Fußball-Sicherheitsgipfel: Der große Graben

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Politik und Fußballverbände gehen in der kommenden Saison entschieden gegen Pyrotechnik und Fangewalt vor: Stadionverbote gelten länger, Einlasskontrollen werden schärfer, Videoüberwachung ausgebaut. Der Erfolg dieser Maßnahmen ist ungewiss, die Fanorganisationen halten wenig davon.

Innenminister Friedrich, DFB-Chef Niersbach: "Um die einzigartige Fankultur zu erhalten" Zur Großansicht
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Innenminister Friedrich, DFB-Chef Niersbach: "Um die einzigartige Fankultur zu erhalten"

Das Hotel Palace und das Hotel Interconti liegen in Berlin an derselben Straße, zu Fuß kommt man von einem Hotel zum anderen in gut vier Minuten. Am Dienstag schien die Entfernung zwischen beiden Orten allerdings unendlich weit, als sei ein riesiger Graben dazwischen. In dem einen Hotel saßen die Club-Vertreter der ersten drei Ligen, der DFB und Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) zusammen, um beim sogenannten Sicherheitsgipfel über einen drastischen Strafenkatalog für gewalttätige Fans nachzudenken. 500 Meter weiter tagten die prominentesten Fanorganisationen und berieten darüber, wie man der Politik und den Verbänden solche Maßnahmen am besten ausredet.

Von Beruhigung, von Versachlichung war an beiden Orten viel und oft die Rede. Auch von Dialogbereitschaft wurde häufig gesprochen. Und dennoch reden beide Seiten bloß über dasselbe. Meinen tun sie etwas ganz anderes.

Dass DFB, DFL und der Minister zwar über, aber nicht mit den Fangruppen redeten, das hat bei Organisationen wie Pro Fans oder Unsere Kurve viel Frustration ausgelöst. "Niemand weiß so gut darüber Bescheid, wie die Fankurven ticken und was dort gedacht wird, wie wir", sagt Philipp Markhardt, der Sprecher von Pro Fans. Es verstehe niemand, warum auf einem Gipfeltreffen zur Fangewalt auf "dieses Expertenwissen" verzichtet werde. Damit werde "so ein Treffen im Grunde zwecklos", sagt Kollege Jakob Falk.

Maßnahmen gegen "die Minderheit der Unverbesserlichen"

Das sieht DFL-Präsident Reinhard Rauball, 500 Meter entfernt, anders. Es könne keine Rede davon sein, dass die Fans übergangen würden, "deren Gedankengut" sei durchaus in die Vorstellungen der Sicherheitskonferenz mit eingeflossen. Zudem "saßen heute diejenigen zusammen, die für das, was passiert, auch geradestehen müssen". Damit meinte er die Vereine, nicht die Fans.

Dabei ging es bei dem Treffen mit dem Bundesinnenminister doch vorrangig um die Fans, die geradestehen sollen, nämlich jene "Minderheit der Unverbesserlichen, die die Fußballbühne missbrauchen" (Rauball). Die Stadionverbotsrichtlinien sollen verschärft werden, Einlasskontrollen "effektiver werden", Videoanlagen werden aufgerüstet, um eine "zuverlässige Identifizierung von Störern" zu gewährleisten. Und vor allem: null Toleranz "gegen jede Form von Pyrotechnik", wie DFB-Chef Wolfgang Niersbach ergänzte. Alles Maßnahmen, "um die einzigartige Fankultur zu erhalten", wie es in der anschließenden Pressemitteilung hieß.

Verständlich, dass der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Mecklenburg-Vorpommerns Ressortchef Lorenz Caffier, nach dem Treffen ein äußerst zufriedendes Gesicht aufsetzte: "Alle Punkte, die wir Innenminister uns im Frühjahr gewünscht haben, wurden hier aufgenommen." Alles Schritte, die aus seiner Sicht dazu "beitragen, dass uns die Gewaltfrage nicht völlig aus dem Ruder läuft".

Stehplatzverbot ist vorerst vom Tisch

Lediglich die Kostenübernahme der Polizeieinsätze durch die Vereine, ein alter Wunsch der Innenminister, bleibt unerfüllt. Vorerst zumindest - denn "wenn die Maßnahmen nicht greifen, dann haben wir noch ein, zwei Ideen, die wir jetzt noch nicht erörtern mussten", hält Innenminister Friedrich Drohpotential in der Hinterhand. Dann käme auch wieder ein mögliches Stehplatzverbot auf die Tagesordnung.

