DFB-Kandidat Grindel Der Seitenwechsler

Die Profiklubs haben die Entscheidung über einen potentiellen Nachfolger von Wolfgang Niersbach vertagt. Die Landesverbände unterstützen Reinhard Grindel. Da sie die Mehrheit haben, gilt seine Wahl als sehr wahrscheinlich. Ein Kurzporträt.

DFB-Schatzmeister Grindel: Kandidat für das Präsidentenamt
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DFB-Schatzmeister Grindel: Kandidat für das Präsidentenamt


Politiker, Journalist, DFB-Funktionär: Die Landesverbände wollen Reinhard Grindel zum Nachfolger des zurückgetretenen Wolfgang Niersbach machen. Zwar hieß es nach einer Sondersitzung des DFB-Präsidiums am Freitag, man werde sich erst mit der Neuwahl eines DFB-Präsidenten beschäftigen, wenn die WM-Affäre aufgearbeitet sei, dennoch ist Grindel der DFB-Chefposten kaum noch zu nehmen. Selbst wenn sich die Profiklubs für einen anderen Kandidaten aussprechen sollten. Denn die Landesverbände haben bei einem außerordentlichen Bundestag eine Zweidrittelmehrheit und können ihren Kandidaten damit durchsetzen.

Doch der Mann, den die Amateur-Vertreter an der Spitze des DFB haben wollen, ist umstritten. Er ist ein Quereinsteiger und bekleidet noch nicht lange Fußballämter. Kritiker stört, dass er zeitgleich DFB-Funktionär und Vize-Chef des Sportausschusses des Bundestags ist. Als der Bundestag im Frühjahr 2014 ein Gesetz zur Strafbarkeit von Abgeordnetenbestechung verabschiedete, stimmten 582 Abgeordnete dem Gesetz zu, drei waren dagegen, sieben enthielten sich - einer von ihnen war Grindel.

Dass er dennoch zum Kandidaten für das Amt des DFB-Präsidenten gekürt wurde, ist auch dem Mangel an Alternativen geschuldet. Reinhard Rauball, Oliver Bierhoff und Heribert Bruchhagen haben abgesagt. Und auch Interimschef Rainer Koch hatte seinen Verzicht erklärt, er unterstützt stattdessen Grindel.

Wer ist der Mann, der den DFB aus der Krise führen soll?

Der Journalist: Grindel, gebürtiger Hamburger, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er machte das erste Staatsexamen in Jura und arbeitete danach als Redakteur für Landespolitik bei Radio Schleswig-Holstein (RSH) in Kiel. 1989 ging er als Korrespondent für RSH und die Neue Osnabrücker Zeitung nach Bonn. 1997 übernahm Grindel die Leitung des ZDF-Studios in Berlin und von 1999 bis 2002 leitete er das ZDF-Studio in Brüssel.

Der Politiker: Grindel zeigte bereits früh politisches Interesse, 1977 trat er im Alter von 16 Jahren in die CDU ein. Er engagierte sich in der Jungen Union und gehörte dem Landesvorstand an, später war er Mitglied des CDU-Kreisvorstandes Hamburg-Eimsbüttel, saß als Abgeordneter in der Bezirksversammlung. Er sei vor allem deshalb in die Partei eingetreten, um sich gegen die damalige Schulpolitik einzusetzen. "Politik ist immer meine Leidenschaft gewesen", erklärt er auf seiner Homepage. 2002 folgte dann der Seitenwechsel: Er kehrte dem Journalismus den Rücken und zog in den Bundestag ein. Dort war er Mitglied des Bundestags-Innenausschusses und ist derzeit stellvertretender Vorsitzender des Sportausschusses.

Der DFB-Funktionär: In der Sportpolitik legte er einen schnellen Aufstieg hin. 2011 wurde er Vizepräsident des Niedersächsischen Fußballverbandes und nur zwei Jahre später war er bereits Schatzmeister des DFB-Präsidiums. Grindel gehörte im DFB den Kommissionen für Steuern und Abgaben und für Nachhaltigkeit an, außerdem war er Anti-Korruptionsbeauftragter des DFB. Er lebt in Rotenburg, ist Mitglied im örtlichen Fußballverein und außerdem stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der Robert-Enke-Stiftung.

