Nach Özil-Rücktritt Regisseur gesucht

Ohne Mesut Özil muss Joachim Löw die Zukunft der Nationalmannschaft planen. Einen vollwertigen Ersatz für den Mittelfeldspieler gibt es momentan nicht. Der Bundestrainer wird Neues ausprobieren müssen.

Mesut Özil winkt ab
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Mesut Özil winkt ab

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Der Pulverdampf nach vier Tagen Özil-Erregung verzieht sich langsam. Und wenn er verschwunden ist, eröffnet sich der Blick auf eine Nationalmannschaft, die keinen Spielmacher mehr hat. Mesut Özil hat das Trikot mit der Rückennummer 10 ausgezogen und abgegeben. Ab sofort muss sich Bundestrainer Joachim Löw die Frage stellen, wer ihn ersetzen soll.

Bis zum ersten Länderspiel nach der misslungenen WM sind es noch fünf Wochen, mit Frankreich wartet der neue Weltmeister auf seinen Vorgänger, und durch die Konstruktion eines neuen Wettbewerbs durch die Uefa bekommt die Partie ein zusätzliches Gewicht. Der DFB hat die Nations League nie besonders gemocht, derzeit dürfte die Abneigung noch gewachsen sein. Ein Testspiel gegen Frankreich zu verlieren, ist ärgerlich, aber lässlich. Ein Wettbewerbsspiel zu verlieren, wenn man ohnehin angeschlagen ist - das würde neue Diskussionen geben. Auch über das Amt des Bundestrainers.

Löw muss zügig handeln, eine neue Mannschaft präsentieren, in diesen Tagen kehrt der Bundestrainer aus dem Urlaub zurück, und er muss sofort richtig arbeiten, glaubwürdig ein neues Team präsentieren. Für Löw eine ungewohnte Situation, er ließ es sonst nach Turnieren gern etwas langsam angehen. Das kann er sich jetzt nicht mehr leisten.

Khedira könnte die Pause verordnet bekommen

Im Zentrum seiner Überlegungen dürfte das deutsche Mittelfeld stehen, in Russland noch von drei 2014er-Weltmeistern getragen: Sami Khedira, dessen Defizite im Lauftempo offenbar wurden, Toni Kroos, der zwar das Siegtor gegen die Schweden erzielte, aber seine Mängel im Defensivverhalten nicht verdecken konnte, und Özil - der Lieblingsspieler, den Löw jetzt nicht mehr zur Verfügung hat.

Viele rechnen damit, dass Löw Khedira zumindest eine Pause verordnet, möglicherweise neigt sich die DFB-Karriere des Juve-Profis auch ihrem Ende zu. Mit Ilkay Gündogan und Joshua Kimmich, der vom Flügel in die Mitte rücken könnte, hat Löw Optionen, das defensive Mittelfeld auch ohne Khedira zu bestücken. Um Kroos kommt der Bundestrainer ohnehin nicht herum, aber was ist mit der Lücke, die Özil hinterlässt? Die des Vorbereiters und Räumesuchers. Die Planstelle ist frei. Und auch wenn Lothar Matthäus behauptet, der Abschied von Özil sei "kein großer Verlust", und der Arsenalspieler sei mit 29 Jahren über seinen Zenit hinaus, dann sagt das womöglich eher etwas über Matthäus aus als über Özils künftig vermisste Fähigkeiten.

Die Rückennummer 10, sie könnte auf Marco Reus übergehen. Özil und Reus sind fast gleich alt. Während dem einen allerdings nachgesagt wurde, er habe den Zenit überschritten, wurde der andere beinahe zum WM-Messias ausgerufen. Als Reus gegen Mexiko in der Startformation fehlte, wurde dies damit begründet, der BVB-Star werde "für die wichtigen Spiele" geschont. Schonung gibt es in der Nationalmannschaft vorerst nicht mehr, die Bedeutung von Reus im Team wird zunehmen.