Im Hotel Palace nebenan werden Sätze wie der von Caffier, "es muss deutlich werden, dass Stadien kein rechtsfreier Raum sind", als Populismus abgetan. Fananwalt René Lau zählt auf, dass sowohl bei den Strafverfahren als auch bei den Einsatzzeiten der Polizei seit Jahren von sinkenden Zahlen die Rede sei. "Diesen Anstieg von Gewalt im Fußball, der herbeigeredet wird, den gibt es einfach nicht", sagt der Berliner Jurist.

Im Vorjahr habe es 846 Verletzte bei Fanrandalen gegeben, so Lau, beim Münchner Oktoberfest des Vorjahres allein habe die Polizei nach ihren eigenen Angaben 10.000 Verletzte registriert. "Was in jeder Disco am Wochenende, bei jedem Schützenfest passiert, interessiert niemanden. Nur beim Fußball ist es das ganz große Thema."

Und das wird es wohl bleiben, da sich alle Vereine von Liga eins bis drei dazu verpflichtet haben, einen gemeinsamen Verhaltenskodex für Fans einzuführen und Verstöße dagegen rigoros zu ahnden. Darin wird unter anderem "eine konsequente Sanktionierung gegen Störer, Randalierer und Gewalttäter" verlangt und der Pyrotechnik eine klare Absage erteilt.

Ein Verein hat den Kodex nicht gegengezeichnet. Zweitligist Union Berlin, bekannt für seine lebendige Fankultur, war dem Treffen mit dem Minister ferngeblieben. Der Club ließ über Vereinssprecher Christian Arbeit mitteilen, bei dem Treffen handele es sich um eine "Akklamationsveranstaltung".

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insgesamt 34 Beiträge
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1.
dk5ras 17.07.2012
Ich hoffe doch, die deutlicheren Maßnahmen erstrecken sich auch auf den Bereich außerhalb des Stadions, gegen Eisenbahnzüge zerlegende "Fans", gegen alkoholisiert randalierende und pöbelnde "Fanhorden" in den Innenstädten. DAS ist der Bereich, der mich als bekennender Fußball-Totalverweigerer regelmäßig betrifft, nicht das Geschehen im Stadion.
2.
Djonzo 17.07.2012
Ich hoffe doch, dass demnächst auch eine Sicherheitskonferenz zum Thema Volksfeste gibt, wo dann deutliche Maßnahmen gegen alkoholisiert randalierende und pöbelnde Feierhorden auf den Festplätze, aber auch außerhalb der Wiesen ergriffen werden. DAS ist der Bereich, der mich als bekennenden Volkfestverweigerer regelmäßig betrifft, nicht das Geschehen auf den Volkfesten. Ja, und eigentlich brauchen wir wieder einen starken Führer, der den Fanhorden Grenzen aufzeigt und für Rrrruhe und Orrrdnung sorrrrgt. OMG!!!
3.
onecomment 17.07.2012
Zitat von dk5rasIch hoffe doch, die deutlicheren Maßnahmen erstrecken sich auch auf den Bereich außerhalb des Stadions, gegen Eisenbahnzüge zerlegende "Fans", gegen alkoholisiert randalierende und pöbelnde "Fanhorden" in den Innenstädten. DAS ist der Bereich, der mich als bekennender Fußball-Totalverweigerer regelmäßig betrifft, nicht das Geschehen im Stadion.
Bei Ihnen in der Stadt muss es ja jede Menge Fussballvereine, die Rund um die Uhr Spielen, geben, wenn man regelmäßig von Fanhorden angepöblet wird. Ich glaube wir reden hier irgendwie von zwei verschiedenen Ländern in denen wir leben.
4.
msondern 17.07.2012
Zitat von DjonzoIch hoffe doch, dass demnächst auch eine Sicherheitskonferenz zum Thema Volksfeste gibt, wo dann deutliche Maßnahmen gegen alkoholisiert randalierende und pöbelnde Feierhorden auf den Festplätze, aber auch außerhalb der Wiesen ergriffen werden. DAS ist der Bereich, der mich als bekennenden Volkfestverweigerer regelmäßig betrifft, nicht das Geschehen auf den Volkfesten. Ja, und eigentlich brauchen wir wieder einen starken Führer, der den Fanhorden Grenzen aufzeigt und für Rrrruhe und Orrrdnung sorrrrgt. OMG!!!
Danke dafür, das ist die einzig angemessene Reaktion auf so einen Blödsinn. Sachlich diskutieren kann man mit diesen "Fußball ist ein Proletensport zu dem nur Hartz4-Empfänger und Alkoholiker gehen um sich zu schlagen und zu kotzen"-Leuten sowieso nicht. Das haben ich und viele andere schon in diversen Strängen versucht.
5.
test712 17.07.2012
Mal an die Krokodilstränen-Fraktion auf der Fan-Seite: Wie lange könnte man bei einem der vielzitierten "Derbys" im heimischen Ultrablock lauthals die Gästemannschaft anfeuern? Gefühlt drei bis fünf Sekunden, ok? Solange die Pyro-Fraktion mehr Zeit und Toleranz bekommt, nehme ich die ganzen Krokodilstränen nicht ernst. Wo ein Wille gegen Pyros und Krawallmacher etc. wäre, da gäbe es das Problem nicht. Soziale Kontrolle, peer pressure oder wie das alles heißt. Solange der richtige Schal Nachsicht der Umgebung bei (fast) jedem Verhalten garantiert, kann man nicht auf staatliche Nachsicht hoffen. Schade für die Mehrzahl der "normalen" Fans.
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Karlsruhe und Düsseldorf: Die wilden Pyro-Exzesse

