Kontrollen im Stadion So arbeiten die Dopingjäger in der Bundesliga

Der DFB hält seine Anti-Doping-Arbeit für die zweitbeste der Welt. Aber stimmt das? SPIEGEL ONLINE war bei einer Kontrolle in der Bundesliga dabei. Der Vergleich von 20 europäischen Fußballnationen zeigt zudem: Es gibt Lücken für Manipulationen - auch in Deutschland.

Timm Schamberger

Vor 90 Minuten wurde abgepfiffen, und Emanuel Pogatetz sitzt immer noch im Dopingkontrollraum. Nach einer weiteren Flasche Wasser wagt er den nächsten Versuch. "Lass mich noch mal probieren", bittet Pogatetz, Abwehrspieler des 1. FC Nürnberg, den DFB-Kontrollarzt. Diesmal möchte er genug Urin für eine Dopingprobe abgeben. Und danach endlich unter die Dusche.

Ein Computer im Büro des Deutschen Fußball-Bundes DFB entscheidet, bei welchen Spielen jedes Wochenende kontrolliert wird. Für die erste und zweite Bundesliga werden jeweils drei Partien pro Spieltag zufällig ausgewählt. Anschließend wird das Personal organisiert, das die Dopingkontrolle in den Stadien durchführt.

Wie laufen diese Kontrollen ab, über die selten öffentlich berichtet wird? SPIEGEL ONLINE war in einem der Stadien dabei - und stellt gleichzeitig den großen Vergleich an: Wie steht das deutsche Kontrollsystem im internationalen Maßstab da?

Freitagabend, 15. Spieltag: Jens Kleinefeld betritt mit seinem Assistenten das Nürnberger Stadion. Für das Spiel des Clubs gegen Mainz 05 lässt der DFB extra einen Dopingkontrollarzt mit viel Erfahrung anreisen. "Das geht schon in die Tausende", schätzt Kleinefeld die Anzahl der Dopingkontrollen, die er durchgeführt hat. Seit 1993 kontrolliert der Kölner auch für den DFB. Wenn die Dopingkontrollen von Medien beobachtet werden, soll der Ablauf ohne Zwischenfälle funktionieren.

Der Kontrollraum befindet sich direkt neben den Spielerkabinen. Dort stellt Kleinefeld Getränke bereit, füllt Formulare aus, legt die Spielernummern der Mannschaftskader auf den Tisch. 20 Minuten vor der Halbzeit steht die Vorbereitung.

"Natürlich ist Fußball eine Sportart, in der auch verbotene Substanzen eine Leistungssteigerung bringen können", ist Kleinefeld überzeugt. Die Kontrolldichte stuft er ganz subjektiv als "sehr hoch" ein. Ein Blick auf die Fakten zeigt ein anderes Bild.

Arne Kulf/AKU!
Video: So funktionieren die Doping-Kontrollen im Fußball

An diesem Abend beobachtet auch DFB-Vizepräsident Rainer Koch den Kontrollablauf. Als Vorsitzender der Anti-Doping-Kommission des DFB wird er etwa zwei Wochen später informiert werden, sollte heute eine Dopingprobe verdächtige Werte aufweisen. Seine Kommission entscheidet, ob und welche Sanktionen ausgesprochen werden.

Bei der nächsten Sitzung seiner Kommission im Januar werde diskutiert, "inwieweit es Sinn macht, auch in den Wettkampfkontrollen Blutkontrollen vorzunehmen". Der DFB würde überlegen, ob auch die Nationale Anti-Doping-Agentur Nada künftig im Wettkampf kontrollieren kann. Von einer besseren Finanzierung der Kontrollen spricht Koch nicht. Unklar bleibt auch, ob die Bewertung der Ergebnisse an die Nada übergeben werden soll.

Es könnte noch dauern, bis ein nächster Schritt in der Verbesserung des Anti-Doping-Systems umgesetzt wird. Der aktuelle Rahmenvertrag zwischen DFB und Nada läuft laut Koch noch bis Ende 2014.

Die Chaperons sind ehemalige Schiedsrichter

Halbzeit in Nürnberg. Die Dopingbeauftragten der beiden Mannschaften kommen dazu. Vor ihren Augen lost Kleinefeld aus, welche Spieler nach Abpfiff zur Kontrolle müssen. Aus einem Beutel mit je 18 Nummern für die Spielerkader zieht er jeweils zwei Zahlen, die er in einem Umschlag verschließt, zusätzlich landen in einem separaten Umschlag noch jeweils eine weitere Nummer, für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich einer der zuvor Gelosten während des Spiels schwer verletzt.

