FC Germania Egestorf Dem Verband verbunden

Germania Egestorf/Langreder - das klingt nach tiefster Provinz. Doch Hoffenheims Pokalgegner wird seit Jahren von mächtigen Funktionären gefördert. Mittendrin: Niedersachsens Verbandsboss.

Egestorfer Christoph Beismann beim Kopfball
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Egestorfer Christoph Beismann beim Kopfball

Von René Martens


Fußballfunktionäre gelten für gewöhnlich als stromlinienförmig. Glaubt man dem DFB-Präsident Reinhard Grindel, gibt es aber auch "Alternativen". Eine davon ist - jedenfalls laut Grindel - Karl Rothmund. Der 72-Jährige ist seit 2005 Präsident beim Niedersächsischen Fußballverbandes (NFV) und war vorher dort lange hauptamtlicher Direktor. Der DFB-Boss muss es wissen: Er war drei Jahre lang Vize beim NFV - unter Rothmund.

Momentan geht es dem Regionalfürsten richtig gut. Sein Verein, der 1. FC Germania Egestorf/Langreder, hat im Juni erstmals den Aufstieg in die Regionalliga geschafft, und nun steht er vor dem nächsten Höhepunkt der Klubgeschichte. Am Sonntag trifft der Fusionsverein, 2001 auf Initiative Rothmunds entstanden, im DFB-Pokal auf die TSG Hoffenheim (15.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE). Germania Egestorf/Langreder ist nach Hannover 96 und dem TSV Havelse nun die Nummer drei im Raum Hannover, und man kann, inspiriert von DFB-Boss Grindel, durchaus sagen, dass dem Klub dies auf nicht stromlinienförmige Weise gelungen ist.

Egestorf und Langreder sind Stadtteile von Barsinghausen, dort sitzt auch der seit einem Vierteljahrhundert von Rothmund geprägte Niedersächsische Fußballverband (NFV). Zwischen Vereinsmitgliedern und Verbandsmitarbeitern gebe es eine "verblüffende Personalunion", sagt der Hannoveraner Sportrechtler Jürgen Scholz. Jan Baßler etwa, stellvertretender Direktor des NFV, ist gleichzeitig Manager und Spieler des 1. FC Germania - keine gewöhnliche Konstellation. Weitere NFV-Vizedirektoren sind Steffen Heyerhorst, der von 2002 bis 2011 für Germania spielte, und Bernd Dierßen (140 Erstligaspiele für Hannover 96 und Schalke), der dort zwei Jahre Trainer war.

Pressesprecher in ungewöhnlicher Doppelfunktion

Beim NFV, einer seiner Tochterfirmen oder beim DFB, wo Rothmund von 2007 bis 2013 Vizepräsident war, sind zudem sieben Spieler aus dem aktuellen Regionalligakader beschäftigt. Christoph Beismann, 2014 vom damals höherklassigen TSV Havelse zu Germania gewechselt und im Juni in der Aufstiegsrunde Schütze des entscheidenden Treffers, arbeitet beim NFV im "Referat Nachhaltigkeit/Masterplan" und firmiert als Ansprechpartner für Futsal.

Karl Rothmund vom NFV
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Karl Rothmund vom NFV

Mirko Dismer, Mannschaftskapitän und Innenverteidiger, ist seit 2013 bei der DFB-Medientochter in Hannover tätig - als "Business Development Manager". Bereits seit 2011 obliegt ihm die "Leitung" des "Digitalen Marketings" bei der Robert-Enke-Stiftung. Sie gehört ebenfalls zum Einflussbereich der Barsinghäuser Fußballdirigenten: Jan Baßler ist Geschäftsführer, Karl Rothmund Schatzmeister.

Darüber hinaus sind zahlreiche Verbandsmitarbeiter gleichzeitig Trainer des von Germania dominierten Jugendfußballvereins (JFV) Calenberger Land. Der bekannteste Trainername beim JFV derzeit: Jonas Hecking. Beim NFV arbeitet der Sohn von Wolfsburgs Coach Dieter Hecking ebenfalls - im Rahmen eines dualen Studiums der Sportökonomie. Besonders kurios: Germanias Pressesprecher Manfred Finger ist auch Pressesprecher beim NFV. Das ist ungefähr so, als würde ein DFB-Kommunikator parallel für einen Bundesliga-Spitzenclub sprechen.

Karl Rothmund betont auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE, er übe bei Germania "überhaupt keine Funktion" aus. Wichtig genug, um im Gemeinderat von Barsinghausen dafür zu werben, dass die klamme Stadt sich am Stadionumbau beteiligt, ist er dann aber doch. Der Auftritt lag nahe: Der CDU-Mann Rothmund war selbst knapp drei Jahrzehnte Ratsherr in Barsinghausen. Außerdem ist er Ehrenbürger der Stadt.

