Interview mit Giovane Elber "Ich nenne ihn Bratwurst-Bobic"

Er gewann mit Bayern München die Champions League und mit Stuttgart den Pokal: Giovane Elber drückt am Wochenende beiden Teams die Daumen. Im Interview spricht er über das "Magische Dreieck", einen schüchternen Joachim Löw und die Frage, ob er heute bei Bayern auf der Bank sitzen würde.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Elber, zum Warmwerden eine einfache Frage: Wem drücken Sie beim DFB-Pokalfinale zwischen dem VfB Stuttgart und Bayern München die Daumen?

Elber: Das ist überhaupt keine einfache Frage! Jeder weiß, dass ich lange beim FC Bayern gespielt habe. Mein Herz schlägt für den FC Bayern. Aber ich hatte auch drei wunderschöne Jahre in Stuttgart. Mit dem VfB habe ich meinen ersten Titel in Deutschland gewonnen. Fredi Bobic ist der beste Freund, den ich im Fußball gefunden habe.

SPIEGEL ONLINE: Und nun?

Elber: Ich versuche, das Spiel zu genießen. Und egal wer gewinnt: Feiern werde ich auf jeden Fall. Ich bin nach dem Spiel bei beiden Mannschaften zum Bankett eingeladen.

SPIEGEL ONLINE: Fröhlicher wird es voraussichtlich beim FC Bayern zugehen. Die Mannschaft ist klarer Favorit gegen den VfB. Fraglich scheint nur die Höhe des Sieges.

Elber: Klar, die Bayern sind Favorit. Aber vor dem Champions-League-Finale gegen Dortmund dachten auch alle, dass es ein klares Spiel wird. Und dann? 2:1 durch ein Tor kurz vor Schluss.

SPIEGEL ONLINE: Stuttgart ist doch nicht Dortmund!

Elber: Die Stuttgarter haben in diesem Finale weniger Druck als die Bayern, das ist eine ähnliche Konstellation wie für Dortmund im Endspiel der Champions League. Der VfB kann frei aufspielen, weil er schon für den Europapokal qualifiziert ist. Für den Club ist es das Finale. Mit einem Sieg können sich die Spieler unsterblich machen.

SPIEGEL ONLINE: Der FC Bayern kann als erste deutsche Mannschaft überhaupt das Triple aus Meisterschaft, Champions League und DFB-Pokal gewinnen.

Elber: Ja, das würde ich der Mannschaft auch gönnen. Mit drei Titeln im Gepäck in den Urlaub zu fliegen - was gibt es Schöneres? Wenn sie sich dann auf dem Marienplatz den Fans zeigen, müssen sie aber aufpassen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet es für einen Fußballer, die Champions League zu gewinnen?

Elber: Alles. Als wir 2001 nach dem Triumph in Mailand zurück nach München gekommen sind, waren überall Menschen: Die Straßen vom Flughafen bis zum Marienplatz waren voll. Bixente Lizarazu hat gesagt: Giovane, so viele Menschen waren nicht einmal 1998 auf den Straßen, als ich mit Frankreich Weltmeister geworden war. Ganz München war hungrig auf diesen Titel, nachdem wir zwei Jahre zuvor in Barcelona gegen Manchester United verloren hatten. Für einen Spieler ist die Champions League das Größte.

SPIEGEL ONLINE: Die aktuelle Mannschaft musste zweimal im Finale scheitern, ehe ihr der Triumph gelang. Gibt es weitere Gemeinsamkeiten zwischen dem FC Bayern von 2001 und dem von 2013?

Elber: Der Zusammenhalt. Jeder läuft für jeden. Das war damals so, das ist heute so. Aber die aktuelle Mannschaft ist besser: Mit 25 Punkten Vorsprung Meister geworden, den FC Barcelona im Halbfinale der Champions League insgesamt 7:0 besiegt - das ist beeindruckend. Um den Kader des FC Bayern bei Laune zu halten, braucht man einen richtig guten Trainer. Spieler wie Mario Gomez, Claudio Pizarro oder Rafinha sitzen auf der Bank, aber sie murren nicht. Und wenn sie gebraucht werden, sind sie da. Jupp Heynckes macht tolle Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie in der aktuellen Mannschaft einen Stammplatz? Oder säßen Sie auf der Bank?

Elber: Wie Bank? Nein, Giovane sitzt nicht auf der Bank. Zumindest nicht freiwillig. Mario Mandzukic wäre zweite Wahl, Gomez dritte.

