Remis gegen Schweden: 60 Minuten Himmel, 30 Minuten Hölle
Es hätte der Befreiungsschlag werden können, alle Kritiker wären verstummt: Deutschland führte 4:0, hatte einen grandiosen Sieg vor Augen. Doch dann schafften die Schweden in kürzester Zeit vier Tore. Alle Debatten um die Unzulänglichkeiten der DFB-Elf werden nun neu aufbrechen.
Es kommt nicht häufig vor, dass Joachim Löw nach Worten suchen muss, um zu erklären, was er in den 90 Minuten zuvor bei einem Spiel seiner Mannschaft gesehen hat. Nach dem 4:4 (3:0)-Unentschieden in der WM-Qualifikation gegen Schweden, nach einer Vier-Tore-Führung, fiel es dem Bundestrainer aber sichtlich schwer.
"Ganz ehrlich, kurz nach dem Spiel finde ich keine Erklärung. Einen 4:0-Vorsprung aus der Hand zu geben, ist normalerweise nicht möglich", sagte Löw, "wahrscheinlich begann das Problem irgendwo im Kopf."
Dabei hatte man ihn bis zur 62. Minute selten so locker und gelöst an der Seitenlinie gesehen. Angesichts der Treffer von Miroslav Klose (8. Minute/15.), Per Mertesacker (39.) und Mesut Özil (55.), kein Wunder.
Dann kam die 62. Minute. Da kassierte die deutsche Mannschaft das erste Gegentor durch Zlatan Ibrahimovic. Mikael Lustig sorgte nur zwei Minuten später für das zweite. Als wäre das nicht schon genug, kam es durch Johan Elmander (76.) und Rasmus Elm (90.+3) noch schlimmer, genauer, zum Ausgleich. Löws Laune, sie war spätestens zu diesem Zeitpunkt im Keller.
Was angesichts der starken Darbietung der Deutschen über weite Strecken das bisherige Highlight der Qualifikation hätte werden können, sorgte am Ende nur für Frustration. Nun wird es wieder Kritik hageln. Anstatt der dringend benötigten Ruhe wieder Debatten geben.
Schon zuvor war viel geredet worden, die Diskussionen um die deutsche Nationalmannschaft hatten schon etwas Ermüdendes: Löw gegen Marcel Schmelzer. Uli Hoeneß gegen Löw. Löw daraufhin gegen Hoeneß. Bastian Schweinsteiger contra Teamstimmung. Mesut Özil contra Schweinsteiger. Philipp Lahm pro Schweinsteiger. Löw contra Schweinsteiger und Lahm. Um Fußball ging es nur selten.
Özils No-Look-Hackenablage geriet zum künstlerischen Höhepunkt
Es schien zunächst, als könne das Schweden-Spiel all diese Debatten beenden. Denn was das deutsche Mittelfeld da zeitweise auf dem Platz zeigte, kam einer Demonstration gleich. Kombinationsfußball der Extraklasse. Viel Ballbesitz. Extreme Passgenauigkeit. Übersicht und Ruhe selbst in engsten Situationen. Kurz: Das Mittelfeld zeigte genau das, was Löw gerne sieht. Die erste Stunde sei absolut hervorragend gewesen, sagte Löw.
Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger, Marco Reus, Kroos, Özil und Klose als veredelndes Element im Sturm näherten sich mit ihrer Spielweise spanischen Verhältnissen. Özils No-Look-Hackenablage in der 51. Minute auf Müller geriet zum künstlerischen Höhepunkt.
Sicherlich: Schweden unternahm in dieser Phase fast nichts, um das deutsche Spiel zu unterbinden. Die DFB-Profis wurden kaum angelaufen, in den Zweikämpfen kamen die Schweden meist zu spät und auch der eigene Spielaufbau hakte.
Doch war die Leistung des deutschen Teams ein Beleg dafür, was für ein Potential in ihm steckt - nur abgerufen werden muss es. Und genau das blieb aus. Angesichts der hohen Führung stellten einige Spieler ihren Dienst komplett ein. Liefen nur noch die nötigsten Wege, und als dann die ersten Gegentreffer gefallen waren, gab es außer Schweinsteiger kaum jemanden, der sich wehrte, kaum jemanden, der noch einmal die Initiative ergriff. Und kaum jemanden, der in so einer kniffligen Situation einfach mal nur abgebrüht spielt.
Immerhin einen positiven Aspekt fand Löw dann doch noch: "Das ist vielleicht ein Spiel, aus dem man für alle Zeiten etwas lernen kann." In der Tat: Gesprächsbedarf gibt es genug. Die Debatten um die DFB-Elf werden wieder voll aufbrechen.
Deutschland - Schweden 4:4 (3:0)
1:0 Klose (8.)
2:0 Klose (15.)
3:0 Mertesacker (39.)
4:0 Özil (56.)
4:1 Ibrahimovic (62.)
4:2 Lustig (64.)
4:3 Elmander (76.)
4:4 Elm (90.+3)
Deutschland: Neuer - Boateng, Mertesacker, Badstuber, Lahm - Kroos, Schweinsteiger - Müller (ab 67. Götze), Özil, Reus (ab 88. Podolski) - Klose
Schweden: Isaksson - Lustig, Granqvist, Jonas Olsson, Safari - Wernbloom (ab 46. Källström), Elm - Larsson (ab 78. Sana), Ibrahimovic, Holmen (ab 46. Kacaniklic) - Elmander
Schiedsrichter: Pedro Proenca (Portugal)
Zuschauer: 72.369
Gelbe Karten: Reus (2), Lahm (3), Schweinsteiger - Isaksson
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- Mittwoch, 17.10.2012 – 09:46 Uhr
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Abwehr: Philipp Lahm, Jérôme Boateng, Holger Badstuber (alle Bayern München), Heiko Westermann (Hamburger SV), Marcel Schmelzer (Borussia Dortmund), Benedikt Höwedes (Schalke 04), Per Mertesacker (FC Arsenal)
Mittelfeld: Mario Götze, Marco Reus (beide Borussia Dortmund), Mesut Özil, Sami Khedira (beide Real Madrid), Toni Kroos, Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger (alle Bayern München), André Schürrle (Bayer Leverkusen), Lukas Podolski (FC Arsenal)
Angriff: Miroslav Klose (Lazio Rom)
| Deutschlands Spiele in der WM-Qualifikation | ||
| Datum | Gegner | Austragungsort |
| 07.09.2012 | Färöer (3:0) | Hannover |
| 11.09.2012 | Österreich (2:1) | Wien |
| 12.10.2012 | Irland (6:1) | Dublin |
| 16.10.2012 | Schweden (4:4) | Berlin |
| 22.03.2013 | Kasachstan (3:0) | Astana |
| 26.03.2013 | Kasachstan (4:1) | Nürnberg |
| 06.09.2013 | Österreich | München |
| 10.09.2013 | Färöer | Tórshavn |
| 11.10.2013 | Irland | Köln |
| 15.10.2013 | Schweden | Solna |
Bilanz gegen Deutschland: 12 Siege, 9 Unentschieden, 14 Niederlagen; 57:65 Tore.
Bilanz gegen Deutschland: 5 Siege, 4 Unentschieden, 8 Niederlagen; 27:26 Tore
Bilanz gegen Deutschland: 9 Siege, 6 Unentschieden, 22 Niederlagen; 52:78 Tore.
Bilanz gegen Deutschland: 0 Siege, 0 Unentschieden, 2 Niederlagen; 1:4 Tore.
Bilanz gegen Deutschland: 0 Siege, 0 Unentschieden, 4 Niederlagen; 1:13 Tore.
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