Aus Lemberg berichtet Peter Ahrens
Mats Hummels hat sich dieser Tage als Medienkritiker versucht. Die Berichterstattung zur deutschen Nationalmannschaft sei oberflächlich. Bei einer Niederlage werde alles schlechtgeschrieben, bei einem Sieg dagegen alles gutgeheißen, sagte der Innenverteidiger im Interview mit den "Ruhr Nachrichten". Das mag ein beliebtes Pauschalurteil sein - im Fall Mario Gomez hat Hummels aber in Teilen Recht.
Nach dem Portugalspiel zum EM-Auftakt wurde der Stürmer kritisiert wie kein zweiter im DFB-Team. Dann kam die Partie gegen die Niederlande. Gomez entschied sie mit zwei Treffern und war von einem Tag auf den anderen der Held. Und die Kritik, die am plakativsten von TV-Experte Mehmet Scholl, aber auch von vielen Medien - darunter SPIEGEL ONLINE - geübt worden war, stand als widerlegt da.
Dabei hat sich inhaltlich an dem, was die Skeptiker angemerkt hatten, nichts geändert. Wenn Kritik an Gomez aufgrund seiner Tore verstummen müsste, dürfte man seit Jahren nichts mehr an ihm bemängeln. Er ist ein Torjäger, wie ihn Deutschland seit langem nicht mehr hatte. Gomez hat in den vergangenen zwei Spielzeiten beim FC Bayern 54 Treffer erzielt. Das ist ein phänomenaler Wert.
Gegen die eigene Nationalelf würde sich Gomez schwer tun
Seine Effektivität wird allerdings dann nachhaltig gestört, wenn er keine Zuspiele aus dem Mittelfeld erhält. Gegen die Niederlande brillierte er im Abschluss, weil er zweimal perfekt von Bastian Schweinsteiger eingesetzt wurde. Und im Verein wartet er auf die Vorarbeit der Flügelzange Arjen Robben und Franck Ribéry. Gomez ist ein Lauerstürmer, angewiesen auf die Zuarbeit von außerhalb des Strafraums, um dann "eiskalt im Sechzehner zuzuschlagen", wie Bundestrainer Joachim Löw sagt.
Die Portugiesen haben diese Strategie über weite Strecken der Partie durchgezogen und nur in der entscheidenden Szene nicht aufgepasst. Deswegen sah Gomez in dem Spiel auch so schlecht aus. Die Niederländer dagegen haben die Räume angeboten, die Schweinsteiger für seine Zuspiele brauchte. Gomez, der Lauerstürmer, hat den Rest erledigt.
Löw nimmt für Gomez spielerische Einbußen hin
Fußball ist am Ende des Tages ein Ergebnisspiel, und Gomez ist derjenige, der bei dieser EM bisher für die Ergebnisse gesorgt hat. Das hat Löw begriffen. Dass er gegen seine sonstigen Präferenzen auf den Typ Gomez statt auf den Typ Klose setzt, zeigt auch, wie sehr der Bundestrainer diesmal darauf fixiert ist, den Titel zu holen. Auch um den Preis, dass das Team dafür spielerische Einbußen hinnimmt und in ihrem eigenen Variantenreichtum beschnitten wird.
Die wichtigen Spiele, die die Nationalmannschaft in den vergangenen Turnieren abgegeben hat, verlor sie, weil sie in diesen Partien keinen Treffer erzielte: 0:2 im WM-Halbfinale gegen Italien 2006, 0:1 im EM-Finale gegen Spanien 2008 und 0:1 im WM-Halbfinale 2010 gegen Spanien. Gomez soll mit seinen Fertigkeiten im Strafraum die Gewähr dafür abgeben, dass es diesmal anders wird.
Das Rezept bei diesem Turnier hieß denn auch bislang: Pass auf Gomez - Tor, Flanke auf Gomez - Tor. Von den anderen Spielern geht dadurch zwangsläufig weniger Gefahr aus. Es ist kein Zufall, dass die übrigen Offensivakteure bisher blass blieben, Thomas Müller, Lukas Podolski, sogar der Edeltechniker Mesut Özil. Am Sonntagabend gegen Dänemark (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) könnte sich das in ähnlicher Weise fortsetzen, wenn die Skandinavier wirklich so diszipliniert und kompakt stehen, wie Löw das vermutet.
Als Gomez den Ball zum 1:0 gegen die Niederlande technisch elegant mitnahm, um ihn dann zu verwandeln, war Mitspieler Schweinsteiger "richtig geschockt darüber, dass der Mario so etwas kann". Das war ein bisschen lustig gemeint, aber eben nur ein bisschen. Gomez ist eben kein Techniker, sondern ein reiner Torjäger. Wenn auch ein Torjäger auf höchstem Niveau.
Dänemark - Deutschland 20.45 Uhr (in Lemberg)
(voraussichtliche Aufstellungen)
Dänemark: S. Andersen - Jacobsen, Kjaer, Agger, S. Poulsen - Kvist, J. Poulsen - Mikkelsen, Eriksen, Krohn-Dehli - Bendtner
Deutschland: Neuer - L. Bender, Hummels, Badstuber, Lahm - Khedira, Schweinsteiger - T. Müller, Özil, Podolski - Gomez
Schiedsrichter: Carballo (Spanien)
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