Von Daniel Theweleit, Gelsenkirchen
Für Jens Keller war es ein unglücklicher Zufall, dass er bei seinem ersten Spiel als Cheftrainer des FC Schalke 04 ausgerechnet Thomas Tuchel begegnete. Der Coach von Mainz 05 war zuletzt immer wieder als möglicher S04-Trainer zur kommenden Saison gehandelt worden, bestritt Kontakte nach Gelsenkirchen aber vehement. Dennoch verkörpert der 39-Jährige nach wie vor die Sehnsucht vieler Menschen im Umfeld des Revierclubs nach einer echten Erneuerung bei Schalke.
Trainer bei S04 ist aber erst einmal Keller, und der verbarg seine Enttäuschung und seine wahren Gedanken nach der 1:2-Niederlage im Pokalachtelfinale gegen Mainz hinter einer Mauer bekannter Fußballerphrasen. In der ersten Halbzeit habe er "die Verunsicherung" seines Teams gesehen, sagte Keller. Später habe man "den Jungs angemerkt, dass sie unbedingt gewinnen wollten".
Tuchel hingegen sparte sich Phrasen, er lieferte eine messerscharfe Fachanalyse, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. Der Mainzer Trainer war in der zweiten Halbzeit von Schiedsrichter Marco Fritz auf die Tribüne geschickt worden, weil er sich über ein übles Foul von Schalkes Jermaine Jones an Marco Caligiuri aufgeregt hatte. Nach dem Spiel aber sprach er ruhig und deutlich. Die Journalisten aus dem Revier, die sich zuletzt an der Widerborstigkeit des Huub Stevens abarbeiten mussten, lauschten staunend über so viel durchdachte Klarheit.
Müller war es dann auch, der in der 82. Minute nach einem langen Ball von Jan Kirchhoff zum 2:1 traf. So, wie es sich Tuchel mit seiner Umstellung vorgestellt hatte. Die Idee seines Gegenübers Keller, den offensiven Mittelfeldspieler Tranquillo Barnetta rechts in der Abwehrkette aufzubieten, erwies sich hingegen als Eigentor: Der Schweizer begünstigte durch Nachlässigkeiten beide Gegentreffer. Vor dem 0:1 versäumte es Barnetta, mit dem Torschützen Caligiuri mitzulaufen (30.), vor dem 1:2 ließ er Müller entwischen.
"So was darf nicht passieren. Der Ball war gefühlte zehn Sekunden unterwegs", sagte Keller zum 1:2. Seine Mannschaft hatte zwar gekämpft und mit einer Energieleistung Klaas-Jan Huntelaars das 1:1 erzwungen (75.), war spielerisch jedoch weit entfernt vom Niveau der ersten Hinrunden-Hälfte. Für den Moment hat der Trainerwechsel noch nicht den erhofften Befreiungseffekt bewirkt.
Ehemalige Leistungsträger wie Roman Neustädter, der sich nach seinem Länderspieldebüt Mitte November von einem brillanten Strategen in einen völlig verunsicherten Fehlpassproduzenten verwandelt hat, befinden sich in einer ungebremsten Abwärtsspirale. Jermaine Jones ist nur noch ein Schatten jener gefürchteten Instanz, die das Mittelfeld an guten Tagen mit seiner energischen Präsenz beherrschen kann. Julian Draxler wirkt müde und verletzte sich auch noch am Knie. Wie lange er ausfällt, steht noch nicht fest.
All das sorgte dafür, dass die Stimmung von Schalkes Manager Horst Heldt nicht die beste war. "Die Veränderungen, die stattgefunden haben, möchte ich nicht kommentieren, weil ich nicht möchte, dass das Alte mit dem Neuen verglichen wird", sagte Heldt zum missglückten Trainerdebüt Kellers. Dieser eher komplizierte Satz ist bezeichnend für die Komplexität der Schalker Krise.
Schalke 04 - FSV Mainz 05 1:2 (0:1)
0:1 Marco Caligiuri (30.)
1:1 Huntelaar (75.)
1:2 Nicolai Müller (82.)
Schalke: Hildebrand - Barnetta, Höwedes, Metzelder, Christian Fuchs - Jones, Neustädter (67. Holtby) - Farfan, Draxler (57. Obasi) - Marica, Huntelaar
Mainz: Wetklo - Pospech, Svensson (80. Kirchhoff), Noveski, Zabavnik (8. Diaz) - Baumgartlinger, Polanski - Nicolai Müller, Marco Caligiuri - Szalai, Parker (70. Soto)
Schiedsrichter: Fritz
Zuschauer: 54.202
Gelbe Karten: Jones - Caligiuri
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