Künftiger Bayern-Trainer Vier heikle Aufgaben für Niko Kovac

Mit Startrainern haben die Bayern Erfahrung - können sie auch mit Niko Kovac? An diesem Abend werden sie ihn kennenlernen, als Gegner im Pokalfinale. Für Kovac geht es um alles: seine Autorität im künftigen Job.

Jupp Heynckes und Niko Kovac
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Jupp Heynckes und Niko Kovac

Von Florian Kinast, München


Als Jupp Heynckes am vergangenen Donnerstag sein letztes Training an der Säbener Straße beendet hatte, folgte die nächste Verabschiedung. Die Mitarbeiter der Geschäftsstelle des FC Bayern bildeten für den 73-Jährigen ein Spalier, skandierten "Jupp, Jupp" und drückten dem scheidenden Trainer einen Blumenstrauß in die Hand. Heynckes wirkte berührter als bei der offiziellen Danksagung vor der Niederlage gegen den VfB Stuttgart.

Beim Pokalendspiel in Berlin am Samstag (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) verlebt Heynckes wirklich seinen finalen Arbeitstag vor dem Gang in den mutmaßlich endgültigen Ruhestand. Und selbst wenn Heynckes in seiner vierten Zeit als Bayern-Trainer seit Oktober nur sieben Monate im Amt war, es mutet an wie das Ende einer Epoche. Denn ab jetzt wird vieles anders. Dem FC Bayern steht eine spannende Saison bevor. Eine Spielzeit, die Brisanz birgt und die zeigen wird, ob Kovac der Aufgabe in München gewachsen ist.

Spieler weichen der Kovac-Frage aus

Allein für die Spieler wird die Zusammenarbeit mit einem Trainer ohne internationalen Titel eine ganz neue Erfahrung. Thomas Müller etwa geht in seine zehnte Bayern-Saison. Seit er 2009 seinen ersten Profivertrag unterschrieb, erlebte er nur erfahrene Erfolgstrainer, die bereits mindestens einmal davor die Champions League gewonnen hatten: Louis van Gaal, Jupp Heynckes, Pep Guardiola, Carlo Ancelotti. Und jetzt - ein bisschen wie beim beliebten Kinderrätsel auf der Suche nach dem einzigen Begriff, der thematisch nicht in diese Reihe passt - Niko Kovac.

Erwähnte man in den vergangenen Wochen gegenüber den Spielern den Namen des künftigen Trainers, folgten ausweichende Antworten. Dass das noch kein Thema sei, man sich erst nach Saisonende damit beschäftige. Das klang alles gar nicht abwertend, das war verständlich. Mit all den heraushörbaren Zwischentönen war auch weniger große Skepsis zu spüren als vielmehr eine immense Neugier auf eine ganz neue Erfahrung. Nach dem Motto: Mit großen Startrainern kann ja jeder. Aber mit einem wie Kovac?

Für Kovac selbst ist das Pokalfinale das bislang wichtigste Spiel seiner Karriere, nicht nur weil er mit einem Titel Frankfurt im Frieden verlassen dürfte und es ein versöhnlicher Abschied von den Fans wäre, die ihm den Wechsel nach München und die seit der Bekanntgabe einhergehende sportliche Talfahrt verübelten. Wichtig wird es auch, weil er sich mit einem Sieg Respekt verschaffen würde bei seinen künftigen Spielern. Überrollen die Bayern aber wehrlose Frankfurter wie vor drei Wochen beim 4:1 in der Bundesliga, dann dürfte Kovac Anfang Juli nicht als unantastbare Autorität in München antreten - was es noch schwieriger machen dürfte, die ohnehin schon heiklen Aufgaben zu meistern. Denn auf Kovac warten zahlreiche Baustellen:

  • Wie wird er mit Robert Lewandowski umgehen, falls der Stürmer wie in den vergangenen Monaten schlechte Laune verbreitet und abgesehen davon nicht mehr so regelmäßig trifft?
  • Fängt der von sich selbst grenzenlos überzeugte Sandro Wagner an, einen Stammplatz einzufordern?
  • Was tun mit den empfindlichen Egos Arjen Robben und Franck Ribéry, die nach ihren Vertragsverlängerungen noch ein weiteres Jahr in München spielen? Selbst unter Heynckes ließ Robben im Falle einer Ersatzbank-Nominierung chronisch nörgelnd Dampf ab. Kann sich Kovac als Respektsperson durchsetzen? Bekommt er streitbare Charaktere wie Robben in den Griff?
  • Und wie gelingt es ihm, die beiden Alphatiere Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge mit ihren unterschiedlichen Philosophien und Strategien weiter zu vereinen? Hält der Burgfrieden, zu dem sich die beiden Machtmenschen unter Jupp Heynckes durchringen konnten, auch weiter an?

