Bremen im Pokal-Halbfinale "Das ist Wahnsinn für uns"

In der Liga kämpft Bremen gegen den Abstieg, doch im DFB-Pokal feiert der Klub eine Party nach der anderen: Dank des Sieges bei Bayer Leverkusen steht die Elf im Halbfinale.

Aus Leverkusen berichtet


Wer am Dienstagabend um viertel nach neun an der großen Fußballarena in Leverkusen vorbeispazierte, musste den Eindruck haben, drinnen laufe gerade ein mitreißendes Fußballspiel. Inbrünstige Fangesänge lagen in der Luft, es wurde gejubelt und gejohlt. Nur selten geht es hier derart stimmungsvoll zu, das Publikum der Werkself verhält sich ja in der Regel eher reserviert.

Und tatsächlich waren die Leverkusener Fans längst auf dem Heimweg, die Partie zwischen Bayer und Werder Bremen war seit einer halben Stunde beendet. Stattdessen sangen die rund 2500 Anhänger der Gäste. Mit all ihren Klassikern erzeugte das kleine Grüppchen eine Stadionatmosphäre, wie sie nur selten herrscht in Leverkusen.

Es gab ja auch Erstaunliches zu feiern: einen 3:1-Sieg bei einem Champions-League-Anwärter und den Einzug ins Halbfinale des DFB-Pokals. "Das ist Wahnsinn für uns", sagte Trainer Viktor Skripnik, "heute hat alles gepasst. Wenn du zusammenhältst, kannst du auch ein Riesenniveau erreichen."

"In Leverkusen hat man nichts zu verlieren"

Die Bremer hatten wie eine echte Spitzenmannschaft gespielt: taktisch klug, geduldig und selbstbewusst. Nicht einmal der frühe Rückstand durch Chicharitos Elfmeter (22. Minute) brachte sie aus der Ruhe. Neun Tore hatte Werder in den drei Bundesligapartien dieses Jahres zugelassen, nun verteidigten sie derart geschickt, dass Bayer Leverkusen jenseits des Elfmeters keine einzige klare Torchance hatte.

Natürlich spielte dabei die 41. Minute eine Schlüsselrolle, als Leverkusens Wendell nach einem Foul an Fin Bartels die Rote Karte sah und Claudio Pizarro den anschließenden Elfmeter zum 2:1 verwandelte. Diesen Vorteil in einem Auswärtsspiel bei einer Spitzenmannschaft derart souverän zu nutzen, bleibt aber ein starkes Indiz dafür, dass im Kader der Bremer doch große Fähigkeiten schlummern. "In Leverkusen hat man nichts zu verlieren, das ist anders als im Abstiegskampf, das ist ein positiver Druck, den man hat", versuchte Manager Thomas Eichin die Diskrepanz zu vielen Bundesligaspielen dieser Saison zu erklären.

Außerdem hatten die Bremer den mittlerweile 37-jährigen Claudio Pizarro, der in der Halbzeit in einer emotionalen Ansprache davon erzählte, wie wunderbar es ist, ein Pokalfinale zu spielen. Der Stürmer hatte im sechsten Pflichtspiel nacheinander getroffen, die Klarheit, die Einsatzbereitschaft und die Routine im Spiel des Stürmers sind eine kostbare Bereicherung für den Abstiegskandidaten von der Weser. "Seine Präsenz und die Art, wie er die Bälle weiterverteilt, daran sieht man seine Klasse", sagte Kapitän Clemens Fritz.

Kießling fassungslos, Völler bedient

Bei einem weiteren Sieg im Halbfinale könnte Pizarro der erste Spieler werden, der zum neunten Mal das Pokalendspiel erreicht - das er schon sechs Mal gewonnen hat. Nur Bastian Schweinsteiger war in diesem Wettbewerb noch erfolgreicher.