Draxlers Reifeprozess dauert und dauert

Leon Goretzka, Julian Draxler - die beiden, wie Özil ehemalige Schalker, wären ebenfalls Kandidaten für mehr Verantwortung in Mittelfeld und Offensive. Beide erfüllen unterschiedliche Anforderungsprofile, und ein Özil sind sie beide nicht. Goretzka ist mehr ein Mittelspieler zwischen Defensive und Offensive, er hat, wenn er sich beim FC Bayern durchsetzt, am ehesten das Zeug, eine Art Führungsrolle im Mittelfeld zu übernehmen. Dazu muss er aber erst einmal seine Form wiederfinden, die er seit dem starken Auftritt beim Confed Cup eingebüßt hat.

Draxler hat schon viele Chancen gehabt, sich in der Nationalmannschaft unverzichtbar zu machen. Zuletzt hat er sie wieder nicht genutzt. Er hat eine schwache Weltmeisterschaft gespielt und kann höchstens froh sein, dass man dies von fast jedem im Kader behaupten konnte. Seine Rolle im Verein ist noch offen, auch die, ob er überhaupt bei Paris Saint-Germain bleibt oder doch noch irgendwohin wechselt, wo er regelmäßiger von Beginn an spielt. Der Reifeprozess des Julian Draxler dauert nach wie vor an.

Und dann gibt es noch Draxlers Namensvetter, Julian Brandt von Bayer Leverkusen. Brandt hat sich durch seine Kurzauftritte in Russland das Etikett eines WM-Gewinners verdient, er hat erfrischend gewirkt, wie aus einer anderen Dimension neben den ausgelaugten, müden Teamkollegen. Er wird offensiv seine Chancen bekommen, wahrscheinlich schon in den nächsten Spielen. Auch Brandt ist ein anderer Spielertyp als Özil, aber er bringt vieles mit, die Schnelligkeit, die Möglichkeit, aus dem Mittelfeld heraus hohes Tempo aufzunehmen, eine überdurchschnittliche Ballsicherheit.

Bisher ist Brandt in der Nationalmannschaft eher als Angreifer über die Außenbahn etikettiert. Vielleicht sollte es der Bundestrainer mal mit einem Spielmacher Julian Brandt versuchen. Löw selbst hat einmal gesagt, er könne sich schließlich keinen Außenverteidiger schnitzen. Für einen Mittelfeldregisseur gilt das genauso.



insgesamt 105 Beiträge
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Seite 1
ttvtt 26.07.2018
1. Es gibt eine viel einfachere Lösung
Löw, Bierhoff und Grindel rausschmeißen. Unter einer neuen Führungsriege kann auch Özil noch zwei Jahre spielen. Löw ist absolut ersetzbar, Özil nicht.
bo-do 26.07.2018
2. Eine weitere Option
...wäre Mario Götze, wenn er wieder in seine Form findet. Die ersten Testspiele gegen ManCity und die Reds machen zumindest Hoffnung. Sein DFB-Timeout ist WM-bedingt ohnehin mehr als zu verkraften.
Herr Bayer 26.07.2018
3. Goretzka und Rudy
wären eine Alternative. Löw könnte sich wieder die Aufstellung des Confed-Cup-Finale in Erinnerung rufen: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Fußballnationalmannschaft#/media/File:CHI-GER_2017-07-02.svg
bernteone 26.07.2018
4. das sollte nun wirklich kein Problem sein
Soll er doch Podolski zurück holen .Aber mal ehrlich in Deutschland gibt es genug junge Talente , ist nur die Frage ob Löw die erkennen kann oder erkennen will . Das Problem ist nicht die Manschaft , sondern der Trainer .
hm2013_3 26.07.2018
5. den Regisseur
wird der neue Bundestrainer finden. Erinnern wir uns an Beckenbauer, Overath, Netzer, ... Löw muss abdanken und wir haben mit dem neuen Bundestrainer auch den besten Regisseur.
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