DFB nach Vorrunden-Aus Ohne Kompass

Das frühe Ausscheiden der Nationalmannschaft spiegelt auch die Krise des Verbandes wider. Der DFB hat Probleme mit der Orientierung.

Reinhard Grindel, Joachim Löw, Oliver Bierhoff
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Reinhard Grindel, Joachim Löw, Oliver Bierhoff

Ein Kommentar von , Moskau


Es lohnt ein Blick auf eine Etage tiefer, um zu erkennen, wie sich die Dinge beim DFB und der Nationalmannschaft in den vergangenen zehn Jahren verändert haben. 2009 wurde die U21-Mannschaft des DFB Europameister, ein Jahr später gehörten zahlreiche Spieler aus diesem Team zu den Leistungsträgern des WM-Kaders in Südafrika.

Im Vorjahr hat wieder eine U21 des DFB den EM-Titel gewonnen. Aber aus dieser Mannschaft hat es keiner in das WM-Aufgebot für Russland geschafft. Man kann das mit der deutlich gestiegenen Leistungsdichte in Deutschland begründen. Das Bezeichnende ist aber, dass überhaupt keiner auch nur auf die Idee gekommen ist, diese Spieler eventuell in den WM-Kader zu integrieren. Niemand hat nach diesen jungen Spielern gerufen, niemand hat ihre Nominierung gefordert. Weil die Zufriedenheit, besser Selbstzufriedenheit, beim Weltmeister mit dem, was man hat, schon so groß war. Stattdessen spielte in Russland ein ausgelaugtes Team, das zwar wollte, aber nicht konnte.

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Nun werden der Job des Bundestrainers infrage gestellt und Rücktritte von Spielern verlangt. Das ist alles statthaft, das Problem aber liegt tiefer. Es liegt beim Deutschen Fußball-Bund. Und bei seinem Verhältnis zur Nationalmannschaft. Wenn es Veränderungen geben muss, dann hier.

Erster Job: Abkoppeln vom Verband

Als Joachim Löw, Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff 2004 beim DFB anfingen, war es ihre größte Aufgabe, sich vom Verband so schnell wie möglich abzukoppeln. Der DFB war damals ein Funktionärsverein. In den Landesverbänden regierten die Apparatschiks, gesetzte Herren, die bei Turnieren vier Wochen lang als DFB-Delegation in schicken Hotels saßen, aber mit dem Team und den Spielern nichts zu tun hatten.

Klinsmann, Löw und Bierhoff war klar, dass mit dieser Altmännertruppe kein Pfifferling zu holen ist - und erst recht kein WM-Titel. Also begannen sie ihr eigenes Ding, abseits vom Verband, gegen alle Anfeindungen. Sie suchten sich ihr eigenes Umfeld, ihre eigenen Sponsoren. Es war der damals einzig gangbare Weg, es war der Weg zum Erfolg. Nie zuvor hat der deutsche Fußball Fans und Fachleute so begeistert wie 2006 und 2010. Englische Fußballanhänger zogen sich deutsche Trikots an.

Aber Löw und Bierhoff haben es übertrieben. Aus dem Eigenleben ist eine Parallelwelt geworden. Ein Satellit, der seine Verbindung zum Mutterschiff gekappt hat. Die Nationalmannschaft wurde zum Produkt, bereit wie nie, best never rest. Und die Spieler sind so, als hätte der Noch-Hauptsponsor sie nach dem Namen eines seiner Automodelle ausgesucht: smart.

Der Präsident twittert

Der DFB hat das Treiben der Nationalmannschaft zunächst mit größtem Misstrauen verfolgt. Spätestens nach dem WM-Triumph von 2014 aber hat er sich der Nationalmannschaft ergeben. Man kann auch sagen, ausgeliefert. Bierhoff, zehn Jahre zuvor zu Gast bei Fremden beim DFB, ist jetzt der starke Mann, ohne den nichts geht. Überall in der DFB-Zentrale sitzen jetzt alerte junge Männer, Bierhoff ist ihr CEO. Der Generalsekretär könnte auch einer Edel-Anwaltskanzlei dienen. Man hat sich die Firma von Ex-"Bild"-Chef Kai Diekmann ins Haus geholt, der dem Verband Social Media beibringen soll. Seitdem twittert der Präsident.