Welche Profis gezogen wurden, wird erst kurz vor Spielende bekannt. Die Spieler sollen spät informiert werden. "Man will die Möglichkeit einer Manipulation gering halten", erklärt Kleinefeld.

Eine Stunde ist mittlerweile gespielt. Kleinefeld trifft sich in den Katakomben mit zwei Chaperons. Nach Abpfiff sollen sie die Spieler vom Spielfeld zum Dopingkontrollraum begleiten. Die beiden älteren Herren streifen ihre rot-weißen Kontrollwesten über. Beide sind ehemalige Schiedsrichter. Von ihnen erhofft sich der DFB Unabhängigkeit. "Ich möchte den Club", äußert einer der Chaperons einen deutlichen Wunsch, als die Zuständigkeiten verteilt werden. Ein paar Minuten später wird er sich ärgern, als Mainz den Ausgleich erzielt.

Das Chaperon-System wurde erst 2009 nach einem Vorfall in der Bundesliga eingeführt: Die Hoffenheimer Andreas Ibertsberger und Christoph Janker sollten damals kontrolliert werden, verschwanden aber nach Schlusspfiff einige Minuten unbeobachtet in der Umkleidekabine. Sie seien zu spät über die Kontrolle informiert worden, wurde damals argumentiert. Mittlerweile greift der DFB auf mehr als 370 Chaperons zurück, die solche Vorfälle vermeiden sollen.

In der 75. Minute kommt es zur nächsten Versammlung der Kontrollbeteiligten im Nürnberger Stadion. Mediziner Kleinefeld öffnet die Umschläge. Die Dopingbeauftragten beider Teams wissen jetzt, welche Spieler kontrolliert werden.

Die zweitbeste Anti-Doping-Arbeit hinter Italien?

Ab jetzt dürfen die Chaperons ihre Spieler nicht mehr aus den Augen verlieren. Während Kleinefeld die Kontrollformulare für die Spieler vorbereitet, verschaffen sie sich einen Überblick, welche ihrer Spieler auf dem Platz mitwirken oder auf der Bank sitzen. Wenig später übergibt Kleinefeld die Formulare direkt am Spielfeldrand den Dopingbeauftragten der Teams. Ein kurzer Gruß mit der vierten Offiziellen Bibiana Steinhaus. Zurück in den Kontrollraum.

Schlusspfiff. Zwischenfälle sind nicht erkennbar, dennoch dauert es fast 15 Minuten, bis alle vier Spieler im Kontrollraum versammelt sind. Feierabend für die Chaperons. Überstunden für vier Spieler.

Der DFB hat in der Vergangenheit seine Anti-Doping-Arbeit oftmals als die zweitbeste hinter Italien bezeichnet. Schaut man nur auf die absolute Zahl der Kontrollen, hat der Verband recht. Um die Effektivität der Kontrollen bewerten zu können, muss allerdings die Qualität der einzelnen Kontrollmaßnahmen untersucht werden.

In Europa unterscheiden sich diese im Fußball erheblich. Das ergibt eine Recherche von SPIEGEL ONLINE in 20 Fußballverbänden. Allein in den untersuchten Ländern sind mehr als 300 Dopingfälle im Fußball bekannt. Wie ernst nehmen die einzelnen Länder den Kampf gegen Doping in ihrem Land?

Jedes Land setzt andere Schwerpunkte. Lücken gibt es überall. Ein grundsätzliches Problem: Spieler aus den ersten beiden Top-Ligen werden nur selten kontrolliert. In Spanien, Großbritannien und Deutschland müssen die besten Spieler durchschnittlich nur einmal pro Jahr zur Kontrolle. In diesen Ländern und in Italien liegt der Kontrollfokus zudem stark auf den Spielen. Außerhalb des Wettbewerbs bleibt viel Gelegenheit für Manipulation. Vergleicht man diese Parameter, kann das deutsche Kontrollsystem nicht als das zweitbeste der Welt definiert werden. Keine Bluttests nach Spielen, ein Ungleichgewicht zwischen Kontrollen im Training und Wettbewerb, kaum private Meldepflichten für Spieler - hier sind manch andere Länder weiter.

