Drochtersen im Pokal gegen die Bayern Das "Jahrhundertspiel" vor exklusiver Kulisse

Drochtersen im Ausnahmezustand: Am Samstag erwartet ein Dorf aus Niedersachsen die Stars des FC Bayern. Neben großer Vorfreude auf das größte Spiel der Vereinsgeschichte gibt es auch Ärger um den Ticketverkauf.

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Von Tim Scholz


Bernhard Pippirs ist dieser Tage der wohl gefragteste Pastor Deutschlands. Zwischen Traugesprächen empfängt Pippirs einen Reporter nach dem nächsten, um das Banner an der Kirche St. Johannis und Katherinen zu erklären. Da steht: "Wir glauben an das Wunder." An das Wunder, dass der Kleine den Großen schlagen kann, erklärt Pippirs. Der Kleine, das ist der Regionalligist SV Drochtersen/Assel, kurz D/A. Und der Große, der Rekordpokalsieger FC Bayern München. Am Samstag (15.30 Uhr) kommt es in der ersten DFB-Pokalrunde zu diesem ungleichen Duell.

Ein Duell, das die 11.000-Einwohner-Gemeinde Drochtersen, eine Autostunde nordwestlich von Hamburg, elektrisiert. "Es ist ein Jahrhundertspiel", sagt Bürgermeister Mike Eckhoff. Eine andere Hausnummer als das Pokalspiel vor zwei Jahren, als sich Mönchengladbach in Drochtersen in die nächste Runde zitterte. Die Spieler nehmen sich extra Urlaub, um die Interview-Wünsche der lokalen und überregionalen Zeitungen, Radio- und Fernsehsender zu erfüllen.

Außerdem hätte der Verein mehr als 30.000 Karten verkaufen können, hätte das Millerntor-Stadion in Hamburg vollbekommen - wollte aber ein echtes Heimspiel im Kehdinger Stadion. Durch zusätzliche Tribünen passen nicht mehr wie sonst üblich nur 3000 Zuschauer hinein, sondern 7600. Aber nur 200 Karten gingen in den freien Verkauf, der Rest war für Mitglieder, Dauerkartenbesitzer und Sponsoren reserviert.

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Bayerns Gegner im DFB-Pokal: Das ist Drochtersen/Assel

Wer keine Karte bekommen hat, kann das Spiel in "Andre's Kleiner Kneipe" verfolgen. Namensgeber André Göringer hat die Kneipe vor 14 Jahren übernommen und führt heute die letzte Gastwirtschaft in Drochtersen. Er sagt: "Der Kartenvorverkauf ist hier nicht gut angekommen." Weil viele Drochterser leer ausgegangen seien. Doch das kann auch ein Segen für den Gastwirt sein. Am Samstag veranstaltet Göringer ein Public Viewing: mit Großbildleinwand, 500 Litern Bier und 300 Bratwürsten.

"Spiel soll in Erinnerung bleiben"

Dass D/A nicht in ein größeres Stadion umgezogen ist, liegt an Rigo Gooßen. Gooßen ist ein "Drochterser Jung", wie er sagt. Und nicht nur das, er ist seit 37 Jahren Vereinspräsident und Mäzen. "Wir wollen ein Spiel, das den Menschen in der Region in Erinnerung bleibt", sagt er. In Hamburg wäre die Spielvereinigung Drochtersen/Assel, die sich 1977 aus den Vereinen TVG Drochtersen und VTV Assel zusammenschloss, nicht richtig wahrgenommen worden. Die Bayern müssen also in die Provinz. Dorthin, wo Touristen am Elbstrand Urlaub machen und Traktoren während der Spiele hinterm Zaun des Stadions Gülle auf die Felder bringen.

Ohne Gooßen, sagen sie in Drochtersen, wäre der Verein heute nicht in der Regionalliga. Der Steuerfachangestellte war bei D/A erst angetreten, um die Jugendarbeit zu verbessern. "Dann habe ich mich mit dem D/A-Virus infiziert." Ein Mäzen war er damals noch nicht. "Ich hatte ja kein Geld", sagt Gooßen. Er machte sich selbstständig und wurde Geldgeber dieses Klubs, der inzwischen das Dorfleben bestimmt.

