DFB-Kader Die Sieger sind noch nicht satt

Mit 18 Weltmeistern geht Joachim Löw die ersten Länderspiele nach der WM an. Lediglich der Abschied von Philipp Lahm hat eine Lücke gerissen. Motivationsprobleme scheinen Trainer und Spieler nicht zu haben - schließlich haben sie das nächste Ziel vor Augen.

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Als der DFB zum ersten Testspiel nach dem Weltmeistertitel rief, standen nur WM-Sieger im Aufgebot: Matthäus, Völler, Klinsmann, Brehme, Buchwald, Kohler, Littbarski. Der DFB vertraute beim ersten Auftritt nach dem WM-Triumph denen, die Deutschland zum Turniererfolg 1990 verholfen hatten. Dennoch war es ein Neuanfang: Es gab einen neuen Trainer. Berti Vogts hatte von Franz Beckenbauer übernommen.

24 Jahre und einen WM-Titel später setzt der DFB auf noch mehr Kontinuität: Vor der WM-Revanche gegen Argentinien, damals wie heute der Finalgegner, am Mittwoch in Düsseldorf (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) befinden sich 18 von 23 Weltmeistern im Aufgebot. Und es wären wohl tatsächlich 23, wenn nicht zwei von ihnen verletzt ( Bastian Schweinsteiger, Shkodran Mustafi) und drei zurückgetreten (Philipp Lahm, Miroslav Klose, Per Mertesacker) wären. Auch der Trainer ist derselbe, er muss sich lediglich einen neuen Assistenten suchen. Es gibt für den Deutschen Fußball-Bund und Joachim Löw ja auch keinen großen Anlass, etwas zu ändern.

Klose und Mertesacker, so sehr sie in den vergangenen zehn Jahren die Nationalmannschaft geprägt haben, waren reif für den Abschied. Klose hat ein für Stürmer gesegnetes Alter erreicht, Mertesacker ist klug genug zu sehen, dass die jüngeren Innenverteidiger Jérome Boateng und Mats Hummels ihn überholt haben - der nach seiner langen Verletzung wieder genesene Holger Badstuber wird noch dazukommen. Ein Dasein als Reservist muss er sich nicht mehr antun. Beide werden der Nationalelf eher aus atmosphärischen Gründen fehlen. Sportlich geht das Team den Weg auch ohne sie weiter.

Was tun auf den Außenverteidiger-Positionen?

So bleibt dem Bundestrainer vor dem Gang in die EM-Qualifikation, die am 7. September in Dortmund gegen Schottland eröffnet wird, an sich nur die Frage zu klären, wie er den Verlust von Philipp Lahm kompensiert. Das Kapitänsamt ist frei geworden, das ist verschmerzbar. Aber als Außenverteidiger gibt es keinen, der ihm in Deutschland gleichkommt.

Auch nicht der Stuttgarter Antonio Rüdiger, den Löw als einzigen, der nicht zum Kern der Nationalelf zählt, für die Spiele gegen Argentinien und Schottland berufen hat. Rüdiger reiht sich ein in die Serie der Abwehrspieler, die zwar auf den Außenpositionen spielen können, ihre wahre Stärke aber in der Zentrale sehen: so wie Boateng, wie der Schalker Benedikt Höwedes, auch wie Mustafi, den Löw mit mäßigem Erfolg bei der WM außen ausprobierte. Die Defensivarbeit auf den Außenpositionen bleibt die womöglich einzige echte Schwachstelle dieser Mannschaft - und durch den Lahm-Abschied hat der Bundestrainer eine Option weniger.

Mit den Rückkehrern Mario Gomez und Marco Reus, die die WM beide schwersten Herzens daheim verfolgen mussten, ist dafür in der Offensive noch mehr Potenzial vorhanden - dort, wo derzeit ohnehin schon das Füllhorn über dem deutschen Fußball ausgeschüttet wird. Reus, so wie er sich vor seiner Verletzung präsentierte, hätte in Brasilien einen Startplatz im Team sicher gehabt. Auch wenn er zum Saisonstart seine alte Form noch sucht: Er wird beim Bundestrainer immer seine Chance bekommen.

