Aus Charkiw berichtet Peter Ahrens
Aus der Position der Stärke heraus fällt es leichter, Schwächen einzugestehen. Nach dem Sieg gegen die Niederlande, in dem er einer der Matchwinner war, hat Bastian Schweinsteiger sich jedes Triumphgefühl verkniffen. Vielmehr richtete der Münchner den Blick auf die vergangenen Wochen, als es nicht so gut für ihn lief. Erst bremsten ihn mehrere Verletzungen, dann kam die lange Suche nach der alten Topform. "Das war schwierig für mich. Ich hoffe, dass es damit jetzt vorbei ist", sagte er am Donnerstag.
Selbstkritisch und zurückgenommen - so präsentierte sich der 27-Jährige nach seinem nunmehr 92. Länderspiel. Einer Partie, die an den Schweinsteiger von der Weltmeisterschaft 2010 erinnerte, an das Turnier, bei dem der Mittelfeldspieler phasenweise mit Weltklasse-Leistungen überzeugte. Seit November des vergangenen Jahres, so Schweinsteiger nach dem Spiel, habe er immer wieder um den Anschluss kämpfen müssen, "ich habe immer gemerkt, dass der Körper weh tut, habe auch jetzt noch Probleme".
Seit Monaten habe er "den Schweinehund überwinden" müssen, in den Spielen "ging es dann irgendwie, sich zu präsentieren". So offen hatte der Bayern-Spieler in den vergangenen Wochen, in denen er sich stets als fit und gesund bezeichnet hatte, darüber noch nie gesprochen.
Die alte Präsenz ausgestrahlt
In den vergangenen Monaten waren diese Qualitäten der Mannschaft in der Bewertung etwas untergegangen. Die offensiven Fähigkeiten, das schöne Spiel - das war es, was die Öffentlichkeit wahrgenommen hat. "Aber bei einem Turnier ist die Defensive enorm wichtig. Es kommt derjenige weiter, der hinten gut steht", rückte Schweinsteiger die hinteren Regionen der Mannschaft wieder in den Fokus. Und damit wächst auch Schweinsteigers Verantwortung wieder - es war bezeichnend, dass er gegen die Niederlande im Mittelpunkt stand und nicht der Offensivkünstler Mesut Özil.
Den Blick schon aufs Dänemark-Spiel gerichtet
Sechs Punkte aus zwei Spielen gegen die Topteams aus Portugal und den Niederlanden - "das ist schon eine sehr starke Leistung", gestattete Bundestrainer Joachim Löw sich und dem Team ein kollektives Lob. Schweinsteiger richtet den Blick sofort wieder nach vorne: "Wir sind noch nicht durch. Gegen Dänemark wird es wieder schwierig, schließlich können auch sie sich mit einem Sieg noch qualifizieren."
Gegen die wackeren Skandinavier reicht dem DFB-Team am Sonntag in Lwiw (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) allerdings schon ein Unentschieden zum Gruppensieg. Das Team wird dabei zwangsläufig auf einer Position verändert: Rechtsverteidiger Jérome Boateng kassierte in der Partie gegen die Niederlande die zweite gelbe Karte und muss aussetzen.
Löw überlegte noch am Abend des Spiels in Charkiw die Variante, Kapitän Philipp Lahm auf rechts wechseln zu lassen und auf links dem Dortmunder Marcel Schmelzer eine Bewährungsprobe zu verschaffen. Aber auch der Leverkusener Lars Bender, auf den der Bundestrainer große Stücke hält, könnte seine Chance erhalten. Mit Benedikt Höwedes von Schalke 04 hätte Löw eine weitere Alternative für die rechte Seite zur Verfügung.
Wer am Sonntag auch auflaufen wird - nach Ansicht Schweinsteigers wird es den Rhythmus der Mannschaft in keiner Weise stören: "Wir haben keine gute Ersatzbank", hob er an, um dann, bevor sich jemand wunderte, zu ergänzen: "Wir haben eine sehr, sehr gute Ersatzbank." Von daher mache er sich darum "überhaupt keine Sorgen". Das gilt nach dem Auftritt gegen die Holländer auch für ihn selbst. Das Sorgenkind des Teams ist keines mehr.
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