WM-Analyse des DFB Trainer ernst, Manager smart

Beim ersten öffentlichen Auftritt nach dem WM-Debakel gab es gewaltige Unterschiede im Auftreten des Bundestrainers und des Teammanagers. Eindrücke aus dem Presseraum in München.

DFB-Pressekonferenz
Getty Images

DFB-Pressekonferenz

Von Florian Kinast, München


Um 13.53 Uhr gab es die Glückwunsche zum neuen Rekord: "Ich gratuliere Ihnen", sagte DFB-Medienchef Jens Grittner den versammelten Journalisten im Presseraum der Münchner Fußballarena, "das war die längste Pressekonferenz in der Geschichte des DFB. 110 Minuten, das haben wir noch nie geschafft."

Er zog sich lange hin, länger als ein Bundesligaspiel inklusive Nachspielzeit und Videobeweis, der erste Auftritt von Joachim Löw an der Seite von Oliver Bierhoff nach dem WM-Debakel in Russland. Es gab viel zu erzählen und zu erklären, aufzuarbeiten, und es gab auch viele Fragen zu beantworten. Weshalb man sich am Ende auch gar nicht wundern musste, warum die Pressekonferenz 1:50 Stunden dauerte, es hatte schon alles seine Berechtigung. Im Raum blieb eher die Frage hängen, ob es für diese Fehleranalysen wirklich zwei Monate gebraucht hätte.

So schwarz wie der V-Pullover von Joachim Löw

Es war ein Auftritt, der geprägt war von großen Unterschieden. Nicht nur Unterschiede zum Vorabend, als Bastian Schweinsteiger, der Weltmeister von 2014 und Symbolfigur des Triumphs von Maracanã, ebenfalls in München sein emotionales und viel umjubeltes Abschiedsspiel gegeben hatte. 14 Stunden später herrschte an gleicher Stelle aus gutem Grund gedämpfte Stimmung. Auf der Videowand hinter dem Podium im Medienraum liefen auch keine gefühlsseligen Bilder früherer Jahre mehr, die beherrschende Farbe war so schwarz wie der V-Pullover von Joachim Löw.

Unterschiede gab es aber vor allem im Auftreten von Joachim Löw und Oliver Bierhoff.

Joachim Löw
DPA

Joachim Löw

Der Bundestrainer wirkte schon beim Gang zu seinem Platz konzentriert und angespannt, mit ernstem Blick. Teammanager Bierhoff hingegen schien besserer Laune, ein lächelnder Fingerzeig zu einem Reporter, alles eher locker. Und diese Stimmung und Gemengelage blieb so auch bis zum Schluss.

25 Minuten sprach Löw, offen, schonungslos, selbstkritisch. In einer Deutlichkeit wie noch nie in seiner Zeit als Bundestrainer, was auch daran lag, dass er dazu in dieser Form bisher noch keinen Grund hatte. Er gab Einblicke in sein Seelenleben, blickte mitunter leidend, als habe er immer noch den WM-Blues, sprach von "Niedergeschlagenheit, großer Enttäuschung und großer Wut" in den Tagen nach dem WM-Aus. Konnte man ihm auch alles abnehmen.

"Das war meine allergrößte Fehleinschätzung"

Vor allem aber gab er sich die Hauptschuld am Desaster im Juni. Die falsche Taktik, zu sehr auf Ballbesitzfußball zu bauen, die spielerische Dominanz von 2014 weiter zu perfektionieren, wie er sagte, ohne zu erkennen, dass die Gegner sein System längst durschaut und entschlüsselt hatten. Immer wieder sagte er: "Das war meine allergrößte Fehleinschätzung, mein allergrößter Fehler." Und auch das fehlende Feuer, von dem er blumig sprach, dass bei den Spielern nur eine kleine Flamme brannte, zu wenig Leidenschaft vorhanden war, auch das schrieb er sich selbst zu: "Das wäre meine Aufgabe gewesen, das weiter zu forcieren."

25 Minuten sprach Löw, zwischendrin griff er zur Fernbedienung, auf der Videowand erschienen im Schnelldurchlauf Zahlen und Daten, Vergleichswerte zwischen 2014 und 2018 bei Ballbesitz, Offensiv-Sprints, dass man in Russland wesentlich öfter aufs Tor schoss als in Brasilien - aber bekanntermaßen seltener traf. Und dass die Zeit zwischen Ballannahme und Abgabe 2014 im Schnitt 1,19 Sekunden betrug, 2018 aber 1,51. "Das hat dem Gegner die Möglichkeit gegeben, sich besser zu organisieren", erkannte Löw.

Statistiken wie aus der einst berühmten "ran"-Datenbank.

Oliver Bierhoff
DPA

Oliver Bierhoff

Und dann kam Oliver Bierhoff. Was bei Löw noch wie ein Schuldeingeständnis klang, hörte sich beim Teammanager eher wie eine Verteidigung an, wie Rechtfertigungen und Richtigstellungen. "Ich könnte stundenlang referieren", hob er an. So weit kam es zwar nicht, eine halbe Stunde wurde es trotzdem. Redete Bierhoff auch länger als Löw, inhaltlich war es deutlich weniger.

War das schon alles?