Rothmund: "Wir sind hier nicht bei der Fifa"

"Germania ist in dem Sinne Rothmunds Verein wie der BFC Dynamo Erich Mielkes Klub war", sagt Anwalt Scholz. 2015 hat er im Auftrag von vier Vereinen einen Fragenkatalog an den NFV geschickt - basierend auf der "Annahme", dass die Neutralität, zu der der Verband verpflichtet ist, "seit geraumer Zeit eine Schieflage zu Gunsten des 1. FC Germania Egestorf/Langreder erlitten hat". Scholz wollte unter anderem wissen, ob der NFV den Klub "direkt oder indirekt gesponsert" habe. Der Verband habe "empört" und "teilweise ausweichend" reagiert, sagt der Anwalt.

"Die Leute hier vor Ort glauben, dass der Verband der große Unterstützer von Germania ist. Das ist sicherlich nicht der Fall", sagt Rothmund. Der NFV stelle "niemanden mit der Maßgabe ein, dass er bei Germania spielt". Hinzu komme: "Jede Personalentscheidung ab einer gewissen Größenordnung fällt das Präsidium, nicht eine Person. Wir sind hier ja nicht bei der Fifa, wir haben Ordnung im Laden." Scholz hingegen findet, dass sich im Barsinghäuser Machtkomplex die "Anrüchigkeit der großen Fußballverbände im Kleinen widerspiegelt".

In dieses Sittengemälde passt ein Einladungsschreiben anlässlich des 70. Geburtstags des Sportkameraden Rothmund vor drei Jahren. In dem Brief, unterzeichnet vom damaligen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach und seinem Nachfolger Grindel, heißt es, wenn man dem Jubilar "eine Freude machen" wolle, möge man doch dem 1. FC Germania "mit einer Spende helfen" - ausgerechnet "dem einzigen niedersächsischen Amateurfußballverein, der keine finanziellen Probleme hat", wie Scholz meint. Aber was tut man nicht alles für "einen feinen, echten Kerl" (Niersbach über Rothmund)?

Jürgen Scholz kritisiert auch, dass sich der NFV über eine Beteiligungs-GmbH "privatwirtschaftlich" engagiert und ein Hotel betreibt. Das im Verbands-Hotel untergebrachte Fitnessstudio B54 leitet Germanias Regionalliga-Spieler Sascha Derr, als Fitnesstrainer beschäftigt ist dort Suad Smailovic, acht Jahre Spieler der ersten Mannschaft und nun spielender Co-Trainer bei Egestorf/Langreder II (Bezirksliga). Der NFV hat sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht geäußert.

Solche "gruseligen" Verhältnisse gebe es "bei keinem weiteren DFB-Landesverband". Warum gibt es keinen Aufstand im Bundesland? Schließlich finanzieren die Vereine den Verband. Die Klubs hätten "Angst vor Sanktionen", glaubt Scholz. "Egal, mit wem man spricht: Man hat den Eindruck, Germania ist der unbeliebteste Verein Niedersachsens."



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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
naeggha 19.08.2016
1. Jugend in Ordnung
Hatte mal die B - Jugend von 2011/12 (?) zu nem Turnier von uns. Waren allesamt aufgeschlossen und freundlich und sehr fußballversiert. Ich kann das hier schlechte Bild des Vereins im Artikel nicht bestätigen, sorry. Klingt mir klischeebehaftet...
Brauheld 19.08.2016
2. Nun wird einiges klar
Beim entscheidenen Aufstiegsspiel gegen Altona 93 waren beide Treffer für Langreder sehr fragwürdig. Übrigens hat ein Schiri vom NFV gepfiffen. Ein Schelm wer böses dabei denkt.
horstenporst 19.08.2016
3.
Zitat von naegghaHatte mal die B - Jugend von 2011/12 (?) zu nem Turnier von uns. Waren allesamt aufgeschlossen und freundlich und sehr fußballversiert. Ich kann das hier schlechte Bild des Vereins im Artikel nicht bestätigen, sorry. Klingt mir klischeebehaftet...
Und ein Verein mit freundlichen Jugendspielern kann keine korrupten Funktionären haben?
Kalle96 19.08.2016
4.
@Brauheld du Schelm: Hab Egestorf gegen Eichede im Relegationsspiel vor Altona gesehen. Die "NFV-Truppe" wurde hier böse verpfiffen. Also erstmal bisschen recherchieren und nicht einfach draufkloppen. So einfach ist's dann doch nicht immer.
Experte94 19.08.2016
5.
@Kalle96: Selbst die Egestorfer waren ob des Elfers in der Nachspielzeit überrascht. Von "verpfiffen" kann mal gar keine Rede sein...
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