DFB-Sieg in Tschechien Sie können auch anders

Kämpferisch kraftvoll statt künstlerisch wertvoll: Das deutsche Nationalteam hat mit seinem Sieg in Tschechien bewiesen, dass es mehr kann, als furios zu stürmen. Es kann inzwischen auch schwere Gegner auf abgeklärte Weise dominieren. Die Kunst darf da bisweilen Pause machen.

Aus Prag berichtet


Schon nach drei Minuten war auch Milan Baros klar, dass dieses Spiel anders laufen würde als erhofft. Der tschechische Stürmer hatte den Ball gerade im Strafraum angenommen, das Toyota-Stadium war ein einziges hoffnungsvolles Raunen. Jan Polak, der kurz zuvor auf der linken Seite Philipp Lahm überlaufen und das Spielgerät eben jenem Baros zugesteckt hatte, schaute gebannt und war sich womöglich sicher, dass der Stürmer gleich ein Tor schießen würde. Doch dann kam aus dem Hintergrund Michael Ballack angeflogen, streckte sein Bein aus und beförderte den Ball von Baros' Bein ins Aus.

Vielleicht gab es nie einen besseren Zeitpunkt, ein endgültiges Fazit über die Leistungsfähigkeit des DFB-Teams zu ziehen, als nach dem 2:1 (1:0)-Erfolg in Tschechien. Auf dem Prager Rasen präsentierte sich eine deutsche Mannschaft den Großteil der neunzig Minuten so, als sei sie selbst der Gastgeber. Sie übernahm die Initiative, kontrollierte das Spiel, erarbeitete sich die Mehrzahl der Torchancen und ging in der Defensive souverän und kompromisslos zu Werke. Schon zur Halbzeit musste man sich zwangsläufig fragen, warum diese Partie im Vorfeld als die schwerste der gesamten EM-Qualifikation galt. Ballacks Grätsche gegen Baros war für all das die beste Metapher.

"Wir haben sehr clever gespielt", sagt Torsten Frings, der in der kühlen Prager Nacht steht und die Hände lässig in der Trainingshose vergraben hat. Man habe selbst das Spiel gemacht, erklärt der Mittelfeldmann, "wir wussten, wenn wir sicher stehen, bekommen wir unsere Chancen. Und die haben wir dann eiskalt ausgenutzt." Eiskalt klingt ein bisschen martialisch, und doch umschreibt es sehr gut das, was man diesem deutschen Team bisher eher nicht nachgesagt hat. Künstlerisch wertvoll lautete meist das Prädikat nach siegreichen Auftritten, ob bei der WM oder in der EM-Qualifikation. Beim schwersten Gruppengegner zeigte die DFB-Auswahl nun andere Qualitäten, die Teammanager Oliver Bierhoff von der "besten Leistung seit einem Jahr" schwärmen ließ. Wir können auch anders, das war die Message. Diesmal nicht schnell und überraschend, sondern überraschend abgeklärt.

Wie eiskalt die Deutschen auftraten, lässt sich am besten an der Person Kevin Kuranyis festmachen. Der hatte im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft lange nur noch in Nutella-Werbespots überzeugt, dank einer passablen Saison mit dem FC Schalke und einer Sperre für Miroslav Klose bekam der Stürmer nun seine Chance - und nutzte sie. Einen Eckball von Frings beförderte Kuranyi fast von der Strafraumgrenze ins Tor (42.), in der 62. Minute köpfte er dann eine Flanke Lahms zum 2:0 ins rechte Eck.

Bis zum Führungstreffer hatte der 25-Jährige nur ein einziges Kopfballduell gewonnen und stattdessen derart viele Bälle vom Fuß springen lassen, dass man zu der Ansicht kommen konnte, mit Klose habe der Schalker nur den ersten Buchstaben des Nachnamens gemein. Doch Kuranyi war auch bis zur 41. Minute weit davon entfernt, eine Enttäuschung zu sein. Er gab erfolgreich den vordersten Grätschenbeauftragten, kompensierte so seine weitgehende Unsichtbarkeit - und fügte sich nahtlos ein in das taktische Grundkonzept. "Sehr intelligent" habe sein Team gespielt, befand Bundestrainer Joachim Löw, "hinten haben wir wie eine Mauer gestanden und kaum Chancen zugelassen". Er kann den DFB nun wohl schon mit der Quartiersuche für die EM in Österreich und der Schweiz beauftragen. Die Tabellenführung wird seiner Mannschaft nach diesem souveränen Auftritt niemand mehr nehmen.

So tat es am Ende auch niemandem weh, dass die Kreativabteilung eine Zauberpause einlegte. Bernd Schneider blieb auf rechts weitgehend blass, einen Querpass von Podolski in der 61. Minute vertändelte er kläglich. Kurz vor Schluss wählte er bei einem Konter die einfachste aller Möglichkeiten: Anstatt einen Gegenspieler zu umdribbeln, schob Schneider den Ball in den freien Raum - das brachte Zeit. Sein Pendant auf der linken Seite wurde zur einzigen wirklichen Enttäuschung des DFB-Teams. Bastian Schweinsteiger, seit Wochen in einem Formtief, rannte sich immer wieder fest, spielte viele unnötige Fehlpässe und vergab in der 21. Minute aus wenigen Metern freistehend vor Petr Cech. Zudem wurde aus dem ersten Eckball von links, den Schweinsteiger nicht trat, die Führung. Und Torsten Frings reklamierte in der zweiten Hälfte auch noch das Recht für sich, die Freistöße zu treten.

Dass es am Ende noch einmal eng wurde, nachdem Baros einen Schuss von Jan Polak unhaltbar für Jens Lehmann abgefälscht hatte (75.), lag weder an den erstaunlich leisen tschechischen Fans noch an plötzlich aufkommender Genialität der Gastgeber. Auch das habe am DFB-Team selbst gelegen, wie Frings später betonte. Und er klang nicht so, als sei das eine schlechte Nachricht.

Tschechien - Deutschland 1:2 (0:1)
0:1 Kuranyi (42.)
0:2 Kuranyi (62.)
1:2 Baros (76.)
Tschechien: Cech (24 Jahre/50 Länderspiele) - Ujfalusi (28/58) ab 84. Vlcek (31/5), Jiranek (27/30), Rozehnal (26/33), Jankulosvki (29/58) - Galasek (34/56) ab 68. Kulic (31/5) - Sionko (30/25) ab 46. Plasil (25/25), Rosicky (26/63), Polak (26/28) - Baros (25/55), Koller (33/76). - Trainer: Brückner
Deutschland: Lehmann (37/44) - Lahm (23/32), Mertesacker (22/31), Metzelder (26/30), Jansen (21/13) - Schneider (33/76), Frings (30/66), Ballack (30/77), Schweinsteiger (22/43) - Kuranyi (25/37), Podolski (21/38) ab 89. Hitzlsperger (24/22). - Trainer: Löw
Schiedsrichter: Roberto Rosetti (Italien)
Zuschauer: 17.821 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Galasek, Jankulosvki, Koller / Jansen, Lehmann

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