig Conny Pohlers ausgeschlossen ist,werden die Deutschen im Vierelfinale ausscheiden. Warum ist sie ausgeschlossen?
kugelsicher99, 16.06.2011
4. Schwärm...
Ein Problem hab ich allerdings bei der Frauen WM... zum wem hallte ich wenn Hope Solo, äh ich meine natürlich USA gegen D. spielt?! Im Endeffekt wird es dann wohl doch leider das deutsche Team sein, welches ich der faszinierendsten und schärfsten Frau im Weltfußball vorziehen muss. http://www.google.de/search?hl=de&client=firefox-a&hs=nSa&rls=org.mozilla%3Ade%3Aofficial&biw=1472&bih=726&tbm=isch&sa=1&q=hope+solo&oq=hope+solo&aq=f&aqi=&aql=&gs_sm=e&gs_upl=0l0l0l0l0l0l0l0l0l0l0ll0
caligerman 16.06.2011
5. Pohlers nicht unbedingt
Zitat von allereberSolange die Torschützenkönig Conny Pohlers ausgeschlossen ist,werden die Deutschen im Vierelfinale ausscheiden. Warum ist sie ausgeschlossen?
Ach, bitte! Wohl doch kaum.
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