Aus neutraler Sicht könnte die neue Saison eine äußerst unterhaltsame werden. Und sei es auch nur deshalb, weil unter Kovac vielleicht die schon langweilige Routine durchbrochen wird, national ein bis zwei Titel zu holen und in der Champions League an spanischen Teams zu scheitern.

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Spannend wird auch sein, wie geduldig die Vereinsbosse mit ihm sind. Die kommende Saison wird wieder ein Übergangsjahr, unter Erfolgsdruck steht Kovac selbstverständlich trotzdem. Mit den Zugängen Leon Goretzka und Serge Gnabry sowie den stärker in die Rolle als Führungsspieler wachsenden Joshua Kimmich und Niklas Süle hat Kovac durchaus die Chance, eine Mannschaft für die kommenden Jahre aufzubauen. Die Frage ist nur: Kriegt er dafür auch die Zeit, falls die Erfolge kurzfristig ausbleiben?

Vergangenen Samstag bekam Jupp Heynckes im Stadion eine Fotocollage überreicht, darauf standen persönliche Widmungen aller Spieler. Thomas Müller schrieb: "Wir sehen uns im Oktober wieder...". Müller ist bekanntermaßen ein Scherzkeks, natürlich wird Heynckes im Herbst nicht noch einmal als Bayern-Trainer einspringen, wie 2017, als er den gefeuerten Ancelotti ersetzte.

Ganz sicher wird die neue Saison aber zeigen, ob Niko Kovac eine neue Ära einleiten kann oder ob er in der Klub-Historie nur eine austauschbare Episode bleibt.

