DFB-Pokal Die Träumer vom Bieberer Berg

Am Mittwoch treffen mit Kickers Offenbach und dem 1. FC Nürnberg zwei deutsche Traditionsteams im DFB-Pokal aufeinander. Was beim Bundesligaclub wie eine lästige Pflichtaufgabe angesehen wird, ist für den hessischen Regionalligisten die Gelegenheit, sich wieder auf der großen Fußballbühne zu präsentieren.

Von Andreas Lampert


OFC-Fans auf der "Waldemar Klein"-Tribüne: Aufs Äußerste strapazierte Leidensfähigkeit
ERWIN-Fanmagazin

OFC-Fans auf der "Waldemar Klein"-Tribüne: Aufs Äußerste strapazierte Leidensfähigkeit

Offenbach - Der vergangene Samstag war wieder einmal frustrierend für die Kickers-Fans in Offenbach: 1:1 gegen Rot-Weiß Erfurt, wieder nur Unentschieden, bereits das neunte Mal in dieser Saison, in 15 Spielen. "Wenn es so weitergeht, sind wir zwar x-mal ungeschlagen, aber auf einem Abstiegsplatz", stöhnte Volker Goll, Gründer des OFC-Fanzines "Erwin" und Mitarbeiter beim Fanprojekt in Offenbach nach diesem ungemütlichen Novembernachmittag am Bieberer Berg. "Solche Chancen machen 90 von 100 Regionalligaspielern rein, aber bei uns stehen die restlichen zehn im Kader. Wir Anhänger machen doch schon genug, das Tore schießen können wir nicht auch noch erledigen." Obwohl der OFC seit sieben Spieltagen ungeschlagen ist, ist die Lage in Offenbach, wie fast jede Saison, mehr als deprimierend.

"1:1, 1:1...da denkst du, du wirst langsam verrückt"


Kein Wunder, dass auch der Trainer jammert. "1:1, 1:1...da denkst du, du wirst langsam verrückt", flucht Kickers-Coach Ramon Berndroth dieser Tage, der mit seiner Mannschaft in der Regionalliga Süd inzwischen auf den 13. Rang abgerutscht ist. Dabei hat die Kickers-Abwehr nur ein Tor mehr kassiert (15) als Tabellenführer Unterhaching. Weil die Offensive aber nur zwei Tore (16) mehr zustande gebracht hat als Schlusslicht Borussia Neunkirchen, balancieren die Offenbacher Kickers auch dieses Jahr wieder über den Abstiegsschluchten der dritten Liga. Ein allseits bekanntes Gefühl am Bieberer Berg. Bereits im Oktober wussten alle OFC-Sympathisanten, dass ihre Leidensfähigkeit auch in dieser Saison aufs Äußerste strapaziert werden würde und die Zielsetzung des Präsidiums, 2004 den Aufstieg in die Zweite Liga in Angriff zu nehmen, wie ein schlechter Scherz klingt.

Kickers-Trainer Ramon Berndroth (2.v.l.), OFC-Spieler Corrochano: "Ich suche elf unerschrockene Spieler"
Reiner Gamer

Kickers-Trainer Ramon Berndroth (2.v.l.), OFC-Spieler Corrochano: "Ich suche elf unerschrockene Spieler"

Doch nun kommt am Mittwoch (19.30 Uhr) der 1. FC Nürnberg im DFB-Pokal, eine willkommene Abwechslung vom grauen Alltag der dritten Liga. Ein Lichtstrahl, der dem inzwischen in der Rumpelkammer des deutschen Fußballs gelandeten OFC wieder einen Auftritt auf großer Bühne gewährt. "Unsere jungen Spieler haben die einmalige Chance, die Kickers wieder auf die Fußballlandkarte zu schießen", verbreitet Ex-Nationalspieler und Kickers-Präsident Dieter Müller sogar etwas Optimismus. Im Pokal haben die Kickers in vergangenen Zeiten schon manches Mal ungeahnte Kräfte freisetzen und sich wenigstens für ein paar glorreiche Stunden in den Kreis der Mannschaften einreihen können, in den sie nach Meinung ihrer ergebenen Anhängerschaft immer noch hinein gehören.

Legendäre Pokalschlachten


An den Pokal haben sie in Offenbach gute Erinnerungen. Im Jahre 1970 gewannen die Kickers in Hannover als erste unterklassige Mannschaft den DFB-Pokal mit einem 2:1-Sieg über den hochfavorisierten 1. FC Köln. Zwar spielten die Offenbacher zu diesem Zeitpunkt als Aufsteiger wieder in der Bundesliga, aber noch als Regionalligist qualifizierten sie sich für das Endspiel, das wegen der WM 1970 in Mexiko erst Ende August ausgetragen wurde. Dieser Pokalsieg ist der einzige Titel, den die Kickers in ihrer inzwischen 101-jährigen Geschichte errungen haben. Kein Wunder, dass dieser Ruf verpflichtet. 1990 zog der OFC als erster Drittligist ins DFB-Pokal-Halbfinale ein, ehe der spätere Pokalsieger Kaiserslautern die Offenbacher stoppen konnte. Zuvor hatten sich die Bundesligisten Bayer 05 Uerdingen und Borussia Mönchengladbach sowie Zweitligatabellenführer MSV Duisburg in legendären Spielen den Kickers geschlagen geben müssen. 1993 fiel bei einem DFB-Pokalspiel gegen den SV Meppen das möglicherweise kurioseste Tor, das jemals auf dem Bieberer Berg erzielt wurde: das sagenumwobene "Arschtor" aus 20 Metern von Günter Albert in der 90. Minute. Noch heute werden Augenzeugen aufgefordert, den Fans, die nicht im Stadion waren, diese Szene zu schildern.