Der auf dem Sicherheitsgipfel beschlossene Verhaltenskodex im Wortlaut
Zweck
Der vorliegende Verhaltenskodex definiert die wichtigsten Grundsätze zur Wahrung eines gewaltfreien, sicheren und fairen Wettbewerbs im deutschen Fußball. Er beschreibt Verhaltensregeln zum Schutz der Zuschauer bei Fußballspielen und zur Förderung einer friedlichen Fußballkultur. Der Kodex ist das gemeinsame Bekenntnis der Vereine und Verbände, alle notwendigen Maßnahmen für noch mehr Sicherheit umzusetzen, sich deutlich sichtbar von Störern, Randalierern und Gewalttäter zu distanzieren und damit die Grundwerte des Fußballs zu bewahren.
Verhaltensgrundsätze
Mit dem vorliegenden Verhaltenskodex erklären wir: Wir treten für die Werte des Fußballs ein Fußball ist ein gesellschaftliches Gemeinschaftserlebnis, das Millionen Menschen auf emotionale und friedliche Weise verbindet. Die Fans sind ein wichtiger, zentraler Bestandteil unseres Sports. Ihre Unterstützung und ihre Leidenschaft sind Teil dieser einzigartigen, faszinierenden Fußballkultur, die es zu bewahren gilt.
Wir verurteilen jede Form von Gewalt
Die Sicherheit der Zuschauer und aller an der Organisation und Durchführung eines Fußballspiels Beteiligten ist die Basis unseres Fußballs. Wir distanzieren uns in aller Form und deutlich sichtbar von Störern, Randalierern und Gewalttätern. Für sie gibt es keinen Platz im Fußball.
Wir dulden keine Pyrotechnik beim Fußball
Das Abbrennen von Feuerwerk gefährdet die Gesundheit der Zuschauer und den Spielbetrieb. Schon aus diesem Grund kann Pyrotechnik kein Bestandteil einer schützenswerten Fankultur sein. Wir sagen Nein zu Pyrotechnik im Stadion und im Umfeld von Fußballspielen.
Wir bestehen auf die Einhaltung der Regeln
Stadien sind kein rechtsfreier Raum. Wer zu einem Fußballspiel geht, muss sich, wie bei allen anderen Veranstaltungen an die Regeln halten. Das geltende Recht, die jeweilige Stadionordnung und die Weisungen der Ordnungsdienste sind von jedem Zuschauer zu respektieren und einzuhalten.
Wir stehen für eine konsequente Sanktionierung
Verstöße gegen die Stadionordnung und geltendes Recht müssen wirkungsvoll geahndet werden. Wir werden unsere Sanktionsmöglichkeiten gegen Störer, Randalierer und Gewalttäter konsequent ausschöpfen und umsetzen.