Von Lukas Rilke und Peter Ahrens, Bremen
Die Grande Nation macht sich klein. Fußball-Frankreich ist derzeit extrem bemüht, die eigene Qualität auffallend zurückhaltend zu bewerten. Als "so lala" bezeichnete der französische Uefa-Präsident Michel Platini den Großteil der Nationalmannschaft. Und Frankreichs Nationaltrainer Laurent Blanc stellte am Abend vor dem Länderspiel in Bremen gegen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) fest: "Es ist noch ein weiter Weg, um in Europa wieder ganz vorn dabei zu sein."
Der Weg, von dem Blanc spricht, begann am 20. Juni 2010 in Knysna, bei der WM in Südafrika. Auf dem Platz verspielte damals ein desolates Team unter dem Coach Raymond Domenech schon in der Gruppenphase jeglichen Kredit. Der Trainingsboykott, gefolgt von zahlreichen Suspendierungen und dem Aus für Domenech, markierte den Tiefpunkt eines Niedergangs des hochgelobten Welt- und Europameisters der Jahre 1998 und 2000. Aus dem Vorzeigeverband mit exzellenter Jugendarbeit war in nur einem Jahrzehnt ein Chaos-Club geworden.
Nach Domenech wurde Blanc auserkoren, das Team für die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli), vor allem aber für die kommenden Jahre auf den Weg zu bringen. "Wir wollen alles, was 2010 war, vergessen. Wir gucken nach vorne. Es ist eine andere Generation, für viele wird es das erste richtige Turnier", sagt der 46-Jährige, der die Mannschaft als "Baustelle" bezeichnet.
"Früher waren die Deutschen eine Dampfwalze"
Orientierte sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nach der desaströsen EM 2000 am Vorbild Frankreich, ist es nun umgekehrt. "Jetzt ist es an uns, uns davon eine Scheibe abzuschneiden und eine ähnliche Philosophie zu entwickeln", so Blanc. Besonders spielerisch habe sich der deutsche Fußball verbessert: "Früher waren sie eine Dampfwalze."
In Bremen erwartet "Le Président", wie Blanc in Frankreich genannt wird, zwar keine Dampfwalze, aber doch gewaltigen Druck vom Gastgeber: "Wir müssen die ersten 20 Minuten überstehen. Unsere Defensive wird auf eine harte Probe gestellt werden."
Treffen Blancs Erwartungen zu, werden besonders Philippe Mexes und Adil Rami in der Innenverteidigung gefordert: "Das ist die Kombination, die uns die meiste Sicherheit gibt", so der Coach.
Keeper Hugo Lloris wird Kapitän bei der EM sein
Der 25-jährige Rami etablierte sich ebenso unter Blanc wie der 21 Jahre alte Mittelfeldabräumer Yann M'Vila von Stade Rennes, den der Trainer bei seinem ersten Länderspiel im August 2010 gegen Norwegen erstmals berief. Seitdem ist er aus dem defensiven Mittelfeld nicht mehr wegzudenken, der Newcomer stabilisierte ein völlig verunsichertes Team. "Sein Können ist unglaublich. Man muss ihm die Dinge nur ein einziges Mal sagen, und er setzt sie auf der Stelle um", schwärmt dessen Vereinstrainer Frédéric Antonetti.
Nach den verletzungsbedingten Ausfällen der Angreifer Karim Benzema und Loïc Rémy soll Olivier Giroud von Tabellenführer Montpellier voraussichtlich die Rolle als Sturmspitze besetzen. Tore verhindern soll Hugo Lloris von Olympique Lyon. Der Keeper wird das Team im Weserstadion, aber auch bei der Europameisterschaft auf das Feld führen, darauf legte sich Blanc bereits fest: "Er wird der Kapitän sein."
Das Schmuckstück der Mannschaft ist die Offensive - eigentlich. Doch Franck Ribéry, Florent Malouda, Samir Nasri und Benzema harmonieren in Blancs System bisher kaum miteinander. Malouda muss in Bremen wohl auf der Bank Platz nehmen, den Münchner Ribéry wird Blanc zwar spielen lassen, mahnt aber gleichzeitig: "Er hat gerade im Verein sehr starke Leistungen gebracht, bei uns hat er noch nicht ganz diese Konstanz." Die Philosophie des 46-Jährigen ist klar: Stars haben keinen Sonderstatus mehr, es zählt allein die Leistung.
Ribéry, als einer der WM-Meuterer zunächst suspendiert, dann rehabilitiert, hat große Ziele: "Wir fahren nach Bremen, um zu gewinnen", sagte der Mittelfeldspieler, schließlich habe er keine Lust, sich "die ganze Woche unangenehme Sprüche von meinen Mitspielern im Verein anzuhören". Er habe das Gefühl, mit der Mannschaft bei der EM "ein Riesending schaffen zu können. Ich persönlich will den Titel."
Der Weg ins Finale aber wird schwierig für die noch immer nicht gefestigte Mannschaft. Bei dem Turnier trifft Frankreich auf England, Schweden und Co-Gastgeber Ukraine. Daher klingt Torhüter Lloris schon deutlich bescheidener als Ribéry, wenn er sagt: "Wir müssen einfach versuchen, unsere Gruppenphase zu überstehen."
Voraussichtliche Aufstellungen
Deutschland: Wiese - Höwedes, Hummels, Badstuber, Schmelzer - Khedira, Kroos - Müller, Özil, Schürrle - Klose
Frankreich: Lloris - Debuchy, Mexes, Rami, Abidal - M'Vila, Cabaye - Nasri, Martin, Ribéry - Giroud
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