DFB-Kapitän Lahm Der Anti-Ballack

Philipp Lahm ist das Gegenstück zu Michael Ballack. Trotzdem ist der neue Nationalmannschafts-Kapitän der wichtigste Spieler von Bundestrainer Joachim Löw. Für das Endspiel gegen Ghana verbreitet Lahm Optimismus, dabei sind sonst eher Zurückhaltung und Bescheidenheit seine großen Stärken.

dpa

Aus Pretoria berichtet Cathrin Gilbert


Diese Gelassenheit hat etwas Beruhigendes. "Ich mache mir überhaupt keine Sorgen", sagt Philipp Lahm im Quartier der deutschen Nationalmannschaft. Zur Bestätigung lässt er seine kleinen Augen durch die wuchtigen Brauen funkeln. Am Mittwoch trifft Deutschland im Endspiel der Gruppe D auf Ghana (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Alles außer einem Sieg gegen die Afrikaner könnte das frühzeitige Ausscheiden bedeuten. Zum ersten Mal seit dem Scheitern in der Zwischenrunde der WM 1978 in Córdoba, müsste die deutsche Mannschaft nach Hause fahren, bevor die WM in ihre entscheidende Phase geht.

Lahm ist trotz der 0:1-Niederlage gegen Serbien entspannt. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft sagt, dass alle Spieler ein ordentliches Spiel gemacht haben. Kapitäne benutzen gerne das Wort "ordentlich". Es verletzt nicht, erkennt die Leistung an, aber es setzt auch eine Steigerung dieser voraus. Mehr möchte Philipp Lahm zum Serbien-Spiel nicht mehr sagen. Die Niederlage tat weh, das versucht er nicht zu verbergen. Sie kam überraschend, nachdem der deutschen Mannschaft mit dem 4:0-Sieg gegen Australien ein so perfekter Einstieg gelang.

Lahm hatte seinen Anteil. Es ist das erste Turnier, durch das der 26-Jährige die deutsche Nationalmannschaft lenkt. Wenn man so jung eine Führungsrolle wie diese übernimmt, kann man seine Vorgänger nicht kopieren. Man stelle sich Lahm als zum Macho tendierenden Capitano Michael Ballack vor. Das erschiene lächerlich und würde von seinen Mitspielern nicht akzeptiert. Viel Zeit hatte der Münchener nach der Verletzung Ballacks nicht, um in seine neue Rolle hineinzuwachsen. Dass er so früh im Turnier in einer solchen Extremsituation wie vor der Partie gegen Ghana geprüft würde, damit haben wenige gerechnet.

Lahms Mutter: "So war er schon als Kind"

Kurz vor dem Alles-oder-Nichts-Spiel gegen Ghana hat Lahm sich entschieden, als Motivator und gute Seele zugleich aufzutreten. "So war er schon als Kind", sagt seine Mutter. Kein Spieler müsse "angst und bange" vor dem nächsten Spiel sein, sagt Lahm. "Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass wir das Achtelfinale erreichen." Er sehe, wie sich die Spieler im Training engagieren und rücke nicht von seiner Aussage ab, dass dies die qualitativ beste Nationalmannschaft sei, in der er bisher gespielt habe. Trotzdem müssten alle Spieler wieder besser hinter den Ball kommen und von vorne attackieren. "Das gilt auch für mich", sagt Lahm.

Natürlich merkt man, dass Lahm seine neue Verantwortung noch nicht lange trägt. Manchmal verirrt er sich in seinen Sätzen, die selten ohne suchende "ähms" auskommen. Nicht nur die an Löw erinnernde Aussprache des Wortes a-bso-lut zeigt, dass Lahm kein Gegenpol zum Bundestrainer, sondern dessen verlängerten Arm ist. Trotzdem kommt Lahm völlig ohne Selbstüberschatzung aus.

Selbstverständlich mische er sich nicht in die Entscheidung ein, welcher Spieler den Elfmeter schieße. Dies könnten Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski schon alleine entscheiden, sagt Lahm. Für diese Art Vertrauen wird er von seinen Mitspielern geschätzt. Es ist kein Geheimnis, dass diese Strategie nur im Tandem mit dem Bundestrainer funktionieren kann.

Tandem Löw/Lahm als Experiment

Joachim Löw versteht es als Teil seiner Philosophie, ein Gleichgewicht innerhalb der Mannschaft zu erzeugen. Hierarchien dominieren bereits Vereinsmannschaften, in denen junge Spieler, obwohl sie gefragt werden, nicht zu einer Antwort berechtigt sind. Innerhalb der Nationalmannschaft soll jeder Spieler seine Meinung äußern dürfen. Als Chef sieht sich der Bundestrainer nur selbst. Ob es eine Fehlentscheidung gewesen sei, Lukas Podolski den Elfmeter schießen zu lassen, der in den Armen des serbischen Torwarts landete? "Nein", sagt Löw. "Ich will Spieler, die Verantwortung übernehmen".

