Frankfurter DFB-Pokalsieg Ein Abschied, wie ein Abschied sein sollte

Niko Kovac gewinnt mit der Frankfurter Eintracht völlig überraschend den DFB-Pokal - gegen den Verein, den er künftig trainiert. Ein Erfolg, der in Frankfurt alle wieder zu Bembel-Brüdern macht.

Aus Berlin berichtet


Überrascht musste Niko Kovac nicht sein. Schließlich hat er Typen wie Kevin Prince Boateng und Ante Rebic in der Mannschaft, "Jungs, bei denen man mal ein Auge zudrücken muss, und manchmal auch beide", wie der Trainer von Eintracht Frankfurt sie charakterisiert. So konnte man schon auf den Moment warten, an dem Boateng sich ein paar Kollegen greift, um die Pressekonferenz nach dem Pokalendspiel mit großen Gejohle und unter Verspritzen diverser alkoholischer Getränke zu stürmen.

In eine Pressekonferenz hineinzujagen und den eigenen Trainer mit Bier zu übergießen, mag nicht die allerneueste Idee sein und ist schon fast ein Ritual. Aber in diesem Fall, nach diesem hochüberraschenden 3:1 über den großen Favoriten Bayern München, hatte die Situation viel Ehrlichkeit. Ehrliche Freude. Boateng, Kovac und all die anderen hatten einen Coup gelandet, an den vorher vielleicht nur sie selbst geglaubt hatten. "Diesen Titel mit dem Underdog zu holen ist aller Achtung wert", sagt Kovac. Der erste Titel für die Eintracht seit 1988, seit Lajos Detari.

Die Eintracht hat einen echten Coup gelandet
Getty Images

Die Eintracht hat einen echten Coup gelandet

Es war Kovacs letztes Spiel mit der Eintracht, er wechselt bekanntlich am 1. Juli die Seiten und geht zum FC Bayern. In Frankfurt haben ihm das viele übel genommen, umso wichtiger war dieser Sieg. Für ihn, für den ganzen Verein, der in den Vorwochen in Tristesse zu versinken drohte.

"Ich darf Empathie erwarten"

"Ich weiß, was wir in den vergangenen zwei Jahren investiert haben, das lasse ich mir von niemandem schlecht reden", nutzte der Trainer den frischen Erfolg, um ein paar Dinge aus seiner Sicht klarzustellen. "Natürlich sind einige enttäuscht über meinen Abgang", aber in den Vorwochen sei die Stimmung in der Stadt viel zu negativ dargestellt worden, "da wurde aus einer Minderheitsmeinung eine Mehrheit gemacht". Schließlich "habe ich doch nichts, aber auch rein gar nichts verbrochen, deswegen kann ich Empathie erwarten".

Und wo er schon einmal so in Schwung war, resümierte er noch einmal die zwei Jahre seiner Amtszeit, "vom Fastabsteiger bis zum Pokalsieger". In dieser Zeit sei "der Verein aufpoliert worden, wir haben ihn aus dem Naphtalin herausgeholt".

Die zuvorigen aufregenden 90 Minuten gaben ihm in jedem Fall recht. Es war eines dieser Spiele, die es im Spitzenfußball mittlerweile viel zu selten gibt, die dann aber doch noch ab und an passieren, wenn man gar nicht damit rechnet. Mit einer Frankfurter Eintracht, "die alles, aber auch alles gegeben hat", wie ihr Trainer anschließend sagte.

Taktik mehrfach umgestellt

Ein Spiel, das angesichts von 22 Münchner Torschüssen bei acht Versuchen der Frankfurter eigentlich gar nicht so hätte ausgehen können. Die Bayern hatten am Ende 77 Prozent Ballbesitz, sie hatten zwei Lattentreffer, und in der Nachspielzeit hätte ihnen ein Elfmeter zugesprochen werden sollen. Aber der Videobeweis ließ Gnade vor Recht ergehen, obwohl dies im Regelwerk gar nicht vorgesehen ist.

Reporter und die Experten sprechen dann hinterher in ihrer Hilflosigkeit davon, dass es "die eine Mannschaft eben mehr gewollt hat". Eigentlich ein Satz, der alles und nichts aussagt. Aber in diesem Fall sogar stimmt. "Wir wollten es unbedingt", sagt Kovac. Und sein Kollege Jupp Heynckes in seinem (vermutlich) diesmal wirklich allerletzten Fußballspiel als Coach bestätigte Kovac indirekt: "Man muss den Erfolg auch mal erzwingen, und das haben wir heute nicht gekonnt." Eintracht Frankfurt hat den Erfolg erzwungen.

