DFB-Nationalspieler Eine vorbildliche Debatte?

Özil und Erdogan, der beleidigte Wagner, ein Hummels-Tweet: Nichtsportliche Dinge stören die WM-Vorbereitung des DFB-Teams. Und die Frage, ob Nationalspieler Vorbild sein müssen.

Mesut Özil (links) und Bundestrainer Joachim Löw
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Mesut Özil (links) und Bundestrainer Joachim Löw

Aus Eppan/Italien berichtet


Der Fußballprofi George Best hat geraucht wie ein Schlot, er hat getrunken, bis die Gesundheit nicht mehr mitmachte. Eric Cantona hat sich auf dem Spielfeld gern danebenbenommen. Diego Maradona hat gekokst und eine Vaterschaftsklage am Hals gehabt. Sie alle werden heute dennoch hymnisch verehrt: Best ist in Nordirland ein Nationalheiliger, Maradona in Neapel der Stadtpatron.

Die Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan rauchen nicht, sie halten sich vom Alkohol fern, sie führen einen tadellosen Lebenswandel. Özil macht im DFB-Trainingslager in Eppan bereitwillig und geduldig Selfies mit deutschen Fans, man hat noch nie ein böses Wort von ihm gehört. Trotzdem wird darüber diskutiert, ob er als Vorbild taugt.

Es wird dieser Tage wieder durchaus vehement darüber gestritten, ob Fußballer im allgemeinen und Nationalspieler im Besonderen die Vorbildrolle einzunehmen haben. Özil und Gündogan haben sich mit dem türkischen Diktator Erdogan ablichten lassen, der Kurzzeit-Nationalspieler Sandro Wagner hat nach dem verlorenen Pokalendspiel die Medaille für den Unterlegenen achtlos weggeworfen, sein Bayern-Kollege Mats Hummels in einem Tweet das (Un-)Wort Gutmensch verwendet.

Ganz unterschiedliche Anlässe, auch von ganz unterschiedlicher Relevanz. Aufgeregt wurde sich gleichermaßen über alles. Und immer geht es um die Frage: Müssen Nationalspieler bessere Menschen sein?

In all den Fällen haben die Spieler virtuelle Messlatten unterlaufen, im Falle von Wagner und Hummels ist das eher lässlich. Özil und Gündogan dagegen dürfen sich vorwerfen lassen, dass sie es eigentlich hätten wissen müssen, mit wem sie sich da abgegeben haben.

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Beide werden in Eppan vor den Medien bislang mehr oder weniger versteckt, zu den täglichen Pressekonferenzen werden lieber andere geschickt, die keine unangenehmen Nachfragen befürchten müssen und stattdessen betonen, dass sie "bereit sind" und "fokussiert auf das große Ziel". Zur Vorbildrolle, wenn man sie konsequent einfordert, würde möglicherweise auch dazu gehören, sich der Öffentlichkeit zu stellen, wenn man ganz offensichtlich Mist gebaut hat.

An Fußballstars werden Maßstäbe angelegt. DFB-Präsident Reinhard Grindel hatte nach der Özil/Gündogan-Geschichte viel von den Werten gesprochen, die die Nationalspieler verkörpern. Gündogan hat in seiner eilig nachgeschobenen Erklärung auch davon gesprochen: "Als deutsche Nationalspieler bekennen wir uns zu den Werten des DFB und sind uns unserer Verantwortung bewusst."

Dänen erhalten Schulung von Amnesty

Was genau die Werte des DFB sind, ist dabei etwas schwammig. In zwei Wochen beginnt die WM in Russland, einem Land, das immer wieder in der Kritik steht, wenn es um Menschenrechtsverletzungen geht. Die dänischen WM-Fußballer sind daher im Vorfeld von Amnesty International geschult worden. Vom DFB ist in dieser Hinsicht bisher noch wenig zu hören gewesen. Es wäre eine gute Gelegenheit, auf die Werte des DFB hinzuweisen. Immerhin gab es vor dem Confed Cup im Vorjahr Kontakt zwischen Amnesty und dem Verband.

Auch Nationalspieler sind nur Menschen. Das ist zu ihrer Verteidigung immer wieder angeführt worden. Sehr wahr. Man muss Hummels tatsächlich nicht zu einem nachdenklichen Großdenker hochstilisieren, der sämtliche gesellschaftliche Diskurse verfolgt und jede Formulierung korrekt einordnen kann, nur weil er sich besser ausdrücken kann als andere. Er dürfte immerhin jetzt um die Problematik des Begriffes Gutmensch wissen.

Die Maßstäbe müssen stimmen

Andererseits stehen die Nationalspieler im dauernden Mittelpunkt der Öffentlichkeit, sie werden dort auch hineingestellt von ihren Vereinen, vom DFB, vom Sponsor. Es ist der Verband, der die Werte wie eine Monstranz vor sich herträgt. Der den Fußball damit zu einer gesellschaftlichen Institution ernennt. Dass die Spieler zu Role Models werden, hat auch und vor allem damit zu tun, dass sie als solche verkauft werden. Dann wird jeder Fehltritt, ob groß, ob klein, zum Skandal, und eine weggeworfene Medaille ist dann plötzlich genauso schlimm wie der Handschlag mit einem Diktator.

