Von Peter Ahrens
Das Hotel Palace und das Hotel Interconti liegen in Berlin an derselben Straße, zu Fuß kommt man von einem Hotel zum anderen in gut vier Minuten. Am Dienstag schien die Entfernung zwischen beiden Orten allerdings unendlich weit, als sei ein riesiger Graben dazwischen. In dem einen Hotel saßen die Club-Vertreter der ersten drei Ligen, der DFB und Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) zusammen, um beim sogenannten Sicherheitsgipfel über einen drastischen Strafenkatalog für gewalttätige Fans nachzudenken. 500 Meter weiter tagten die prominentesten Fanorganisationen und berieten darüber, wie man der Politik und den Verbänden solche Maßnahmen am besten ausredet.
Von Beruhigung, von Versachlichung war an beiden Orten viel und oft die Rede. Auch von Dialogbereitschaft wurde häufig gesprochen. Und dennoch reden beide Seiten bloß über dasselbe. Meinen tun sie etwas ganz anderes.
Dass DFB, DFL und der Minister zwar über, aber nicht mit den Fangruppen redeten, das hat bei Organisationen wie Pro Fans oder Unsere Kurve viel Frustration ausgelöst. "Niemand weiß so gut darüber Bescheid, wie die Fankurven ticken und was dort gedacht wird, wie wir", sagt Philipp Markhardt, der Sprecher von Pro Fans. Es verstehe niemand, warum auf einem Gipfeltreffen zur Fangewalt auf "dieses Expertenwissen" verzichtet werde. Damit werde "so ein Treffen im Grunde zwecklos", sagt Kollege Jakob Falk.
Maßnahmen gegen "die Minderheit der Unverbesserlichen"
Das sieht DFL-Präsident Reinhard Rauball, 500 Meter entfernt, anders. Es könne keine Rede davon sein, dass die Fans übergangen würden, "deren Gedankengut" sei durchaus in die Vorstellungen der Sicherheitskonferenz mit eingeflossen. Zudem "saßen heute diejenigen zusammen, die für das, was passiert, auch geradestehen müssen". Damit meinte er die Vereine, nicht die Fans.
Dabei ging es bei dem Treffen mit dem Bundesinnenminister doch vorrangig um die Fans, die geradestehen sollen, nämlich jene "Minderheit der Unverbesserlichen, die die Fußballbühne missbrauchen" (Rauball). Die Stadionverbotsrichtlinien sollen verschärft werden, Einlasskontrollen "effektiver werden", Videoanlagen werden aufgerüstet, um eine "zuverlässige Identifizierung von Störern" zu gewährleisten. Und vor allem: null Toleranz "gegen jede Form von Pyrotechnik", wie DFB-Chef Wolfgang Niersbach ergänzte. Alles Maßnahmen, "um die einzigartige Fankultur zu erhalten", wie es in der anschließenden Pressemitteilung hieß.
Verständlich, dass der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Mecklenburg-Vorpommerns Ressortchef Lorenz Caffier, nach dem Treffen ein äußerst zufriedendes Gesicht aufsetzte: "Alle Punkte, die wir Innenminister uns im Frühjahr gewünscht haben, wurden hier aufgenommen." Alles Schritte, die aus seiner Sicht dazu "beitragen, dass uns die Gewaltfrage nicht völlig aus dem Ruder läuft".
Stehplatzverbot ist vorerst vom Tisch
Lediglich die Kostenübernahme der Polizeieinsätze durch die Vereine, ein alter Wunsch der Innenminister, bleibt unerfüllt. Vorerst zumindest - denn "wenn die Maßnahmen nicht greifen, dann haben wir noch ein, zwei Ideen, die wir jetzt noch nicht erörtern mussten", hält Innenminister Friedrich Drohpotential in der Hinterhand. Dann käme auch wieder ein mögliches Stehplatzverbot auf die Tagesordnung.
Im Hotel Palace nebenan werden Sätze wie der von Caffier, "es muss deutlich werden, dass Stadien kein rechtsfreier Raum sind", als Populismus abgetan. Fananwalt René Lau zählt auf, dass sowohl bei den Strafverfahren als auch bei den Einsatzzeiten der Polizei seit Jahren von sinkenden Zahlen die Rede sei. "Diesen Anstieg von Gewalt im Fußball, der herbeigeredet wird, den gibt es einfach nicht", sagt der Berliner Jurist.
Im Vorjahr habe es 846 Verletzte bei Fanrandalen gegeben, so Lau, beim Münchner Oktoberfest des Vorjahres allein habe die Polizei nach ihren eigenen Angaben 10.000 Verletzte registriert. "Was in jeder Disco am Wochenende, bei jedem Schützenfest passiert, interessiert niemanden. Nur beim Fußball ist es das ganz große Thema."
Und das wird es wohl bleiben, da sich alle Vereine von Liga eins bis drei dazu verpflichtet haben, einen gemeinsamen Verhaltenskodex für Fans einzuführen und Verstöße dagegen rigoros zu ahnden. Darin wird unter anderem "eine konsequente Sanktionierung gegen Störer, Randalierer und Gewalttäter" verlangt und der Pyrotechnik eine klare Absage erteilt.
Ein Verein hat den Kodex nicht gegengezeichnet. Zweitligist Union Berlin, bekannt für seine lebendige Fankultur, war dem Treffen mit dem Minister ferngeblieben. Der Club ließ über Vereinssprecher Christian Arbeit mitteilen, bei dem Treffen handele es sich um eine "Akklamationsveranstaltung".
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