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Und doch war es nicht nur ein Sieg der Willenskraft, diesmal hatte auch der an diesem Abend bessere Taktiker gewonnen. Kovac stellte mehrfach das System um, reagierte nach dem Ausgleich der Bayern durch Robert Lewandowski, in dem er die Abwehr in eine Dreierkette umformierte, Rebic in die Sturmspitze schickte und dahinter Boateng alle Freiheiten im Mittelfeld gönnte. "Ich glaube, das war ein ganz guter Schachzug", sagte Kovac nachher. Das Selbstbewusstsein, das ein Bayern-Trainer haben muss, bringt er schon einmal mit nach München.

Selbst mit Alexander Meier versöhnt

Ein Erfolg - und die Fans, die schon ganz kurz davor waren, ihrem scheidenden Trainer die Gefolgschaft zu verweigern, riefen ihm wieder ein begeistertes "Niko, Niko" zu. Vor der Partie hatte er sie noch vor den Kopf gestoßen, als er Everybodys' Darling, Alexander Meier, den sie in Frankfurt Fußballgott rufen, aus dem Kader für das Finale verbannt hatte. Am Ende durfte Meier den Pokal als erster in die Höhe stemmen, Kovac stand daneben, mit Tränen in den Augen. Und alles war wieder gut.

Alexander Meier (3.v.r.)
Getty Images

Alexander Meier (3.v.r.)

Es wird doch noch ein Abschied, wie ein Abschied sein sollte. Fröhlich, ein bisschen melancholisch, sich mehr an die guten als an die schlechten Zeiten erinnernd. Am Sonntag bei der Feier auf dem Frankfurter Römer werden sich alle lieb haben, sie werden sich in den Armen liegen und noch ein bisschen weiter weinen. Sie werden einen Bembel nach dem anderen leeren. Ein Abschied, bei dem man sich aufs Wiedersehen freut.

Und das wird es schon bald geben. Das erste Spiel der neuen Saison, die Partie zwischen Meister und Pokalsieger um den Supercup, wird jetzt heißen: Eintracht Frankfurt gegen Bayern München. Mit dem neuen Bayern-Trainer Niko Kovac.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
torsten_raab 20.05.2018
1. Falsch gesehen
"Am Ende durfte Meier den Pokal als erster in die Höhe stemmen" - Der erste Eintrachtler, der am Samstag Abend den Pokal stemmte, war Charly Körbel. Ganz alleine auf dem Podium. Sensationeller Gänsehautmoment!
GueMue 20.05.2018
2. Ist gut so
Man kann die Erfolge von Bayern nicht mehr so recht ertragen. Sichere ausgaenge töten Freude.
m.gu 20.05.2018
3. Die bessere Mannschaft hat zu Recht gewonnen, auch dank eines
neutralen Schiedsrichters der keine Mannschaft bevorteilte oder benachteiligte. Es ist nach langer Zeit wieder ein Pokalspiel gewesen, wo der Bayernbonus nicht zur Geltung kam. Im Gegensatz dazu das Spiel Leipzig gegen Bayern München, wo 12 Münchener (inklusive Schiedsrichter) gegen 10 Leipziger die Oberhand hatten. Ein nicht gegebener Elfmeter für Leipzig, eine nicht gegebene rote Karte für Vidal belegen diese Tatsache. Andererseits wurde Keita durch 2 kleine Fouls vom Platz gestellt während Vidal zuvor 3 grobe Fouls (Gegenspieler auf Spann vorsätzlich getreten) keine Karte gesehen hat. Das Spiel wurde aufgezeichnet und kann das eindeutig belegen. Frankfurt hat in diesem Spiel verdient gewonnen. Leider mit einem Beigeschmack, die Spieler aus München würdigten in keiner Weise den Sieger. Unsportlich, unfair, pfui Bayern München
Pela1961 20.05.2018
4. Im Grunde
konnte nichts Besseres auch für die Münchner passieren. Sie bekommen jetzt den Trainer, der ihnen einen Titel klaute. Und der genauso erfolgreich ist wie Thomas Tuchel. Aber erheblich sympathischer.
Orthoklas 20.05.2018
5. Kovac
Kovac wird mit Bayern wahrscheinlich nicht einmal Meister. Was Hoeneß geritten hat, den zu verpflichten, fällt wohl in den Bereich Altersdemenz. Wie Kovac an diesen Job gekommen ist, dürfte für ihn ebenso rätselhaft sein, wie die Frage, wie er den Pokal geholt hat. Nach einem Jahr ist Schluss.
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