Der Medienandrang ist aktuell groß
Tim Scholz

Der Medienandrang ist aktuell groß

Die Spielvereinigung ist drei Jahre nach dem Aufstieg in der Regionalliga angekommen, damit dürfte der Verein sein Limit erreicht haben. "Bei uns kann niemand vom Fußball leben", sagt Gooßen. Die Spieler kommen größtenteils aus der Region Hamburg/Bremen, viele aus dem Dorf, wie Jasper Gooßen, der Sohn des Vereinschefs. Sie sind Vertragsamateure, die vier Mal in der Woche trainieren und tagsüber studieren, im Autohaus oder auf dem Bau arbeiten - wie Meikel Klee. Fernsehsender und Zeitungen erzählten die Geschichte des Maurers und Außenverteidigers bereits während des Hypes rund um das Pokalspiel gegen Gladbach. Und nun erneut: Meikel "Mörtel" Klee trifft auf Weltstar Franck Ribéry.

Die Bayern reihen sich ein zwischen die Ligaspiele gegen Egestorf-Langreder und Werder Bremen II. Trainer Lars Uder spricht von einem "Sechser im Lotto". Das Spiel bringe seine Mannschaft im Liga-Alltag keinesfalls aus der Ruhe. "Die Jungs sind total motiviert." Das zeige der Saisonstart: Nach fünf Spieltagen steht D/A auf Platz zwei. Das Bayern-Duell gehen sie dagegen anders an. Sie wollen es genießen, sich nicht abschießen lassen - und vielleicht ein Tor schießen. "Es lohnt sich, zu kämpfen und zu brennen", sagt Uder. Drochtersen, das nächste Vestenbergsgreuth? Daran glauben sie nicht wirklich.

Pastor Bernhard Pippirs, der bei den Heimspielen Stimmung mit einer Rassel macht, glaubt jedoch an das Wunder. Der Pokalkracher in seinem Dorf wird jedoch ohne ihn stattfinden, am Samstag muss er zwei Paare trauen. Doch: "Ich kann mich gar nicht ärgern", sagt Pippirs, "schließlich bereite ich anderen Menschen eine Freude."



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
BettyB. 17.08.2018
1. Nun ja,...
Wer jemals einen Fußballspieler gesehen hat, der sich vor dem Spiel bekreuzigt oder nach dem Torschuss gen Himmel blickt, weiß, dass der Glaube an "das Wunder" weit verbreitet ist, obwohl die Handlung wohl eher Häresie bedeutet, denn welcher der abrahamitischen Götter würde sich um einen Torschuss kümmern wollen?
ge1234 17.08.2018
2. Der...
Zitat von BettyB.Wer jemals einen Fußballspieler gesehen hat, der sich vor dem Spiel bekreuzigt oder nach dem Torschuss gen Himmel blickt, weiß, dass der Glaube an "das Wunder" weit verbreitet ist, obwohl die Handlung wohl eher Häresie bedeutet, denn welcher der abrahamitischen Götter würde sich um einen Torschuss kümmern wollen?
.... katholische, wie man spätestens seit dem WM-Viertelfinale 1986 weiß!
grueb 17.08.2018
3. Apostroph‘s sind Glücksache
Wer wie André dieses alberne Kneipen-Apostroph verwendet hat keine Tickets verdient. Auch wenn es nach neuer Rechtschreibung möglich ist - es ist einfach schrecklich.
Stäffelesrutscher 17.08.2018
4.
Zitat von gruebWer wie André dieses alberne Kneipen-Apostroph verwendet hat keine Tickets verdient. Auch wenn es nach neuer Rechtschreibung möglich ist - es ist einfach schrecklich.
Es könnte sich aber auch um einen verunglückten Akzent handeln. Mal liest man Andre´s, mal Andre`s ... Bedenklicher finde ich da Vornamen, bei denen man vermuten muss, dass entweder die Eltern oder das Standesamt keine Peilung hatten. Meikel ... wie Meikel Dschäcksen oder wie Meikel Daggless?
HaioForler 18.08.2018
5.
Keine Überraschungen. Drochtersen wird nicht wechseln und mit der bewährten Elf auflaufen, die uns in den letzten 20 Jahren schon derart viel Freude bereitet hat.
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