Nationalspieler Müller "Mir ist mein Stellenwert bewusst"

Schlechte Stimmung in der Nationalmannschaft? Sind die DFB-Spieler zerstritten, bilden sich gar BVB- und Bayern-Blöcke? München-Profi Thomas Müller gibt im Interview Antworten - und erklärt zudem, dass er für Angebote anderer Vereine offen ist.

DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Müller, zuletzt gab es einigen Trubel beim FC Bayern München, Trainer und Sportdirektor waren sich uneins. Nervt es Sie als Spieler eigentlich, dass es in Ihrem Verein ständig Theater gibt?

Müller: Das ist nun mal so beim FC Bayern. Bei uns ist alles gleich ein Medienthema. Weil sich bei uns immer etwas rührt, selbst wenn wir sieben Spiele in Folge in der Bundesliga gewinnen. Die Mannschaft hat die Sache nicht berührt, wir haben ja gegen Hoffenheim gut reagiert. Auf das Spielerische haben Aussagen, die von außen kommen, keinen Einfluss. Aber manchmal ist es selbst für einen Bayern-Spieler amüsant, den FC Bayern von außen zu beobachten.

SPIEGEL ONLINE: Dagegen muss doch der Ausflug zur Nationalmannschaft wie Urlaub sein.

Müller: In letzter Zeit, vor allem nach der EM, ist es bei der Nationalmannschaft ja auch nicht mehr ganz so ruhig. Wobei die Unruhe in erster Linie durch mediale Themen kommt, mit denen wir Spieler uns aber weniger befassen. Das ist Sache der Verantwortlichen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Thema berührt die Spieler allerdings: Bastian Schweinsteiger kritisierte zuletzt im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" den "Geist der Mannschaft". Wird so etwas im DFB-Team thematisiert?

Müller: Nein, das wird bei uns nicht thematisiert. Ich denke, er weiß schon, was er gesagt hat. Das kann man dann auch mal so stehen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie selbst denn den Zusammenhalt in der Truppe?

Müller: Grundsätzlich ist der Zusammenhalt gut, wir haben gute Jungs dabei. Dass bei der EM nicht alles reibungslos verlief, haben wir ja im Nachhinein gesehen. Das muss ja auch so sein, denn wir haben den Titel ja nicht geholt. Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man offiziell mit Nationalspielern spricht, dann sagen alle, dass die Stimmung und der Zusammenhalt im Team in Ordnung sind. Hinter vorgehaltener Hand sagen einige Nationalspieler trotzdem immer wieder, dass es Dortmund- und Bayern-Blöcke gibt. Es wird berichtet, dass die jeweiligen Spieler nur wenig miteinander zu tun hätten. Können Sie bitte einmal aus dem Innenleben des DFB-Teams berichten?

Müller: Es gibt immer verschiedene Typen. Ich bin Kartenspieler (lacht). An unserem Kartentisch spielen Spieler aus Dortmund, aus München, aus Italien, aus sonst woher. Ich persönlich verstehe mich mit allen prima. Was sie hinter vorgehaltener Hand über mich sagen, kann ich aber nicht beurteilen. Und da ich gerne auch mal einen Spruch reiße, kommt da auch mal was zurück (lacht). Aber natürlich ist es so, dass wir Bayern-Spieler vielleicht automatisch mehr miteinander unternehmen, am freien Tag oder so. Es ist jetzt auch nicht so, dass wir uns ständig unter den Spielern durchmischen und jeder bei dem anderen auf dem Zimmer ist und seine Musik hört oder das Handy durchschauen kann...

SPIEGEL ONLINE: Die Spielerfrauen bleiben auch jeweils bei ihren Männern...

Müller: Richtig (lacht). Aber ich denke schon, dass es unterschiedliche Typen gibt und die Dortmunder Spieler vielleicht mehr Zeit untereinander verbringen und wir mehr unter uns. Aber am Kartentisch kommen dann alle zusammen. Wichtig aber ist doch vor allem eines: auf dem Platz sind wir eine Einheit.

SPIEGEL ONLINE: Freizeitaktivitäten waren zuletzt ja ein größeres Thema. Uli Hoeneß hat im SPIEGEL-Interview gestichelt, dass es bei der Nationalmannschaft zu häufig darum ginge, wo die Tischtennisplatte zu stehen hat. Können Sie mit diesen Sticheleinen etwas anfangen beziehungsweise gibt es in diesem Punkt überhaupt einen Unterschied zwischen DFB und Bayern?

Müller: Beim DFB wohnen wir mehrere Tage als Mannschaft zusammen, beim FC Bayern kehrt man nach den Spielen nach Hause zurück. Bei Bayern muss also gar keine Freizeitaktivität angeboten werden. Trotzdem gibt es auf unserem Trainingsgelände in München übrigens auch eine Tischtennisplatte. Ansonsten denke ich, dass Uli Hoeneß nur ein bisschen reizen will, um so den letzten Erfolg herauszukitzeln. Ob das der eine gut oder der andere nicht so gut findet, das bleibt jedem selbst überlassen.

SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns zum Sportlichen kommen: Der Konkurrenzkampf bei der Nationalmannschaft ist riesig. Gerade im Mittelfeld hat man das Gefühl, dass die einzelnen Spieler sportlich auf Augenhöhe liegen. Wie empfindet man das eigentlich als Spieler, wenn man nicht wirklich weiß, ob man beim nächsten Spiel tatsächlich dabei ist oder nicht?

Müller: Man hat ja immer irgendein Gefühl, wie der Trainer mit einem umgeht oder welche Perspektive man hat. Es gibt ja auch zwischendurch Gespräche. Dadurch weiß man ungefähr, wo man steht. Aber natürlich ist es so, dass man bei dem breiten Kader auch mal draußen sitzt. Damit muss man sportlich umgehen und den Mannschaftsgedanken hochhängen.

SPIEGEL ONLINE: Wie war denn das für Sie bei der EM? Sie haben eigentlich fast immer in der Startelf gestanden, im Viertel- und Halbfinale aber nicht. Wie wurde Ihnen das mitgeteilt?

Müller: Natürlich wird einem das auf bestimmte Weise begründet. Ob mir die Begründungen gefallen oder gereicht haben oder ob ich das verstanden habe, das steht wieder auf einem anderen Blatt. Die Enttäuschung war in jedem Fall groß.

SPIEGEL ONLINE: Wie definieren Sie denn Ihre eigene Rolle im Nationalteam? Sehen Sie sich als Stammspieler? Oder sogar als Führungsspieler?

Müller: Wenn ich die letzten Jahre Revue passieren lasse, dann würde ich schon sagen, dass ich mich als Stammspieler sehe. Aber Führungsspieler? Ich sage schon meine Meinung und denke, dass meine Meinung gehört wird. Dass ich nicht zum Mannschaftsrat oder zu den Kapitänen dazu gehöre, das weiß ich auch. Aber ich kenne meine Rolle, in der ich mich wohlfühle.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie bei Bayern München ein ähnliches Standing?

Müller: Ja, ich denke schon.

SPIEGEL ONLINE: Am Ende der vergangenen Saison haben Sie in einem "Sport Bild"-Interview gesagt, dass Sie sich auch Angebote von anderen Vereinen anhören würden. Wie sehen Sie das aktuell?

Müller: Da für mich im Winter eh kein Wechsel in Frage kommt, stellt sich mir die Frage jetzt nicht. Zudem läuft es bei Bayern gerade gut. Also konzentriere ich mich voll auf die aktuelle Saison. Dass ich aber grundsätzlich die Augen nicht zumache, wenn irgendetwas von außen kommt, das ist auch klar. Mir ist mein Stellenwert, auch international, schon bewusst.

Das Interview führte Rafael Buschmann

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
KTRoadkill 12.10.2012
1. Der Müller ...
... ist ein Guter. Wenn er offen für Veränderungen ist: Den würde ich schon gerne in Dortmund sehen. Wird dann ein bisschen voll im Mittelfeld. Den Alaba würd ich auch noch nehmen.
robert_unterdeck 12.10.2012
2. Müller kann mehr
Thomas Müller halte ich persönlich für den deutschen Spieler mit den größten Entwicklungsmöglichkeiten. Ich habe immer das Gefühl ihm fehlen nur ein paar Kilo auf den Rippen (damit meine ich natürlich Muskeln und nicht Fett). Er hat ein RIESIGES Potential und könnte tatsächlich ein Weltspieler werden... Ich wünsche ihm dass er dran bleibt und sich nicht mit dem zufrieden gibt, was er schon erreicht hat (auch wenn das schon verdammt viel ist).
ChaosXL 12.10.2012
3. ?
Zitat von KTRoadkill... ist ein Guter. Wenn er offen für Veränderungen ist: Den würde ich schon gerne in Dortmund sehen. Wird dann ein bisschen voll im Mittelfeld. Den Alaba würd ich auch noch nehmen.
Naja, wenn die beiden überhaupt wechseln, dann wohl nicht im Inland, sondern zu einem der großen ausländichen Verein. Ein Wechsel nach Dortmund wäre doch wohl mehr ein Abstieg.
Fackel01 12.10.2012
4. was der Junge sagt
hat Hand und Fuss. Unaufgeregt, bodenständig und ohne Floskeln kann er Themen klarstellen bei denen andere ein PR-Desaster verursachen würden. Der Junge ist einfach nur gut. Nebenbei kann er auch noch hervorragend kicken.
stscon 12.10.2012
5. optional
Wenigstens ein Spieler, der nicht ganz so weichgespült ist wie andere (Gomez, Lahm, ...). Wenn er einen guten Tag hat, ist er für jede Mannschaft dieser Welt eine Verstärkung, da kaum ausrechenbar und oftmals überraschend. Da er aber so vielseitig ist, könnte es sein, dass er eventuell in Zukunft immer öfter von der Bank kommt und als Feuerwehr aushelfen muss, wenn ein anderer Spieler mal nicht überzeugt (vor allem bei Bayern, aber vielleicht auch in der NM).
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