Stefan Kießling muss erst einmal weiter auf einen Titel warten. Leverkusens Torjäger rang nach dem Spiel um Fassung. Seit 23 Jahren hat Bayer Leverkusen nichts mehr gewonnen, den Pokal betrachten sie schon lange als wahrscheinlichste Option, diese Serie der Erfolglosigkeit zu beenden. Umso rätselhafter wirkte der blutleere Auftritt der Mannschaft besonders in der ersten Hälfte. "Du führst 1:0, da darf es einfach nicht passieren, dass du so ein Spiel so beschissen aus der Hand gibst", sagte Kießling und berichtete von einem "Gefühl, dass jeder einen Rucksack von 50 Kilo hintendran gehabt hat, weil gar nichts zustande gekommen ist".

Roger Schmidt monierte, dass sein Team "die Gefahr, die Werder ausstrahlt, nicht erkannt habe", der Trainer sprach von einer "scheinbaren Sicherheit", die seine Mannschaft eingelullt habe. "Wir hatten viel Ballbesitz, und das 1:0 hat vielleicht sein Übriges getan", sagte er. Und Sportdirektor Rudi Völler fand das Spiel der Werkself "behäbig". Bremer Lust traf auf eine erschreckende Leverkusener Lähmung, deren Ursachen mal wieder rätselhaft blieben.

Er könne nicht verstehen, "dass das in einer Phase passiert, wo man das Gefühl hat, das kann nicht passieren, weil du einfach so gefestigt bist", sagte Kießling. Erst am Samstag hatte Bayer 04 ja ein viel gelobtes 0:0 gegen den FC Bayern erspielt. Dieser Pokalabend lädt nun mal wieder dazu ein, die alte Leverkusener Neigung zu erwähnen, große Spiele durch Fahrlässigkeiten und einen unerklärlichen Mangel an Willenskraft aus der Hand zu geben.

Werder Bremen wollte diesen Sieg einfach dringender, Kapitän Fritz schwärmte von "diesem Drive, diesem Kampf", von Kräften, die 90 Minuten lang im Bremer Spiel zu sehen waren. Und die am Ende auch die Fans in ihren leidenschaftlichen Liedern des Triumphes zum Ausdruck brachten.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
prince62 10.02.2016
1. Typisch Leverkusen, kommt´s drauf an, wird versagt.
Typischer Auftritt der Werkself, wenn es in einem Spiel darauf ankommt, Charakter, Kampf und Ehre zu zeigen sind die "Söldner" hoffnungslos überfordert und versagen auf der ganzen Linie, gegen einen Abstiegskandidaten im eigenen Stadion zu verlieren, dazu gehört schon was.
experte1305 10.02.2016
2. Unter Völler
wird Leverkusen nie einen Blumentopf gewinnen! 10 Jahre Völler, 10 Jahre Misserfolg! Schuld sind aber immer die anderen!
spitzaufknoof 10.02.2016
3. Werder
Keine Angst, auch in der Liga wird Bremen bald aus der Abstiegszone raus sein. Am Ende der Saison stehen die Werderaner auf einem sicheren Platz im Mittelfeld. Vermutlich sogar noch vor den Stellingern wenn es normal läuft.
plutinowski 10.02.2016
4. hinzu...
Zitat von prince62Typischer Auftritt der Werkself, wenn es in einem Spiel darauf ankommt, Charakter, Kampf und Ehre zu zeigen sind die "Söldner" hoffnungslos überfordert und versagen auf der ganzen Linie, gegen einen Abstiegskandidaten im eigenen Stadion zu verlieren, dazu gehört schon was.
... kommt wahrscheinlich eine unterschwellige Unterschätzung. Die haben sich wohl einlullen lassen, hat Schmidt ja auch sinngemäß so gesagt. Andererseits dürfte Werder besser sein als der Tabellenplatz aussagt. Bis zum Mittelfeld sind es ohnehin nur wenige Punkte.
mcbarby 10.02.2016
5. Wundertüte
Bayer war, ist und wird wohl auch in Zukunft eine Wundertüte sein. Sie können durchaus mitreißenden Fußball spielen aber auch gleich im nächsten Spiel geradezu der Inbegriff von Lethargie sein. Wer sich als Fan diese Mannschaft ausgewählt hat, braucht sicher auch ein gehöriges Maß an Masochismus.
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