Gomez wird nie die erste Wahl sein

Mit Gomez gestaltet sich die Angelegenheit schon etwas komplizierter. Durch den Abschied von Klose ist er ganz natürlich nun die erste Wahl, wenn es gilt, die klassische alte Sturmmitte zu besetzen. Aber will das Löw überhaupt noch?

Der Bundestrainer, das ist allgemein bekannt, ist ein Anhänger einer variantenreichen Angriffsformation, bei der die Mittelfeldspieler in die Spitze stoßen und die Offensivkräfte gleichzeitig Abwehraufgaben wahrnehmen, wenn es sein muss.

Gomez ist dagegen immer der Prototyp des Strafraumspielers gewesen, dort ist sein Revier, wo er seine Dynamik, seine Wucht, seinen unwiderstehlichen Tordrang ausleben kann. Wenn Gomez seine Spielweise nicht anpasst, wird er für Löw daher auch nur dann Relevanz haben, wenn die anderen Offensivkonzepte nicht gegriffen haben. Einer für den Plan B, für die 60. Minute, wenn Deutschland im Rückstand liegt. Mario Gomez ist schon so lange dabei, er wird das wissen.

Als Deutschland 1990 die Alltagsarbeit nach der WM-Euphorie wieder aufnahm und zum ersten Testspiel nach der Weltmeisterschaft antrat, kam die Mannschaft über ein 1:1 gegen Portugal nicht hinaus. Und auch in der Folge taten sich die Weltmeister schwer, ihre Leichtigkeit, ihr Tempospiel wiederzufinden.

Sie schafften es bei der EM zwei Jahre später noch ins Finale, um dort vom Außenseiter Dänemark vorgeführt zu werden. Wiederum zwei Jahre später ereilte das Team das Viertelfinal-Aus gegen Bulgarien. Die Helden waren alt geworden. Und selbstzufrieden.

Dass sich so etwas wiederholt, kann sich derzeit niemand so recht vorstellen. Die Weltmeister von 2014 - sie wollen unbedingt Europameister werden. "Wir haben uns neue Ziele gesteckt, für die Gegenwart und für die Zukunft", sagt Löw. Es gibt noch so viel zu gewinnen.

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insgesamt 7 Beiträge
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S.Albrecht 29.08.2014
1. Deutsches Abschneiden bei WM-Turnieren
Die Tabelle rechts ist vom Handball - 1978 der WM-Sieg mit Jo Deckarm, unvergessen. Dass sie in diesem Artikel gelandet ist, liegt wohl an einer falschen Verschlagwortung im Content Management ;-)
Besserwizzer 29.08.2014
2. ...
Wir sind ohne ihn Weltmeister geworden, was einiges über seine Anwesenheit aussagt. Er hat auch nie in der Nationalmannschaft überzeugt, außer einmal gegen Holland. Aber gegen Portugal haben wir auch 4:0 gewonnen ohne Gomez. Ich meine, von den 59 Länderspielen hat er nur 9 durch gespielt. Reus dagegen würde neue Impulse geben können.
Stefan Morgen 29.08.2014
3. Irreguläre Treffer
Es ist nicht wahr, dass Deutschland im EM-Endspiel von Dänemark vorgeführt wurde. Beide dänischen Treffer wurden irregulär erzielt, dem einen ging ein Handspiel, dem anderen eine Abseitsstellung voraus. Ist in jeder Aufzeichnung des Spiels gut zu sehen. Keine Frage, dass die Deutschen damals schlecht gespielt haben, aber die Dänen waren nicht besser. Es war ein niveauloses Turnier.
koenig_sk 29.08.2014
4.
"es wären wohl tatsächlich 23, wenn nicht zwei von ihnen verletzt ( Bastian Schweinsteiger, Shkodran Mustafi) und drei zurückgetreten (Philipp Lahm, Miroslav Klose, Per Mertesacker) wären." Zumindest Reus wäre wohl auch ohne genannte Ausfälle zurück in das Team gekommen...
anron 29.08.2014
5. vogts?
oder Erich Ribbeck?
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