Der 50-Jährige möchte vermeiden, dass der Ausfall Michael Ballacks als Chance für die Entwicklung der jungen Mannschaft gewertet wird. Hätte Löw sich jedoch einen Kapitän formen dürfen, so wäre es Philipp Lahm geworden. Lahm ist klug. Seine Eltern erzogen ihn und Schwester Melanie zu verantwortungsbewussten und respektvollen Menschen. Manchmal kann man jedoch den Eindruck gewinnen, es ginge Lahm hauptsächlich darum, anderen zu gefallen. Auf seiner Internetseite verrät er, dass nach der WM der richtige Zeitpunkt komme, Freundin Claudia zu heiraten und dass seine Mutter für ihre Arbeit im Münchener Vereinswesen mit einem Orden ausgezeichnet wurde. Möchte man das wirklich wissen?

Gegen Ghana kommt es vor allem auf den Spieler Lahm an. Das Tandem mit ihm und seinem Kapitän ist ein Experiment. Sollte die Psyche der deutschen Nationalmannschaft tatsächlich so stabil sein, wie Löw sie einschätzt und ihr mit den spielerischen Fähigkeiten, die nicht nur Lahm beobachtet, eine Trotzreaktion und ein Sieg gegen Ghana gelingen, könnte diese außergewöhnliche Verbindung zwischen Trainer und Kapitän die Mannschaft für die K.o.-Runde zusätzlich stärken. Was mit dem jungen Kapitän passieren würde, sollte die Leistung der deutschen Mannschaft im dritten Gruppenspiel nicht für den Einzug ins Achtelfinale reichen, darüber möchte nicht nur Lahm vor dem Spiel nicht nachdenken.

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JustinSullivan 02.06.2010
1. ich tippe auf...
Gruppensieg in der Vorrunde, Sieg gegen die USA im Achtelfinale, dann im Viertelfinale raus gegen Argentinien. Ich schätze Deutschland stärker als England ein, aber schwächer als Argentinien. Witzig wäre also, wenn Deutschland den Argentiniern ausweichen würde, indem sie Gruppenzweiter würden, dann im Achtelfinale die Engländer raushauen und im Viertelfinale auf nen schwaches Frankreich treffen würden. Hätte, wenn und aber... Hauptsache, es wird ein tolles Turnier.
Kourosh 02.06.2010
2.
Ich halte recht viel von dieser jungen Truppe vor allem auf das Mittelfeld bin ich sehr gespannt. Am Ende werden sie wohl gegen die erste abgezockte Truppe rausfliegen auf die sie treffen. Vorraussichtlich wohl so Viertelfinale. Ist aber egal denn das könnte ne echte Gewinnertruppe in 2, 4 und 6 Jahren werden. Freue mich auf feinen Fussball!
deepocean 02.06.2010
3.
Zitat von sysopDer WM-Kader von Bundestrainer Jogi Löw ist komplett. Welche Chancen hat die Mannschaft bei der WM?
einfache frage einfache antwort: Gruppensieg AF: USA VF: Argentinien (und dann wird es wirklich ernst) HF: Spanien (jetzt wird es noch ernster) und es darf gehofft werden;-) etwas weniger einfache antwort, solche fragen machen aus meiner sicht erst sinn nach dem ersten oder zweiten spieltag in der gruppe... jetzt ist es wirklich nur kaffeesatzleserei.... egal was geschieht... DAUMEN DRÜCKEN ist angesagt :-)
pablo morales 02.06.2010
4. Wm
Zitat von KouroshIch halte recht viel von dieser jungen Truppe vor allem auf das Mittelfeld bin ich sehr gespannt. Am Ende werden sie wohl gegen die erste abgezockte Truppe rausfliegen auf die sie treffen. Vorraussichtlich wohl so Viertelfinale. Ist aber egal denn das könnte ne echte Gewinnertruppe in 2, 4 und 6 Jahren werden. Freue mich auf feinen Fussball!
^ Das hat man vor vier Jahren nach der WM 2006 auch schon gesagt, und heute sind sie um einiges schlechter als 2006.
JustinSullivan 02.06.2010
5.
" 'Uns ist die Entscheidung nicht leicht gefallen. Andreas hat in den drei Wochen sehr engagiert gearbeitet und gut trainiert. Er hat aber eine durchwachsene Saison gespielt und war einige Male verletzt.' Dann frag ich mich jetzt aufrichtig, aus welchem Grund Klose, Podolski und Gomez mit dabei sind..." Ganz klar deswegen: Klose, Podolski und Gomez haben eine durchwachsene Saison gespielt und waren einige Male verletzt. Aber sie haben in den drei Wochen sehr engagiert gearbeitet und gut trainiert. ;)
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