Schalke nach dem Sieg gegen Wolfsburg Die Bayern warten überall

Pokalendspiel, nächster Bundesligaspieltag, Halbfinal-Auslosung: Der FC Schalke kann nach seinem Erfolg gegen den VfL Wolfsburg kaum in die Zukunft blicken, ohne auf den FC Bayern zu stoßen.

Leon Goretzka (links)
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Leon Goretzka (links)

Aus Gelsenkirchen berichtet


Die Gedanken begannen zu rotieren, als Leon Goretzka klar wurde, welche persönlichen Wendungen diese Schalker Pokalsaison noch für ihn bereithalten könnte. Ein Halbfinale gegen die Bayern, seinen zukünftigen Klub? Auswärts, wo es immer schwer ist? Oder Zuhause, wo der Ärger über seinen bevorstehenden Wechsel womöglich wieder Schlagzeilen, Ärger und Pfiffe produziert? Auch ein Finale bei seinem letzten Einsatz für seinen alten Klub gegen den neuen ist denkbar.

Gibt es ein Wunschszenario? "Da muss ich noch mal genau in mich reinhören, das habe ich mir noch nicht so genau überlegt", sagte der Nationalspieler nach dem erkämpften 1:0-Sieg im Viertelfinale gegen den VfL Wolfsburg.

Die große Goretzka-Schalke-Bayern-Show ist also noch längst nicht zu Ende. Schon am kommenden Wochenende wird sie mit einem Bundesligaspiel der Gelsenkirchener beim Rekordmeister fortgesetzt. Und auch am Mittwochabend im Pokal wurde die Geschichte mit einem neuen Kapitel weitergeführt. Das kleine Drama hat sich herausbewegt aus der Welt des finsteren Nordkurven-Extremismus. Die Mehrheit des Publikums hat gemerkt, wie weltfremd und auch schädlich es für das eigene Team ist, den privaten Goretzka-Frust über einem Spieler auszuschütten, der im Moment alles für Schalke geben möchte.

"Applaus tut sehr, sehr gut"

Im ersten Heimspiel nach Bekanntwerden der Wechselpläne gegen Hannover war der Mittelfeldspieler noch wütend ausgepfiffen worden. Vorigen Samstag gegen Bremen gab es noch vereinzelte Unmutsbekundungen, nun wurde Goretzka wieder angefeuert - und am Ende sogar ein bisschen gefeiert. Er habe auf so eine Entwicklung gehofft, "ich habe wieder versucht, alles zu geben, und wenn man dann Applaus nach guten Szenen bekommt, dann tut das sehr, sehr gut", sagte der 23-Jährige.

Goretzka spielte ordentlich. Der kraftvolle Umschaltspieler, der mit seinen langen Schritten und dem Ball am Fuß große Räume überbrückt, ist allerdings noch nicht zurück. Es lässt sich schön darüber sinnieren, ob das nun eine Kopfsache nach dem ganzen Bayern-Theater ist oder eine Folge der Verletzung, mit der Goretzka sich im Herbst und in der Winterpause herumplagte. Immerhin als Zweikämpfer, Balleroberer und Defensivstratege gehörte er gegen die Wolfsburger aber schon wieder zu den Säulen des Erfolgs.

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Schalke im Halbfinale: Der Pott hofft auf den Pott

Auch wegen dieser Einseitigkeit erinnerte der Halbfinalist an diesem Abend an die alten Die-Null-Muss-Stehen-Schalker aus den Pokalwettbewerben der Huub-Stevens-Zeit. Neunzig Minuten lang hatte das Team den VfL Wolfsburg fest im Griff, "bis auf den Lattenschuss kann ich mich an keine nennenswerte Chance erinnern", sagte Trainer Domenico Tedesco. Die Dreierkette mit dem wieder einmal überragenden Naldo, mit den beiden taktisch klug agierenden Verteidigerkollegen Matija Nastasic und Thilo Kehrer war nicht zu überwinden für den Abstiegskandidaten.

Der FC Schalke befindet sich in einem interessanten Zustand: In der Defensivorganisation, wo die Trainerarbeit von besonders großer Bedeutung ist, spielen die Schalker als homogenes Kollektiv Spitzenfußball. In der Offensive, wo individuelle Klasse unverzichtbar ist, hakt es im Moment. Guido Burgstaller gelang zwar früh im Spiel ein Treffer, als er den Ball mit seiner unkonventionellen Herangehensweise nach ein paar Hüftschwüngen durch die Beine von Jeffrey Bruma ins Tor schob. "Aber wir haben das zweite und das dritte Tor nicht gemacht", sagte Tedesco, "das ist im Moment eine Schwäche von uns."