Nur der Wärmestrom, der unabdingbar zum Fußball gehört und von dem zum Beispiel die Ruhrgebietsvereine allem Marketing zum Trotz noch zehren, der ist im Lauf der Zeit versiegt, er ist nur noch ein Rinnsal. Toni Kroos hat nach dem Zittersieg gegen Schweden gesagt: "Viele Leute in Deutschland hätten sich gefreut, wenn wir ausgeschieden wären." Er ist dafür kritisiert worden, aber er hat ein gutes Gefühl für die Stimmung bewiesen.

Der DFB und die Nationalmannschaft haben die Empathie verloren. Hieran müssen Verband und Team dringend arbeiten. Das fängt bei günstigeren Ticketpreisen bei Länderspielen an, und es hört bei öffentlichen Trainingseinheiten noch lange nicht auf. Dass die Nationalmannschaft, wenn sie sich zu Länderspielen trifft, den ersten Tag gemeinhin komplett mit Werbeaufnahmen verbringt, gehört nicht zu solchen Maßnahmen.

Unter dem früheren DFB-Chef Theo Zwanziger verstand sich der Verband als eine gesellschaftspolitische Organisation, Frauenfußball war wichtig, Integration auch. Das war nicht immer zielführend und diente auch der Eitelkeit des Präsidenten, aber man erkannte eine Orientierung. Es war kein Zufall, dass Löw in dieser Zeit die Sturm-und-Drang-Elf von 2010 baute, getragen von Spielern, die aus Einwandererfamilien kommen. Zwanzigers Nachfolger Wolfgang Niersbach hatte es nicht so mit Frauenfußball, mit Integration auch nicht, das war eher Gedöns. Ihm war vor allem die A-Nationalmannschaft wichtig. Ebenfalls konsequent, dass in seiner Amtszeit der WM-Titel geholt wurde.

Der jetzige Präsident Reinhard Grindel will irgendwie alles auf einmal sein. Was dazu führt, dass der Verband nicht so richtig weiß, wohin.

Alles auf die Akademie

Die sogenannte Erdogan-Affäre hat das deutlich gezeigt. Nach Bekanntwerden der Fotos griff der DFB-Präsident zunächst energisch ein, dann jedoch ließ der Verband die Affäre weiterwabern und gestattete, dass die beiden Spieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan komplett demontiert wurden. Keiner im DFB, weder Grindel noch Löw noch Bierhoff, stellte sich demonstrativ und offensiv vor Özil, als der das sehr gut hätte vertragen können. Die Affäre hat die Mannschaft bis zu ihrem Aus begleitet.

Der DFB setzt jetzt vieles, fast alles auf die künftige Akademie. Ein riskanter Poker. Zig Millionen sind schon investiert, der Erfolg soll nachhaltig sein. Wieder geht es um Elitebildung. Möglicherweise ist das tatsächlich ein Schlüssel zum Erfolg, aber die ganz klare Vision scheint schon in den Streitereien um die Bauphase verloren gegangen zu sein. Wo geht es hin?

Als Präsident Grindel zum Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion einen Kranz in Sotschi niedergelegt hat, wusste man beim DFB offenbar nicht so recht, wo und wie man dies auf der verbandseigenen Website veröffentlichen sollte. Also packte man die Meldung über das Gedenken an die Millionen Kriegstoten in die Kategorie "Entertainment". Der DFB sucht seinen Kompass.

Und die Nationalmannschaft hat dies durch ihr Auftreten in Russland nur gespiegelt.