Kickers-Fans während des Pokalspiels gegen Karlsruhe: "Wie damals beim Nuber"
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An Pokalabenden, wenn die zwei mächtigen Flutlichtmasten auf den Höhen Offenbachs strahlen, können die Kickers die gute alte Zeit aufleben lassen. Dann ist der böse Spuk - das Übergangenwerden bei der Bundesliga-Gründung, der Bundesliga-Skandal und diverse Lizenzentzüge -, der den Fußballverrückten in den Köpfen schwirrt, und das angeborene Misstrauen gegenüber dem DFB wenigstens für ein paar Stunden vergessen. Dann heißt es immer: "Heute hawwe 'se gekämpft wie damals beim Nuber." Der Nuber ist Metzgermeister in Offenbach und war legendärer Halbstürmer bei den Kickers in den fünfziger und sechziger Jahren. Nicht selten versorgte er seine Mannschaftskameraden vor Spielen mit einer stärkenden Blutsuppe, ging bei Rückständen mit in den Sturm und schoss dann IMMER noch den Ausgleich. Das wusste ganz Deutschland. 1968 war Nuber Zweiter bei der Wahl zum Fußballer des Jahres, hinter Franz Beckenbauer. Das Nubersche Antlitz steht heute in Bronze gegossen auf dem Stadiongelände.

Siegessichere Nürnberger


Wie "damals beim Nuber" hat der OFC in dieser Saison bislang nur einmal gespielt. Das war in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen den Karlsruher SC am 31. August. Mit 3:1 siegten die Kickers verdient in der Verlängerung gegen den Zweitligisten. "Ich suche elf unerschrockene Spieler", hatte Kickers-Coach Berndroth vor dem Spiel gefordert und wurde von seiner Rasselbande (Durchschnittsalter: 24,9 Jahre) erhört. Da war das Fieber plötzlich wieder da auf dem Bieberer Berg, auf das die Zuschauer immer wieder hoffen, da brodelte das Stadion wie ein Vulkan, und dem Gegner schlotterten die Knie.

Ob die Kickers am Mittwoch gegen den 1. FC Nürnberg erneut zu solch einem Kraftakt fähig sind, ist fraglich. Aus der laufenden Saison mit ihrer verfluchten Remis-Serie konnten Berndroth und seine Jungs nicht allzu viel Selbstvertrauen schöpfen. Der "Club" kommt dagegen in guter Form nach Offenbach. "Offenbach ist eine Amateurmannschaft. Das heißt, es ist eine lösbare Aufgabe, auch wenn sie undankbar ist", hat Nürnbergs Coach Klaus Augenthaler die Lage gewohnt nüchtern eingeschätzt. Dagegen hat Manager Edgar Geenen mit der Faust auf den Tisch gehauen: "Wenn die Spieler das vergeigen, müssen sie das auch vor ihren Familien rechtfertigen. Dann werden die Weihnachtsgeschenke kleiner ausfallen."

"Ungeschlagen seit 1940"


Pokalabend in Offenbach: Wenn die zwei mächtigen Flutlichtmasten auf den Höhen Offenbachs strahlen
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Pokalabend in Offenbach: Wenn die zwei mächtigen Flutlichtmasten auf den Höhen Offenbachs strahlen

Die jüngere Geschichte spricht für die Franken. Als beide Mannschaften das letzte Mal auf dem Bieberer Berg gegeneinander spielten, war das Stadion mit 28.000 Zuschauern ausverkauft. Es war August 1999, das erste Heimspiel des damaligen Zweitligaaufsteigers Kickers Offenbach, und die Nürnberger siegten 3:1. Dieses Mal wird es nicht ganz so voll werden, obwohl der OFC das Geld in seinen notorisch klammen Kassen gut gebrauchen könnte. 9000 Karten sind bislang im Vorverkauf abgesetzt, 15.000 Zuschauer werden erwartet.

Immerhin spricht die Statistik für den hessischen Traditionsverein. Vor über 60 Jahren verloren die Kickers in einem Pokalwettbewerb, dem damaligen "Von Tschammer-Pokal", das letzte Mal gegen den 1. FC Nürnberg. "Ungeschlagen seit 1940" lautet eine Anzeigenkampagne, die derzeit in Offenbach geschaltet ist. Der Blick in die Vergangenheit bringt bei den Kickers immer etwas Positives zu Tage. Zu wünschen wäre es den OFC-Anhängern, dass auch einmal über die Zukunft der Offenbacher Kickers etwas Gutes zu berichten wäre.



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