Schalke hat Champions-League-Qualität

Es handelt sich um ein Problem, bei dessen Lösung auch Goretzka gefragt ist. Denn die Schalker haben vorne zwar den erstaunlichen Burgstaller, den fleißigen Franco Di Santo, den immer stärker werdenden Marko Pjaca oder Breel Embolo und Zugang Cedric Teuchert, der in der Schlussphase sein Debüt feierte. Aber die ganz große Qualität kommt aus dem Mittelfeld, von Amine Harit und Goretzka.

Wenn der wieder richtig in Form kommt, wenn er neben seiner wertvollen Defensivarbeit auch Wucht und Tempo in der gegnerischen Hälfte erzeugt, ist der FC Schalke eine Mannschaft, die sich in den kommenden Monaten für die Champions League qualifizieren kann.

Und vielleicht sogar zum Pokalsieg. "Es ist ein stückweit mein Ziel, die Mannschaft ins Endspiel nach Berlin zu führen", sagte Goretzka, "es wäre ein überragender Abschied, wenn wir das schaffen würden."

Aber jetzt steht erstmal die Reise nach München an, in der Hauptrolle: Leon Goretzka.



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romeov 19.12.2014
1. Schalke hat Champions-League-Qualität?
Entschuldigung, dass ich hüstle. Wer gestern diese anderthalbstündige Zumutung verfolgt hat, den graust es nur, dass solche Mannschaften unser Land demnächst international vertreten werden.
skeptikerjörg 08.02.2018
2. Optimismusbremse
Also, wenn Schalke so spielt, wie gestern gegen Wolfsburg, dann braucht man an Berlin keinen Gedanken zu verschwenden, egal, wer der Gegner im Halbfinale sein wird. Und der Blick nach München am Samstag kann nur ein angst- und sorgenvoller sein. Der letzte überzeugende Auftritt war die zweite Halbzeit beim jetzt schon legendären 4:4 in Dortmund (aber davor lag halt auch eine katastrophale erste Halbzeit). Alles danach war mehr oder weniger trostloses Gekicke. Aber wenn man einem Leon Goretzka die Hauptaufgabe zuschreibt, Guilavogui und Arnold aus dem Spiel zu nehmen und nicht, das eigene Spiel nach vorne zu tragen, dann nimmt man halt in Kauf, dass die Offensive auf Zufall angelegt ist.
gnarze 08.02.2018
3. Zukunft
Sollte sich Schalke in ähnlichem Format wie gegen WOB präsentieren, die die (nahe) Zukunft eher düster aussehen. Was für ein trostloser Kick gestern Abend.
jnek 08.02.2018
4. Champions-League-Qualität?
Nee, echt nicht. S04 mag in der BL aktuell durchaus um die Tabellenplätze mitspielen dürfen, die dann zur Teilnahme an der CL berechtigen. ABER, lieber Herr Theweleit, das ist etwas diametral anderes als die Qualität für die CL zu besitzen. Nur weil zurzeit kein Team die nötige Konstanz besitzt haben so viele noch berechtigte Chancen auf Platz 2-4. Und da ist noch gar nicht berücksichtigt, dass S04 im Sommer einen Leistungsträger verlieren wird und ein weiterer noch nicht verlängert hat. In welcher Verfassung S04 also dann in der CL 18/19 auftreten würde .... das weiß erst recht keiner. Da ist es schon sehr steil von "Schalke hat Champions-League-Qualität" zu sprechen. Selbst das heutige S04 würde kaum die Gruppenphase überstehen.
doppelnass 08.02.2018
5. Schalke
Ich freue mich sehr über die Entwicklung auf Schalke. Wer hat denn schon geglaubt, dass Tedesco eine Wende herbeiführen wird? Klar war das Pokalspiel keine Offenbarung. Aber Schalke hat diese Saison bereits einige großartige Spiele bestritten, man denke nur an das 4:4 in Dortmund. Ich tippe für das Bayern Spiel am Wochenende auf ein Unentschieden.
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