insgesamt 10 Beiträge
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Sal.Paradies 19.05.2018
1. Die Federn werden gewetzt
Schon klar, dass in der SPON-Redaktion angesichts dieser neuen Konstellation die Sektkorken knallen und Leute wie Hr.Kinast+Hr.Ahrens über das Glas Sekt hinweg amüsiert auf die neue Saison schauen. Da werden jetzt schon die Schreibfedern gewetzt und auch der eine oder andere Forist hier kann die neue Saison kaum erwarten, auf das der lange herbei geredete/ersehnte Untergang der Bayern nun endlich Fahrt aufnimmt. Und ja, auch ich bin erwartungsfroh und schaue dann neugierig in den Süden. Mit dem Unterschied, dass ich all das neutral beobachte und mir der Geifer nicht jetzt schon im Mundwinkel hängt. Freut`s euch schon auf eine echte "Gaudi", ihr Ritter der schreibenden Zunft? Es steht zu erwarten, dass es dann auch hier beim SPON hoch her gehen wird und mit genügend provokantem Schub zwischen den Zeilen (und den Titeln) , wird es auch heuer wieder neue Rekorde an Klicks geben. Die Clickbait-Spiele mögen beginnen und als folkloristische Beilage gibt es dann wöchentlich Wasserstandsmeldungen des HSV, der in der 2.Liga dann (vermutlich) wieder Erfolge feiern darf... :-))
briancornway 19.05.2018
2. Bauleitung
Ich glaube nicht, dass Müller seine Erfahrung so raushängen lassen wird, dass es den Trainer verunsichern könnte. Kovac traue ich auch zu, Lewandowski und Robben im Zaum zu halten ... Bei Ribéry ist es wahrscheinlich eine Frage des Einfühlungsvermögens, das kann ich schwer einschätzen. Auf jeden Fall sind das alles Baustellen, die Kovac bearbeiten kann. Aber entscheidend wird sein, ob dem Trainer auch dann der Rücken gestärkt wird, wenn Spieler pädagogisch auf die Tribüne gesetzt werden und der Verein ein paar Spiele nicht gewinnt. Falls Kovac sein Ding auch dann durchziehen darf, wird er schließlich respektiert werden, und das ist wichtigste Frage. Außerdem wird auch die Kaderplanung für die nächsten Jahre ein größeres Thema sein, und vielleicht darf Kovac da ja auch ein paar Worte mitreden.
Klangstof 19.05.2018
3. Der Artikel ist doch legitim...
Kovac hat nichts auf der Visitenkarte. Der Bayernspieler als "Gattung" ist doch schon mental immer auf Topniveau gepolt, erwartet vom Trainer immer professionellsten Input und am besten ist der Coach einer, der Lametta vorzuweisen hat. Das haben Heynckes, Ancelotti, Guardiola z.B. en masse, um nur mal die letzten Trainer zu erwähnen. Da kommen wir auf mind. 30 Titel, mehrfache CL Siege, nationale Titel bis zum Abwinken usw. Niko Kovac hat gar nichts vorzuweisen. Wenn die Eintracht heute abend leer ausgeht, wissen die Bayernspieler: Ok, er hat die Eintracht im Saisonendspurt quasi gegen die Wand gefahren, nachdem man zuvor noch auf Platz 4/5 war, kommt also nicht mal mit der eigentlich zum Saisonendspurt erreichbaren EL in der Tasche zum Pokalfinale und soll uns kommende Saison gegen Barca, Real und City scharf machen? Natürlich soll Herr Kovac uns heute abend den 5. Pokalsieg servieren, aber auf der Menükarte steht ganz harte Kost. Der FCB in der Vermutungsaufstellung ist ja ein Brett (alleine offensiv mit James, Müller, Ribery, Lewandowski), wir haben allerdings mit der Achse Hradecky, Abraham, Hasebe, Prince, Rebic, Wolf, Jovic auch keine Graupentruppe beisammen. Es geht heute ohnehin nur über das Maximum, d.h. harte und saubere Zweikämpfe, extreme Laufbereitschaft, vertikales Spiel nach Balleroberung und natürlich um Torchancen und Effektivität, um den Bayern auch zu zeigen, dass die Eintracht da ist! Es ist ein Finale und alles kann passieren. "Alles" bedeutet ja für die Mehrheit: Der FCB trinkt am Ende ausm Pott! Aber schauen wir mal, wie der "Spielfilm" sein wird! Mir ist es eigentlich egal, wie Kovac kommende Saison performt, ein bisschen wünsche ich mir trotzdem, dass er in München gnadenlos scheitert!
Fangio 19.05.2018
4. Was die Eintracht-Fans gern vergessen
die dem geborenen Berliner Koavc jetzt Fahnenflucht und schlimmeres vorgeworfen haben: vor zwei Jahren war die Kloppertruppe noch auf dem Weg in die Zweite Liga, da hat Frankfurt noch Relegation gespielt. Und heute dürfen sich die Frankfurter Fans am Berliner Lietzensee in der Sonne aalen (und nebenbei mal eine wirkliche Großstadt (!) bewundern), dann nachher ihrem Team beim Spiel um einen richtigen Titel zuschauen, und nächste Saison in der Europa League auftreten. Das war Nachhilfe aus der Hauptstadt vom feinsten, zumindest doch nicht schlecht was Kovac do in seiner Zeit geleistet hat - also einfach mal die Klappe und den Ball flachhalten, und dankbar sein, liebe Frankfurter.
Pela1961 19.05.2018
5. Meine Vermutung
und Hoffnung ist ja die, dass Kovac mit Blick auf den Umbau geholt wurde und das "bei-Laune-halten" der Altstars Robben und Ribery nicht unbedingt mehr oberste Priorität hat. Vielleicht hat man auch deshalb erst jetzt die Verträge verlängert, weil man den beiden klargemacht hat, dass sie die nächste Saison nicht mehr die absoluten Superstars sind, sondern gerne noch die erfahrenen Routiniers darstellen können, die den Jungen auf die Sprünge helfen. Wer weiß - vielleicht sind sich die Bayernbosse sogar dahingehend einig, dass es keine 7. Meisterschaft in Folge sein muss, dass eine titellose Saison durchaus der Start in eine neue Ära sein kann. Kein Mensch bestreitet ja, dass ein Umbruch und Umbau nötig ist. Und jeder weiß auch, dass das Zeit braucht. KHR und UH sind ja keine Anfänger und man kann ihnen vieles nachsagen, aber nicht, dass sie keine Ahnung vom Fußball und vom Geschäft haben. Sie sehen doch auch, dass Gnabry, Goretzka, Süle, James, Kimmich und Coman nur dann die Nachfolge von Robbery und Co antreten können, wenn sie auch Gelegenheit bekommen, Fehler zu machen. Kovac braucht die bedingungslose Rückendeckung des Vorstandes, dann kann er auch die Nachwuchstalente einbauen, die letztens schon mal Buli-Luft schnuppern konnten. Und es wird auf jeden Fall für einen Platz unter den ersten Vier reichen, da bin ich mir ziemlich sicher. Wäre ich als Fan auch vollkommen zufrieden mit. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die Konkurrenz nicht noch einmal so schnarchnasig durch die Buli durchtrottet wie in dieser Saison. Vielleicht wird ja Schalke endlich mal Meister. Gönnen würde ich es ihnen.
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