Bierhoff sprach über Eckpunkte wie Identität, Fannähe, Kommerzialisierung. Davon, "einiges klarstellen zu wollen". Er erwähnte, man sei doch auch an der Basis dran gewesen, mit einer öffentlichen Übungseinheit in Südtirol oder dass man dort mal mit dem Fahrrad zum Training gefahren sei. Manchmal streute er lächelnd Zwischenbemerkungen ein wie: "Zu meiner Zeit wäre das nicht möglich gewesen, mit dem Fahrrad zum Training zu fahren." Löw lächelte da nicht, er schaute während des ganzen Vortrags des Managers zu seiner Linken versteinert, manchmal kratzte sich Löw hinterm Ohr, trug Balsam auf die Lippen auf, trank eine Karaffe Wasser leer.

Viel wurde thematisiert in diesen knapp zwei Stunden, und doch blieb als Gefühl die Frage hängen: War das schon alles? Ist die Fehleraufarbeitung damit getan? Und ist der Kader für die nächsten beiden Spiele richtig? Kann Löw das Feuer wieder entfachen? Die ersten Antworten wird es nächste Woche Donnerstag beim Spiel gegen Frankreich geben. Es schien, so wie Löw immer wieder unruhig auf seinem Stuhl hin- und herwippte, hätte er gern gleich im Anschluss gespielt. Als könne er die Partie gegen den Weltmeister kaum erwarten.

insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sibbi78 29.08.2018
1. Oliver Bierhoff
ist ein richtiger Manager: Aalglatt... "Sein" Team wird noch ausgebaut. Hoffentlich hat er dann überhaupt noch was zu tun, Bierhof's Position des starkem Mannes im DFB dürfte zumindest noch einmal gestärkt sein. Ein Neuanfang mit völlig neuen Spielern war nicht zu erwarten, dazu sind einige Weltmeister einfach noch zu jung - und zu gut, wenn sie denn motivierter spielen. Im Großen und Ganzen hat sich Löw ganz gut verkauft. Man darf hoffen, dass die Zukunft wieder besseren Fussball bringen wird. Schaun mer mal...
zxmma23 29.08.2018
2. Das war schon alles
Was haben die Herren Sportjournalisten-Simulanten von SpOn denn bitteschön erwartet? Löw spricht seine Fehler an, ziemlich deutlich wie ich finde. Eine komplett neue Mannschaft kannd er sich jetzt auch nicht schnitzen, er muss halt mit den Spielern umgehen, die er zur Verfügung hat. Denke mal, dass die versammelte Journaille eher sauer ist, dass sie jetzt 2 Monate auf diese Pressekonferenz warten musste. Aber das muss man halt Löw und dem DFB schon selber überlassen, wann sie Analyse betreiben und vor die Presse treten. Nur weil die Praktikanten von der Sportabteilung gerne früher Infos hätten, passiert das noch lange nicht...
thormueller 29.08.2018
3. Er konnte nur verlieren
Wenn eine absolute Fußballnation bei einer Weltmeisterschaft so dermaßen versagt, ist eine objektive und alle Aspekte berücksichtigende Aufarbeitung fast gar nicht möglich. Was hätte Löw sagen und tun müssen um die Gemüter im Land des ehemaligen Weltmeisters zu befrieden? Zumal viele Gründe für das Versagen in den Augen der Öffentlichkeit vorrangig sind, die ein Trainer nur schwerlich bewerten kann. Fehlende Nähe zu den Fans? Arroganz? Wie viele Prozentpunkte Leistungsfähigkeit haben wir dadurch eingebüßt? Etwas absurder könnte man also auch fragen, ob weniger Arroganz Mats Hummels im Spiel gegen Südkorea den Kopfball hätte verwandeln lassen? Die Frage lässt sich nicht annähernd seriös beantworten. Löw nimmt die Hauptschuld auf sich und das tut er überzeugend. Er spricht nachvollziehbare und offensichtliche Missstände an und verliert sich nicht in pseudo-intellektuellen Vermutungen. Der Punkt ist doch ein anderer: Wer den deutschen Fans ihr liebstes Ereignis so dermaßen vergrätzt, gehört noch immer geteert und gefedert und insbesondere entlassen. Wer Fehler macht hat sein Anrecht auf Vertrauen und Zuneigung verspielt. Nicht nur auf Trainerbank. Der DFB hat sich wohltuend anders entschieden. Löw ist ein gefallener Engel. Er kann fortan tun und lassen was er möchte, er wird bei der kleinsten Unsicherheit infrage gestellt werden. Insofern wäre es für ihn selbst vermutlich besser gewesen hätte er seinen Hut genommen.
nesmo 29.08.2018
4. Zwar war fast alles bekannt
aber vielleicht ist die Erklarung für das Debakel so einfach und unspektakulär. Da die Spieler ja gut spielen können, muss nicht alles verändert werden, nur einige Steine aus dem Getriebe genommen werden, das Spiel gegen Frankreich wird hier hoffentlich Aufklärung geben-
driver8 29.08.2018
5. Löw vergisst zwei wesentliche Aspekte
1. Seine Mißachtung des Leistungsprinzips: Ein Stürmer der in der Saison 18 (Liga+Pokal) Tore geschossen hat muss auch mitfahren. Ein Torwart der 8 Monate nicht gespielt hat muss nicht spielen. Ein Spieler (Draxler, Trapp) der bei seinem Klub mehr auf der Bank sitzt muss nicht spielen noch muss er Nominiert werden. 2. Die fantasielosigkeit seiner Aufstellung. Keine Varianten die den Gegner überraschen könnten, kein Flügelspiel das man so nennen könnte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.