Nationalmannschaft Die Unmutigen

Das war kein Umbruch, kein Neubeginn: Was Joachim Löw und Oliver Bierhoff der Öffentlichkeit präsentierten, klang eher nach: keine Experimente. Das kann dem Bundestrainer noch zum Verhängnis werden.

Joachim Löw und Oliver Bierhoff
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Joachim Löw und Oliver Bierhoff

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DFB-Präsident Reinhard Grindel hatte noch am Dienstag gefordert, es dürfe bei der Nationalmannschaft "kein Weiter so geben". Einen Tag später präsentierten Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff der Öffentlichkeit ihre Botschaft. Sie lautet: Weiter so.

Natürlich soll vieles anders werden, die Einstellung, die Taktik, das Spielsystem. Dies allerdings fast exakt mit den Leuten, bei denen zuletzt bei der WM dies alles nicht gestimmt hat. Das kann funktionieren, Wiedergutmachung ist ja auch im Sport ein starker Impuls. Nimmt man allerdings allein den Auftritt von Löw und Bierhoff nach zwei Monaten der Stille und des Nachdenkens, so fehlt dafür der Glaube.

Sportlich werde man künftig versuchen, "das Risiko zu minimieren", sagte Löw - und genau das ist das Programm. Wagemut, Aufbruch, Pioniergeist, Experiment - auch um den Preis, vielleicht das nächste Turnier sogar abzuschenken, um bei der kommenden WM wieder voll da zu sein. Das wagen sie beim DFB einfach nicht.

Löw wirkte fahrig, er las Teile seiner Erklärung von einer Powerpoint-Präsentation ab. Das Fulminante, die Vehemenz, das Feuer, das die Situation erfordert hätte, es ging ihm fast vollständig ab. Der Bundestrainer ist angesichts seiner frischen Vertragsverlängerung direkt vor der WM eigentlich in einer starken Position, der sportlichen Pleite in Russland zum Trotz. Aber von Stärke, von Souveränität war wenig zu spüren. Die Demutsrolle, die er zu spielen hatte, sie ist einfach nicht die seine.

Karenzminuten der Selbstkritik

Bierhoff neben ihm versprühte schon nach wenigen Karenzminuten der Selbstkritik wieder jenes Bewusstsein um die eigene Bedeutung, das es schwer macht zu glauben, dass ihn die vergangenen Wochen wirklich so ins Mark getroffen haben, wie er sagt. Ungerührt kündigte er an, "mit verschiedenen Stakeholdern" sprechen zu wollen, das ist genau das, was man von Bierhoff in einer solchen Situation nicht hören möchte.

Auch beim Fall Mesut Özil hätte man sich mehr Tiefgang gewünscht. Der Bundestrainer eröffnete seine Ausführungen etwas unglücklich mit dem Satz "Vielleicht ein Thema: Mesut Özil", als hätte die Causa nicht wochenlang das halbe Land beschäftigt. Löw und Bierhoff sind keine Politiker, der Bundestrainer ist kein Sozialwissenschaftler, niemand sollte ihm abverlangen, die gesellschaftliche Lage zu analysieren oder ein Referat zum Thema Rassismus zu halten. Er ist nur der Trainer. Aber man kann und muss erwarten, dass Löw die Özil-Äußerungen zumindest richtig benennt und nicht auch noch vom Rassismusvorwurf an die Nationalmannschaft spricht.

DFB-Verteidiger Antonio Rüdiger hat sich letztens darüber gewundert, dass jetzt alle Welt über Rassismus im DFB-Team rede und dies zurückweise, dabei habe Özil doch davon gar nicht gesprochen. Was Rüdiger problemlos hinbekommt, darf auch ein Bundestrainer nach wochenlanger intensiver Beschäftigung schaffen.

Das Aus in der Vorrunde ist für den deutschen Fußball ein einmaliger Vorgang gewesen, seit 1938 ist ein DFB-Team nicht so früh ausgeschieden. Man kann also durchaus von einem historischen Moment sprechen. Diese Pressekonferenz machte nicht den Eindruck, als sei dies den Beteiligten klar.

Ob denn der Prozess des Nachdenkens, des Diskutierens jetzt weitergehe, wurden Löw und Bierhoff gefragt. So richtig wussten sie darauf nicht zu antworten. Dabei ist die Antwort einfach: Wenn der schnelle sportliche Erfolg ausbleibt, wird in jedem Fall weiter diskutiert.

Dann aber nicht mehr über Mesut Özil. Sondern über Joachim Löw.



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Pixelpu 29.08.2018
1. Bierhoff soll mit seinen Stakeholder sprechen
und Löw mit seinem Nivea--Führungsoffizier. Es wird dann sicher klare Anweisungen geben wie man die Zukunft zu gestalten hat
briancornway 29.08.2018
2. Beim Thema
"Der Bundestrainer eröffnete seine Ausführungen etwas unglücklich mit dem Satz "Vielleicht ein Thema: Mesut Özil", als hätte die Causa nicht wochenlang das halbe Land beschäftigt. " Aber Herr Ahrens ... das Thema war doch die Analyse der WM-Ergebnisse und die Maßnahmen für die Zukunft. Was seit einigen Jahren mit der Gesellschaft in Deutschland geschieht, ist zwar viel wichtiger, hat aber nichts mit dieser Analyse zu tun.
EconomistGI 29.08.2018
3. Und wenn der sportliche Erfolg "völlig überraschend" zurückkehrt?
Dann wollen es alle Journalisten (und andere Menschen auch) wieder längst gewusst haben! Es wurden vor und während der WM Fehler gemacht (taktisch und teilweise bei der Spielerauswahl), aber dass die Nationalmannschaft und ihr Trainer jetzt auf einmal nur noch Kreisklassenniveau haben sollen, oder "unbelehrbar" seien, ist doch Unsinn. Wenn man sich dieses "in Grund und Boden schreiben" so durchliest, dann kann man wirklich langsam von "Fake News" sprechen! Sorry, Herr Ahrens, vorurteilsfreies Zuhören ist Ihre Sache nicht!
kleinbürger 29.08.2018
4. so wird das nichts !
erst wenn jogi löw den mut besitzt sich seiner "justin-bieber-mit-12-gedächnis-frisur" zu entledigen kann es etwas werden mit dem neuanfang, wenn nicht ist alles nur ein unnötiges hinauszögern des unvermeidlichen abganges.
C-Burger 29.08.2018
5. Könnte schneller gehen als die beiden denken
Ich habe eben in der Tagesschau den Bericht über die Pressekonferenz gesehen. Was mich in Anbetracht des Anlasses total gestört hat, waren die Sponsorentafeln hinter Löw und Bierhoff. Sie wollen das Marketing runterfahren und ballern einen visuell voll bis zur Überreizung. Sie wissen, dass die Mehrheit der Fans die Bezeichnung "Die Mannschaft" nicht gut finden - und twittern heute als die Mannschaft... Ich glaube, die beiden Herren sind Ende dieses Jahres weg vom Fenster, vielleicht schon in 14 Tagen, nach 0:3 gegen Frankreich und 1:1 gegen Peru.
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