insgesamt 133 Beiträge
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Seite 1
Das dazu 28.06.2018
1. Ja genau
Daran hats gelegen. Und das in der DFB Zentrale die Toiletten nicht richtig Gendergerecht ausgeschildert sind. Man, hab ich mich darauf gefreut, diese Expertenanalysen zu lesen.
viceman 28.06.2018
2. ja klar,
ein präsident der mit über 30 erstmals gegen den ball getreten hat, das sagt doch schonmal alles !
centhurion77 28.06.2018
3. Einer DFB-Elf unwürdig
Ganz ehrlich, ich bin kein Typ, der sich nur auf die Erfolgsseite stellt und nur dann ein Fan ist, wenn es gut läuft. Auch in schlechten Zeiten steh ich hinter meiner Mannschaft. Aber dieses Auftreten war einer DFB-Elf nicht würdig! Ich hatte wirklich gehofft, dass der Last-Minute-Sieg gegen Schweden etwas befeuert, aber die Arroganz und Überheblichkeit blieben, sodass auch im letzten entscheidenden Spiel nicht ein einziges Tor gemacht wurde. Bis auf das Spiel gegen Schweden eine blutleere und unwürdige Vorstellung! Auch erschreckend: - Erstmals kassierte das DFB-Team in einer Partie zwei Gegentore in der Nachspielzeit. - Nur zwei eigene Tore bei einer WM sind Negativrekord für Deutschland - die alte Marke lag bei drei Toren und stammt von der WM 1938. - 28 Torschüsse des amtierenden Weltmeisters gegen Südkorea sind Höchstwert einer Mannschaft bei diesem Turnier. - Insgesamt gab die DFB-Elf 72 Torschüsse bei diesem Turnier ab, auch das ist der Topwert. In Summe bedeutete das allerdings auch, dass nur jeder 36. Torschuss auch im Netz zappelte! (Quelle: http://www.kicker.de/news/fussball/nationalelf/726437/artikel_dfb-auswahl-bricht-negativrekord-der-wm-1938.html) Sorry, bei allem Respekt für Jogi Löw, aber der Zenit ist erreicht. Es muss eine Veränderung, ein Umbruch stattfinden. Wenn man als Spieler in die Auswahl des besten Kaders aus allen deutschen Spielern kommt und als Spieler der Nationalelf aufläuft, dann hat man auch eine gewisse Verpflichtung. Und dieses Pflicht- und Ehrgefühl hab ich nicht erkennen können. Dementsprechend war es für mich eine insgesamt unwürdige Vorstellung einer DFB-Elf!
PeterP52 28.06.2018
4. Eine einzige Marketingmaschine
Ich stimme dem Beitrag weitgehend zu. Diese Mannschaft ist so weit weg von der Basis. Die Euphorie, deren Grundstein 2006 gelegt wurde, ist lange verflogen. Millionäre mit mäßiger Einstellung. Mein Schlüsselerlebnis: Freundschaftsspiel vor der WM 2014 in Bremen. Für viel Geld Karten bekommen für Kids und mich. Viel zu späte Anpfiffzeiten, null Einsatz der Truppe, null Stimmung. "Die Mannschaft" ist eine Marketimgmaschine... Freue mich auf die neue Saison, allerdings nicht auf Nationalmannschaft oder Bundesliga.... Die Local Heros sind gerade in die Oberliga aufgestiegen. Die kennt man alle persönlich und trinkt nach dem Spiel auch mal ein Bier zusammen. Wer Nähe Bremen lebt... FC Hagen/Uthlede, sehenswert!
bourbonstreet 28.06.2018
5. Guter Artikel
Voll auf dem Punkt. Insbesondere die Vermarktung und das "Durchstylen" der Mannschaft hat zumindest in meinem Umfeld zu einer Distanzierung geführt. Sicherlich will niemand zu den Zuständen vor 2010 zurück, aber das derzeitige "Produkt" (Zusammenstellung der "Mannschaft", Spielstil, diverse Imagekampagnen, etc.) bieten eben wenig Fläche für die Identifikation mit der Nationalmannschaft. Die Undurchlässigkeit für "Nachwuchsspieler" wie z.B. Brandt und Goretzka rundet das Gesamtbild dann noch negativ ab. Ergebnis ist, dass keine Euphorie aufkommen mochte, wo vorher jedes Turnierspiel der Nationalmannschaft in großer Runde gefeiert wurde. Wenn sich da nicht schnell eine Normalisierung einstellt, indem z.B. aus der "Mannschaft", which never rests, wieder die Nationalmannschaft wird und junge Spieler herangeführt werden, seh ich für das hochattraktive Turnier in Katar genauso schwarz.
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