SPIEGEL ONLINE: Mit zwei Toren im Finale gegen Cottbus haben Sie den VfB Stuttgart 1997 zum bislang letzten Pokalsieg geschossen. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Elber: Ich weiß noch, dass ich nach dem Spiel allein auf meinem Hotelzimmer saß und keine Lust hatte, mit der Mannschaft zu feiern.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Elber: Das Finale war mein letztes Spiel für den VfB. Zwei Tage danach stand ich schon beim FC Bayern unter Vertrag. Wir waren in Stuttgart wie eine Familie. Plötzlich war ich außen vor - das war mein Gefühl. Dann kam Fredi Bobic auf mein Zimmer und sagte: "Heute gehörst du noch zu uns. Also feiern wir jetzt zusammen. Morgen kannst du dich verpissen." Und dann haben wir zusammen gefeiert. Dass ich mich mit zwei Toren im Finale verabschieden konnte, war mir wichtig. Ich wollte bis zum Schluss alles für den VfB geben.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Trainer war Joachim Löw. Welchen Eindruck hatten Sie von ihm?

Elber: Er war viel schüchterner als heute, hatte enormen Respekt vor den Spielern. Die älteren hat er oft um Rat gefragt: Ist das Training gut? Trainieren wir zu viel oder zu wenig? Wer soll spielen? Das war eine gute Mischung, das hat gepasst. Heute tritt er sicher autoritärer auf. Der Pokalsieg 1997 war auch für ihn wichtig: Es war sein erster Titel in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Aus der Stuttgarter Mannschaft stach das "Magische Dreieck" heraus: Bobic, Krassimir Balakow und Sie. Waren Sie wirklich so gute Freunde, wie es aussah?

Elber: Ja, das war richtige Freundschaft. Mit Fredi telefoniere ich heute regelmäßig. Es geht dann nicht nur um Fußball, sondern auch um die Familie, um Privates. Unsere Töchter sind gleich alt. Mit Balakow spreche ich nicht so oft. Aber wenn wir uns mal sehen, ist die Freundschaft gleich wieder da.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihr Zusammenspiel ausgemacht?

Elber: Wir hatten nach vorne alle Freiheiten, mussten uns nicht um die Abwehrarbeit kümmern, Poschner und Berthold haben uns den Rücken freigehalten. Balakow war der Chef. Was er gesagt hat, galt. Er war ja auch schon älter als Fredi und ich. Auf dem Platz hat er mit mir Portugiesisch und mit Fredi kroatisch gesprochen. Aber in der Hektik des Spiels hat er manchmal die Sprachen vertauscht. Dann hat er mit mir kroatisch gesprochen. Und ich habe kein Wort verstanden. Auf Kroatisch kann ich nur ein paar Schimpfworte. Die hat mir Fredi beigebracht. Aber wir waren unerfahren: Wir wollten schönen Fußball spielen, immer weiter. Aber nur mit schönem Fußball wirst du nicht Meister. Das habe ich hinterher bei den Bayern gelernt. Da haben wir oft schlecht gespielt und trotzdem gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Heute betreiben Sie eine Rinderfarm in Brasilien. Haben Bobic und Balakow Sie schon besucht?

Elber: Balakow war noch nicht da. Der ist ja nur unterwegs, sucht einen Trainerjob. Vielleicht finde ich ja in Brasilien einen Verein für ihn. Wenn Lothar Matthäus in Brasilien trainiert hat, kann Balakow das auch. Der Bratwurst-Bobic war schon zweimal da.

SPIEGEL ONLINE: Bratwurst-Bobic?

Elber: Ja, so nenne ich ihn. Weil er früher einen Schiedsrichter als Bratwurst bezeichnet hat. Darüber haben wir uns kaputtgelacht. Wenn ich ihn heute anrufe, sage ich: Hey, du Bratwurst. Das können Sie auch schreiben. Da ist er garantiert nicht böse.

Das Interview führte Hendrik Buchheister

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
BettyB. 31.05.2013
1. Heute?
Heute würde er wohl selbst bei St. Pauli auf der Bank sitzen Welche Frage...
analyse 31.05.2013
2. Ich erinnere michgerne an Giovane Elber
er hatte eine tolle Ausstrahlung !
hubie 31.05.2013
3. @BettyB
Glückwunsch, sie haben treffend erkannt, dass Elber mittlerweile zu alt geworden ist für den Profi-Fußball.
wolltsnursagen 31.05.2013
4.
Zitat von BettyB.Heute würde er wohl selbst bei St. Pauli auf der Bank sitzen Welche Frage...
In Punkto Dämlichkeit übertrifft dieser Kommentar sogar noch die Interviewfragen. Frust gepaart mit Sozialneid, meine Lieblingsmischung. ;-) Deutscher geht's nicht.
Kalle Bond 31.05.2013
5. Giovanne Elber ...
... war zu seinen Zeiten bei Bayern M schon ein Guter! Wünsche ihm weiterhin diese Lockerheit und positive Ausstrahlung. Könnte einigen Foristen hier auch gut tun.
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