An diesem Abend fällt es den Spielern unterschiedlich leicht, ihren Becher mit mindestens 90 Milliliter Urin zu füllen. Der Mainzer Sebastian Polter braucht fast eine Stunde, bis der Kontrollarzt seine Probe absegnet. "Ich habe erst nur 20 Milliliter geschafft", sagt Polter, "aber nervig wird es erst, wenn man vier Stunden drin sitzt, was auch schon einige Spieler geschafft haben."

Solche Zeiten hat selbst Pogatetz an diesem Abend nicht erreicht. Zuvor hatte seine Mannschaft mit 15 Spielen ohne Sieg bereits einen Negativrekord gebrochen. Danach ging für ihn zunächst nichts bei der Dopingprobe.

"Wenn die dann da sitzen und sich abgeregt haben, reagieren sie nach einer halben Stunde auch ganz anders", sagt Kleinefeld. Die versiegelten Proben wird er heute Nacht mit nach Hause nehmen. Am nächsten Tag kommt ein Kurier, vom DFB beauftragt, der den Urin zur Analyse transportiert. Die weitere Kontrollarbeit liegt jetzt nicht mehr in seinen Händen.

Der Autor wurde für seine Recherchen zu dem Thema 2014 mit dem Großen Preis des Verbandes Deutscher Sportjournalisten ausgezeichnet.



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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Ostwestfale 17.12.2013
1.
Ich schaue relativ viel Sport und bin trotzdem davon überzeugt, dass gerade in den Sportarten, in denen besonders viel Geld im Spiel ist, auch am meisten gedopt wird. Guckt man sich an, wie sich die Gesamtlaufleistung von Fußballern in den letzten 25-30 Jahren verändert hat, muss man eigentlich ein mehr als mulmiges Gefühl bekommen.Einige Spieöer laufen heute rund 15 KM pro Spiel. Eine Steigerung von deutlich über 50% auch in einem langen Zeitraum lässt sich nur in Ansätzen mit taktischen Änderungen und generell athletischeren und gesünder lebenden Spielern erklären. Ich habe vor einiger Zeit mal versucht herauszufinden, wie hoch die Laufleistung der Spieler in kleineren Ligen, wie z.B. Belgien oder Holland ist, leider habe ich keine Daten gefunden. Die aktuellen Daten finde ich jetzt auch nicht wirklich besorginserregend, das erscheint alles menschenmöglich, aber wie gesagt, die Steigerung der Laufleistung im Fußball ist sehr frappierend und ungewöhnlich.
lensenpensen 17.12.2013
2. Natürlich sind gute Kontrollen wichtig,
Zitat von sysopTimm SchambergerDer DFB hält seine Anti-Dopingarbeit für die zweitbeste der Welt. Aber stimmt das? SPIEGEL ONLINE war bei einer Kontrolle in der Bundesliga dabei. Der Vergleich von 20 europäischen Fußballnationen zeigt zudem: Es gibt Lücken für Manipulationen - auch in Deutschland. http://www.spiegel.de/sport/fussball/dfb-so-funktionieren-dopingkontrollen-in-der-fussball-bundesliga-a-939011.html
und es wäre sicherlich gut, auch mal ab von Spielen zu kontrollieren. Blutkontrollen liefern sicherlich auch breitere Werte als Urinproben. Aber das Meldewesen finde ich schon sehr einschneidend. Dieses immer und überall erreichbar zu sein, geht meiner Meinung zu weit. Es greift sehr stark in die Persönlichkeitsrechte der Sportler ein. Eine Unschuldsvermutung scheint dabei wohl nicht mehr gegeben zu sein.
hummel1 17.12.2013
3. 4 Stunden!
Für das Geld was die Herren verdienen setz ich mich gerne mal 4 Stunden blöd wohin! Ach und gut, das der DFB die Proben abholt! ;-)
peter86 17.12.2013
4.
Die besten Spieler werden nur a. 1 mal pro Jahr kontrolliert?! Das ist doch wohl ein schlechter Scherz. Gerade diese Spieler sollten doch häufiger als andere kontrolliert werden. Aber das Schlimmste was passieren könnte wäre natürlich, wenn einer von den Superstars mal erwischt werden würden. Da hat der DFB doch selbst gar kein Interesse dran. Dann lieber mal ein Bauernopfer aus den unteren Ligen...nur weiter so!
cruiserxl 17.12.2013
5. unschuldsvermtung?
es geht um Gelder wie in kaum einem anderen Sport...das ich nicht lache. Wer von Ihnen geht denn mit dieser Unschuldvermutung an den Radsport ran? Ach halt das war ja nicht König Fusball...
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