Der Kollege Oliver Fritsch hat in der "Zeit" nach der Erdogan-Affäre einen Text geschrieben mit der schönen Überschrift: "Sind halt nur Fußballer." Ein Text, den man als Plädoyer lesen kann, die Spieler einfach ihren Job machen zu lassen, statt sie zur Flüchtlingsfrage, zur VW-Dieselkrise oder zum Plastikmüll zu befragen. Mit Erdogan lächelnd sich fotografieren zu lassen, ist dennoch etwas, wovon auch "Halt-nur-Fußballer" wissen sollten, was sie da tun. Die Maßstäbe müssen stimmen. Mehr sollte man nicht verlangen.

George Best war sicher kein Vorbild. Und es war den Fans egal.



insgesamt 81 Beiträge
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sailor60 30.05.2018
1. Ob sie Vorbilder sein müssen ist doch gar nicht die Frage
Wer in der Nationalmannschaft spielt IST Vorbild! Wer Rockstar ist IST Vorbild! In einem Fall ist das steuerbar, im anderen nicht. Es fragt sich dann nur noch, wer sich diese Vorbilder zum Vorbild nimmt. So ganz langsam bin ich gegen diese "Nationalnummer" ! Sport treibt man für sich selbst, oder für die eigene Mannschaft, aber nicht für oder gegen eine Land! Wir sollten die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln langsam einstellen. Sprachlich werden bei Nationalspielen ja durchaus Kriege geführt. Entsprechend fühlen sich dann viele beleidigt wenn sich Spieler nicht ganz nationalitätenkonform verhalten!
bommerlunder 30.05.2018
2. Verträge ...
Der DFB hat es offenbar versäumt, solche Handlungen und PR Tätigkeiten in ihre Verträge aufzunehmen, mit den Konsequenzen. Oder die 2 Fußballer haben dagegen verstoßen, der DFB will aber nicht konsequent sein und auch nichts zu den Verträgen öffentlich machen.
charlybird 30.05.2018
3. Natürlich ist ein Fußballprofi
für den Nachwuchs, aber auch für viele Fans ein Vorbild. In gewisser Weise sogar ein Popstar, aber die sind halt nicht perfekt, wie man lesen durfte und allgemein auch weiß. Ich glaube den Herrschaften wird auch so gut wie jedes Fettnäpfchen verziehen, da muss man auch nicht, wie der klägliche Versuch hier von Hummels, in irgendeiner Form drum bitten. Aber Özil und Gündogan haben nach meinem Dafürhalten deutlich überzogen, Ahrens spricht hier von Maßstab, und sich mit einem Diktator allerfeinster Güte gemein gemacht. ( da ist mir bspw. jeder Hotelpinkler lieber) Aus welchen Gründen sie auch immer so gehandelt haben, beide waren medienerfahren und gebildet genug, um sich der Aussage dieses Schrittes bewusst zu sein und ihn vllt. daher besser abgelehnt hätten. Andere haben es getan. Sie aber nicht und diesen unsäglichen Herrn damit ganz gezielt aufgewertet. Das weiß man in DFB-Kreisen und deshalb werden die beiden auch im Hintergrund gehalten, weil ja der Sport im Vordergrund stehen soll und Politik da nichts zu suchen hat. Es reicht ja auch den dankbaren Überschriftenleser in diesem Glauben zu lassen, wenn er Antenne und Rückspiegel beflaggt. Komischerweise hören die Werte unsere Gesellschaft nur fast immer da auf, wo die gut gefüllten Konten anfangen.
misterknowitall2 30.05.2018
4. Das sind fussballer
Mehr nicht. Dem Anspruch, ein Vorbild zu sein, kommen nur wenige Spieler in Gänze entgegen. Sie sind Menschen, die Fehler machen oder sich ihrer "Stellung" nicht bewusst sind. Sie sind dazu noch jung an Jahren und unerfahren und leicht zu beeinflussen. Hat aber alles keinen Zusammenhang mit ihren fußballerischen Fähigkeiten und die sind entscheidend.
KingTut 30.05.2018
5. Vorbildfunktion
Nationalspieler müssen eine Vorbildfunktion haben. Diese Erwartung leitet sich aus dem Umstand ab, dass sie einerseits durch das Land, das sie viele Jahre lang gefördert hat sowie durch ihre öffentliche Anhängerschaft unglaublich reich geworden sind. Was man ihnen gönnen sollte, aber dafür sollten Sie der Gesellschaft auch etwas zurückgeben. Madonna mag andernorts (unverständlicherweise) wie ein Heiliger verehrt werden, aber ich habe da eine völlig gegensätzliche Meinung. Der peinliche Auftritt Özils und Gündogans mit dem Diktator Erdogan hat mich sehr empört, denn sie haben jenen Mann damit hofiert und aufgewertet, der dafür verantwortlich ist, dass hunderttausende ihrer Landsleute inhaftiert und beruflich ruiniert wurden, von anderen Abscheulichkeiten (Kurden/Syrien) ganz abgesehen. Mit ihrem gemeinsamen Auftritt taten sie kund, dass sie dies alles nicht realisieren, denn wäre ihnen bewusst, was dieser Mann anrichtet, dann hätten sie bestimmt Abstand von ihm gehalten. Diesen Typen auch noch als "mein Präsident" zu bezeichnen, setzt dem Ganzen die Krone auf. Ich habe noch nicht entschieden, ob ich mir die deutschen WM-Spiele anschaue, wenn die beiden zum Kader gehören. Özil und Gündogan sollten lieber für Erdogan kicken.
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