Seine Doppelrolle als DFB-Funktionär und Teil des Sportausschusses - der sich zuletzt auch mit der dubiosen Zahlung von 6,7 Millionen Euro beschäftigte - hatte ihm zuletzt viel Kritik eingebracht. Verfasser eines offenen Briefes, darunter Grünen-Politiker Özcan Mutlu, hatten vor seiner Ernennung zum Schatzmeister davor gewarnt, Grindel ins DFB-Präsidium zu wählen.

Grindel dementiert Absprache mit DFB

Der Grund war eine Bundestagsdebatte zum Optionsmodell. Grindel war dafür, dass junge Deutsche mit doppelter Staatsbürgerschaft sich für eine Nationalität entscheiden müssen. Die Protestler schrieben, der DFB stehe für Integration und Toleranz, Grindel hingegen sei vorurteilsbeladen. Der DFB wiegelte ab und antwortete Grindel werde künftig "parteipolitisch umstrittene Themenfelder nicht in den Mittelpunkt seiner politischen Arbeit stellen, sondern sich vielmehr sportpolitischen Fragestellungen zuwenden". Ein Maulkorb? Grindel dementiert, dass es solche Absprache mit dem DFB gäbe.

Er kündigte an, im Fall einer Wahl sein Bundestagsmandat niederzulegen. Seinen Sitz im Sportausschuss werde er mit sofortiger Wirkung aufgeben.

Die Vertreter des Profifußballs reagierten erzürnt, nachdem sich die 21 Landesverbände auf Grindel als Wunschkandidaten geeinigt hatten. Der 54-Jährige betonte vor der Präsidiumssitzung, es gehe nun darum sich mit dem Ligaverband zu einigen. Im Mittelpunkt der Arbeit müssten die Konsequenzen aus der Affäre um die WM-Vergabe 2006 stehen. "Diese notwendige Arbeit in der Sache sollte nicht von einer Diskussion über Personen überlagert werden", sagte Grindel.

Vor der Präsidiumssitzung hatte Hannover-96-Chef Martin Kind Grindel Rückendeckung gegeben: "Er ist Profi durch und durch. Er ist Jurist, war Journalist und ist Bundestagsabgeordneter. Ich denke, allein das qualifiziert ihn", sagte Kind "Sky Sport News": "Wenn er gewählt wird, hat er das Vertrauen und auch die Unterstützung verdient." Vielleicht also, werden sich die Profiklubs doch noch dem Votum der Landesverbände anschließen.

insgesamt 2 Beiträge
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raber 21.11.2015
1. DFB ist ohne skandalbefleckte Manager besser dran
Auf jeden Fall sollte der WM-2006-Vergabeskandal vorher völlig geklärt sein. Dessen Mitverantwortliche auf jeden Fall klar identifiziert und keiner dürfte einen DFB-Posten haben. Es wäre wieder eine internationale Blamage wenn nach der Wahl des neuen DFB-Präsidenten dieser wegen Teilnahme gekündigt werden müsste. Nach BER, WM-Vergabe, Audi/VW-Clean Diesel, Deutsche Skandalbank, Middelhof, usw. ist genug. Beckenbauer sollte sich zu dem Thema überhaupt nicht äussern, da er wohl der Allerletzte ist der Transparenz schaffen will. Soll er doch seine eingesparten Steuern in Ruhe geniessen und hintenherum kein Störfeuer verursachen.
toisdorf 21.11.2015
2. ja ja, der franz
Er war immerhin als fußballer weltmeister und als trainer ohne lizenz ebenfalls. Es zeugt für seine integrität, daß er sich an gewisse dinge nicht mehr erinnern kann, aber zu 100 % um die saubere wm- bewerbung von deutschland bescheid weiss. Auch kennt er sich natürlich in österreich als dessen staatsbürger aus. Hofffentlich war er nie für die doppelte staatsbürgerschaft wie seine csu-kollegen. Spielt eh keine rolle, da er ohnehin alles blind unterschreibt. 'Wer deckt beckenbauer?' hatte übrigens sepp maier mal seine abwehr nach mehreren eigentoren von franz gefragt. Fakt bleibt totzdem: cruyf und pelé waren die noch besseren spieler.
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