Von Andreas Morbach, Mainz
Sie wollte gehen aber musste noch bleiben. Bundestrainerin Silvia Neid hatte die Hand ihrer norwegischen Kollegin Eli Landsem freundschaftlich geschüttelt, ihr Programm für das verlängerte Wochenende zu Hause verraten ("Wäsche waschen, beim Golfclub vorbeischauen, bügeln, Koffer packen") und war in Gedanken schon aus Mainz abgereist. Doch nun musste sie noch einmal zurückblicken. Auf vier Testspiele, die ihr Team, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Frauen, während der rund zweimonatigen Vorbereitungszeit allesamt gewonnen hatte.
"15 zu 0 Tore. Das ist too much", sagte Neid, nachdem die DFB-Elf in Mainz auch Norwegen klar 3:0 besiegt hatte. Zuvor hatte es Siege gegen Nordkorea (2:0), Italien und die Niederlande (jeweils 5:0) gegeben. Nachdem das Neid-Team nun also auch die wenig zimperlichen Norwegerinnen mit späten Treffern binnen vier Minuten geschlagen hatte, war der Bundestrainerin die perfekte Testspielbilanz wohl ein wenig unheimlich. Gleichwohl sind die Siege Ausdruck der deutschen Stärke. Daher sagt auch Neid: "Wir werden mit großem Selbstvertrauen in das Spiel am Sonntag gehen."
Die Partie, auf die die Bundestrainerin anspielte, ist die am übernächsten Sonntag (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Berlin. Mehr als 74.000 Menschen werden dann den WM-Start der Titelverteidigerinnen gegen Kanada im Olympiastadion verfolgen. Ein Ausblick, der den deutschen Spielerinnen wohlige Schauer über die Rücken jagt. "Heute waren es fast 14.000. Grandiose Fans, auf die ich stolz bin. Aber ich wage mir nicht vorzustellen, was bei 75.000 Leuten los ist", sagte Torhüterin Nadine Angerer. Ihre Trainerin beruhigte die Keeperin anschließend. "Die Zuschauer in Mainz haben Krach für 75.000 gemacht. Deshalb sind wir da gut vorbereitet", so Neid.
"Das ist die beste Mannschaft, die Deutschland je gehabt hat"
Die lange Vorbereitungszeit für die Titelkämpfe im eigenen Land mit insgesamt sieben Lehrgängen brachte der Bundestrainerin vor allem eine Erkenntnis: Noch nie waren die elf Startplätze in einem deutschen Frauen-Nationalteam so hart umkämpft wie vor dieser Heim-WM. Denn noch nie war eine weibliche DFB-Auswahl so ausgeglichen besetzt wie derzeit. "Das ist die beste Mannschaft, die Deutschland je gehabt hat. Wir haben 21 gleichwertige Spielerinnen. Deshalb sind wir auch relativ entspannt - weil wir wissen, dass wir eine gute Bank haben", analysierte Melanie Behringer die komfortable Ausgangslage des DFB-Teams.
Dabei könnte die Mittelfeldspielerin, beim EM-Sieg 2009 noch gesetzt, eine der Leidtragenden des enormen Konkurrenzkampfes werden. Eigentlich galt Behringers internes Duell mit Fatmire Bajramaj im linken Mittelfeld als zentrale Personalie. Bis Neid gegen Norwegen beide auf der Bank ließ. In der Startelf stand stattdessen Célia Okoyino da Mbabi vom SC 07 Bad Neuenahr, die in den ersten drei Testspielen jeweils getroffen hatte und gegen Norwegen im munteren Wechsel mit der rechten Mittelfeldspielerin Kerstin Garefrekes die Außenbahnen beackerte.
Popp setzt die Sturm-Oldies Prinz und Grings unter Druck
Ein Signal für den WM-Auftakt? "Davon würde ich nicht ausgehen. Da warte ich lieber die Trainingseindrücke in der nächsten Woche ab. Vielleicht ist ja zum Beispiel Lira Bajramaj dann wieder viel leichtfüßiger als zuletzt", sagte die Bundestrainerin, deren Mannschaft nach einem kurzen Heimaturlaub am Dienstag in Berlin wieder zusammenkommt.
Deutlicher ist Neids Tendenz im Angriff. Dort hat sich Alexandra Popp, die stürmische Kronprinzessin, mit ihren zwei Treffern gegen Norwegen noch einmal als echte Alternative zu den arrivierten Torjägerinnen Birgit Prinz (33) und Inka Grings (32) in Erinnerung gerufen. Zumal sich Rekordnationalspielerin Prinz noch mit den Folgen ihrer Sprunggelenksverletzung herumplagt und Grings zuletzt die Selbstsicherheit der EM 2009 fehlte.
Doch Neid bremst alle Fürsprecher der 20-jährigen Popp: "Sie ist im Moment eine sehr, sehr wichtige Spielerin für uns - und sehr, sehr gut, wenn sie eingewechselt wird", sagt die Bundestrainerin. Sie wendet sich beim Projekt Titelverteidigung lieber wieder dem großen Ganzen zu. Schließlich haben die Norwegerinnen mit ihrer rustikalen Spielweise gerade angedeutet, wie man den scheinbar übermächtigen DFB-Frauen beikommen kann.
"Wir waren immer diejenigen, die nach Zweikämpfen am Boden lagen", hat Neid ein deutliches Manko ausgemacht. "Wir werden das Spiel analysieren. Und es wird uns nicht schwerfallen, den Spielerinnen klar zu machen, dass sie nicht auf Wolke sieben schweben sollten", sagte die Bundestrainerin trocken. Entschlossen unterstützt von ihrer erfahrenen Spielführerin Prinz: "Es sieht so aus, als hätten wir ein gutes Team", so die Weltmeisterin von 2003 und 2007: "Aber ob das auch wirklich so ist, wird sich erst zeigen, wenn es kritisch wird."
Deutschland - Norwegen 3:0 (0:0)
1:0 Laudehr (79.)
2:0 Popp (81.)
3:0 Popp (82.)
Deutschland: Angerer - Bresonik, Krahn (72. Goeßling), Bartusiak, Peter - Kulig (81. Hingst), Laudehr - Garefrekes (46. Behringer), Prinz (46. Bajramaj), Okoyino da Mbabi (72. Müller) - Grings (46. Popp)
Norwegen: Hjelmseth (55. Skarbö) - Skammelsrud, Mjelde, Berge (77. Vikestad) - Rönning (69. Ryland), Woods (46. Kaurin) - Haavi (69. Ims), Giske (61. Lene Mykjaland), Herlovsen (46. Stenslad) - Pedersen
Schiedsrichterin: Hong (Südkorea)
Zuschauer: 13.812
Gelbe Karte: - Mjelde
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