DFB-Pokal Wie Wuppertal die Bayern wanken ließ

Zwei Tore, zweimal Jubel, zweimal Hoffnung auf die Sensation: Regionalligist Wuppertaler SV schlug sich gegen die Münchner hervorragend - eine Halbzeit. Dann machte der Favorit Ernst. Am Ende waren aber alle zufrieden. Die Bayern feierten den Einzug ins Viertelfinale, der WSV sich selbst.

Aus Gelsenkirchen berichtet Jürgen Bröker


Bastian Schweinsteiger war schon auf dem Weg zum Bayern-Bus. Frisch geduscht, die Haare trocken und gegelt, lief er durch den Spielertunnel, da kamen ihm die Wuppertaler Spieler erst vom Platz entgegen. Sie waren lange draußen geblieben und hatten die Atmosphäre noch einmal aufgesaugt, so einmalig war das gewesen, was sie zuvor in 90 Minuten in der Veltins-Arena auf Schalke erlebt hatten.

Bayern-Stürmer Klose (r., gegen Dogan): Eine Halbzeit ausgeglichen
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Bayern-Stürmer Klose (r., gegen Dogan): Eine Halbzeit ausgeglichen

"Für den ganzen Verein, die Fans und uns Spieler war das der absolute Knaller", sagte Mike Rietpietsch jedem, der ihn ansprach. Trotz der am Ende deutlichen 2:5 (2:2)-Niederlage gegen den Bundesliga-Spitzenreiter aus München hielt sich die Enttäuschung beim Kapitän des Regionalligisten Wuppertaler SV in Grenzen. "Natürlich haben wir an unsere Sieg-Chance geglaubt, aber wir wussten auch, dass diese Chance nicht besonders groß war", sagte er.

Anders als die Euphorie rund um die Begegnung. Mehr als 61.000 Zuschauer wollten das Spiel sehen. Der Großteil davon kam aus Wuppertal, die meisten mit dem Auto. Auf bis zu 20 Kilometern stockte der Verkehr zwischenzeitlich auf der A43 zwischen Wuppertal und der erstmöglichen Abfahrt in Richtung Gelsenkirchen. Viele kamen trotz des verschobenen Anpfiffs zu spät ins Stadion. Diejenigen, die es pünktlich schafften, machten schon vor Spielbeginn Bilder mit Fotoapparaten und Handys - Beweise sammeln, dass sie tatsächlich dabei waren. Beim größten Spiel in der Vereinsgeschichte des Wuppertaler SV Borussia.

Die Aufregung war entsprechend groß. Auf dem Platz und auf den Rängen. Stadionsprecher Thorsten Hesse feierte den zwischenzeitlichen Ausgleich von Tobias Damm zum 1:1 mit den Wuppertaler Fans so ausgiebig, dass er bei der Nennung des Torschützen zu spät dran war. Noch bevor Hesse den Namen des Wuppertaler Tores ausrufen konnte, hatte Miroslav Klose zum 2:1 für die Bayern getroffen. "Das lassen wir uns jetzt trotzdem nicht nehmen", rief Hesse ins Mikrofon.

Als Mahir Saglik dann tatsächlich zum erneuten Ausgleich für den WSV traf, als die Bayern wankten und als es so aussah, dass der Stadionsprecher Recht behalten könnte, da war der Jubel in der Arena so laut, dass Mike Rietpietsch vergeblich in seinen Erinnerungen nach einem vergleichbaren Lärmpegel suchte. "Eine solche Lautstärke habe ich bei einem Fußballspiel noch nicht erlebt. Wahnsinn", sagte der 33-Jährige. Die Hoffnung auf die Sensation war plötzlich wieder da. "In der ersten Halbzeit hat man gesehen, dass die Wuppertaler, so lange sie fit sind, mithalten können. Sie sind da um ihr Leben gelaufen", sagte Bayern-Manager Uli Hoeneß. Auch Ottmar Hitzfeld verteilte noch seine Komplimente an den Gegner. Wuppertal habe seiner Mannschaft das Leben schwer gemacht. Vor allem in der ersten Halbzeit habe der WSV "richtig gebrannt".

