DFB stoppt China-Projekt Das Gerede von den Werten

Der DFB setzt die Testspiele gegen Chinas U20 aus - und sendet damit ein klares Signal: Meinungsfreiheit ist nur dann wichtig, wenn der Markt mitspielt.

Tibet-Protest in Mainz
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Tibet-Protest in Mainz

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Eine Handvoll Zuschauer protestiert gegen Chinas Politik, sie entrollen ein paar harmlose Tibet-Fahnen - das reicht schon aus. Der DFB setzt die Testserie mit Chinas U20-Team nach nur einmaliger Aufführung aus, weil dem Verband für die kommenden Ansetzungen "substanzielle Hinweise auf weitere Eskalationen" vorliegen.

Eskalationen - das Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Gemeint sind damit friedliche Proteste gegen die Ein-China-Politik in Tibet, eine Politik, die außerhalb des Reichs der Mitte international seit Jahrzehnten als massive Verletzung der Selbstbestimmung der Tibeter anerkannt ist.

Eskalation - man darf das auch Meinungsfreiheit nennen.

Dass solche Proteste dem chinesischen Verband CFA nicht gefallen, das ist nachzuvollziehen. Das haben die Gäste mit dem demonstrativen Verlassen des Platzes am vergangenen Wochenende nachdrücklich deutlich gemacht. Nebenbei bemerkt: Sie haben dabei für den Eklat gesorgt, nicht die Protestierer. Wenn die Chinesen unter diesen Umständen die Testspielreihe nicht fortsetzen wollen - bitte schön. Dann soll die chinesische Delegation dieses Projekt eben abbrechen und angesäuert abreisen. Stattdessen jedoch ist der DFB China in vorauseilendem Gehorsam entgegengekommen.

Der DFB hat in den vergangenen Tagen sehr viel von der Freiheit der Meinungsäußerung gesprochen, er hat betont, dass man Proteste nicht unterbinden könne. Genau das tut er aber jetzt: Aus Rücksicht auf die Belange der Chinesen wird die Möglichkeit zum Protest unterbunden. Übrig bleibt die Wahrnehmung, dass man die Chinesen partout nicht verärgern wolle.

Klassisch asiatisch das Gesicht wahren

Pro forma verschiebt man die Testspiele nur aufs kommende Jahr. Als ob DFB-Boss Reinhard Grindel in einem Spitzengespräch auf Augenhöhe mit dem Dalai Lama das Tibet-Problem bis dahin aus der Welt schaffen könnte. Dann sollte man wenigstens so ehrlich sein und das Projekt schlicht und schleunigst beerdigen. Aber dafür ist der chinesische Markt für den deutschen Markt ganz offensichtlich zu wichtig. Jetzt wird also ganz klassisch asiatisch versucht, das Gesicht zu wahren.

Nach dem Kommunikationsdesaster um den Videobeweis ist die China-Kooperation das nächste Thema, das der DFB in diesen Wochen spektakulär in den Sand setzt. Wieder macht der Verband den Eindruck, als sei er von den Ereignissen völlig überrascht worden. Dass man sich auch politische Proteste einhandelt, wenn man sich eine chinesische Delegation ins Land holt, konnte ja auch niemand ahnen.

Ob Katar oder China, es wiederholt sich immer und immer wieder: Das Einknicken vor den Verlockungen des Marktes, die Diskrepanz zwischen Worten und Taten im Spitzensport. All die Dinge, die dafür sorgen, dass das Gerede von den Werten des Sports eben genau das bleibt: Gerede.

DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann sprach in der Pressemitteilung des Verbandes von "aufrichtigem Bedauern", wenn "man bedenkt, was diese Spiele für die sportliche Entwicklung der chinesischen U20 und auch die mögliche Entwicklung der Regionalliga Südwest bedeuten". Die Bedeutung dieser Absage für die Glaubwürdigkeit des DFB ist allerdings erheblich höher.

Zimmermann schließt: "Wir sind zuversichtlich, dass wir die hervorragende Beziehung zwischen CFA und DFB weiterentwickeln werden." Genau das steht zu befürchten.



insgesamt 36 Beiträge
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andreasm.bn 24.11.2017
1. Hat wirklich irgendjemand ernsthaft was Anderes erwartet?
Das kann dann wohl nicht ernst gemeint gewesen sein. Dass der DFB nur aus rein kommerziellen Interessen handelt, ist ja wohl seit langer Zeit klar. Sonst hätte er als mitgliederstärkster Verein der Welt den korrupten Haufen FIFA schon längst kalt gestellt.
ManeGarrincha 24.11.2017
2. Auf den Punkt.
Genaus so ist es. Der DFB ist eine beamtenhafte Profitmaschine. Alles Gerede von Werten ist nur Fassade. Jämmerlich.
Fuxx81 24.11.2017
3. Wenn es nur der DFB wäre...
Ist leider überall so. Politik, Wirtschaft etc. Wir machen es den Chinesen viel zu leicht, ihren Einfluss auszuspielen. Ziel der Politik müsste es sein, unsere Wirtschaftsbezihungen zu dieser menschenverachtenden Diktatur so weit wie möglich zu minimieren.
schnittkerandre 24.11.2017
4.
Kein Wort davon, dass die Fans der RL diese Spiele ablehnen und die nächsten Begegnungen mit Tibet-Fahnen bereichern wollten.
freundlich100 24.11.2017
5. Deutsche Willkommenskultur
... da kommen junge Buben aus China zum Kicken nach Deutschland und dann muss man denen natürlich sofort sämtliche Menschenrechtsverfehlungen ihres Landes um die Ohren hauen. Das ist total respektlos. Politische Meinungsäußerung natürlich immer und überall - aber hier geht es um eine Provokation von jungen Menschen, die überhaupt nicht für die Tibetpolitik verantwortlich sind. Das ist dumm und taktlos. Abgesehen davon sind politische Aktionen in den meisten Stadien der Welt zurecht untersagt. Das hat nichts mit dem DFB zu tun. Schlimme schwarz-weiss-Malerei in dem Artikel: der böse allgegenwärtige Kommerz der mal wieder die zarten Menschenrechte mit Füssen tritt.
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