Komplimente, die sein Gegenüber Wolfgang Jerat so nicht stehen lassen wollte. "Jetzt weiß ich, warum Ottmar Hitzfeld allgemein als Gentleman gilt", sagte Jerat. Eigentlich habe sein Team anders auftreten wollen. "Und dass wir am Ende auch noch unsere Ordnung verlieren, darf auch gegen Bayern München nicht passieren. Darüber müssen wir reden." Der Trainer will mit seiner Mannschaft vor allem den Aufstieg in die Zweite Liga schaffen - und so wusste Jerat nach dem Spiel nicht so recht, ob er sich mehr über das Ausscheiden ärgern, oder doch froh sein sollte, dass der Pokal-Hype endlich ein Ende hat.

Er hofft nun, dass der WSV die Euphorie mit in die Regionalliga-Rückrunde retten kann. "Das Spektakel hier könnte uns schon einen Schub geben", sagte Jerat. Man habe ja gehört, dass die Wuppertaler wirklich schöne Lieder singen könnten. Es wäre schön, wenn sie das in Zukunft auch in großer Zahl im Stadion am Zoo täten. Dorthin kommen in der Regel weniger als 6000 Zuschauer. Jerat hofft, dass nicht nur die Begeisterung um den Club wächst, sondern auch die Unterstützung. "Für unser Ziel, den Aufstieg in die Zweite Liga, brauchen wir die Fans", sagte der Coach. Und Kapitän Rietpietsch befürchtet, dass das Ganze nichts gebracht habe, "wenn beim nächsten Heimspiel wieder nur ein paar Tausend ins Stadion kommen", sagte er immer noch im verschwitzten Trikot. Da war schon eine Stunde nach Spielschluss vergangen.

Dicht neben ihm antwortete ein längst umgezogener Mark van Bommel auf die Frage nach dem Wunschgegner der Bayern fürs Viertelfinale. "Ihr wollt doch sowieso 1860 München hören, also schreibt das doch", sagte er und drehte sich lachend um. Da hatten die Bayern-Spieler ohnehin schon den Bundesliga-Rückrundenauftakt am Freitag gegen Rostock im Kopf. Bei den WSV-Kickern wird die Erinnerung an den Pokal in der Veltins-Arena trotz der Niederlage dagegen so schnell nicht verblassen. "Was hier in der ersten Halbzeit los war, werden wir nie wieder vergessen", sagte Rietpietsch. Und verschwand in Richtung Dusche.

Irgendwie waren am Ende dann doch alle zufrieden. Die Bayern, dass sie endlich einmal in der Arena AufSchalke gewonnen und die nächste Runde im DFB-Pokal erreicht hatten und die Wuppertaler, dass sie dabei sein durften. Nur die Frau hinter dem Stand mit den WSV-Fanartikeln blickte etwas gelangweilt vor sich hin. "Wenn Schalke hier spielt, verkaufe ich deutlich mehr", sagte sie. Kurz darauf hatte sie Feierabend.

Wuppertaler SV - Bayern München 2:5 (2:2)
0:1 Klose (14.)
1:1 Damm (26.)
1:2 Klose (27.)
2:2 Saglik (29.)
2:3 van Buyten (50.)
2:4 Toni (53.)
2:5 Altintop (88.)
Wuppertal: Maly - Bölstler, Stuckmann, Voigt, Wiwerink (80. Monbongo) - Tim Jerat (74. Dogan), Lintjens (67. Malura), Lejan - Rietpietsch - Damm, Saglik. - Trainer: Wolfgang Jerat
München: Kahn - Sagnol, Lucio, van Buyten, Lahm - Sosa (72. Altintop), Zé Roberto (72. Kroos), van Bommel, Ribéry (72. Schweinsteiger) - Klose, Toni. - Trainer: Hitzfeld
Schiedsrichter: Michael Weiner
Zuschauer (in Gelsenkirchen): 61.482 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Wiwerink, Tim Jerat - Kahn, van Bommel

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