WM-Analyse von Löw Schwach im Abschluss

Es war der lang erwartete Auftritt, die WM-Analyse des Bundestrainers nach zweimonatigem Schweigen. Das Resultat: ein paar Verschiebungen beim Betreuerstab, zwei, drei neue Spielernamen - das war alles.

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Am Ende seiner Ausführungen fasste Joachim Löw noch einmal seine Erkenntnisse zusammen: Er habe "klare Vorstellungen, klare Ideen, klare Ansätze" vorgestellt, meinte Joachim Löw. Alles klar demnach. Aber wirklicher Klartext wurde bei der lang erwarteten Analyse des WM-Scheiterns nur selten geredet. Der DFB ist ganz offensichtlich der Ansicht, dass er die krisenhafte Situation der Nationalmannschaft nach dem frühen Turnier-Aus in Russland mit dem fast identischen Personal lösen kann - sowohl im Kader als auch im Betreuerstab.

Löws Assistent Thomas Schneider wird auf die Position des Scouts geschoben, der bisherige Chefbeobachter Urs Siegenthaler soll irgendwie auch noch als Berater tätig bleiben, und bei der Mannschaft plant Löw die Zukunft mit 17 von 23 WM-Fahrern. Löw und Manager Oliver Bierhoff vertrauen auf das "Jetzt-erst-recht-Gefühl" derjenigen, "die es in Russland verbockt haben".

Löw selbst nimmt für sich in Anspruch, "auch nach 14 Jahren beim DFB" mit "großer Begeisterung, mit großer Kraft, mit großer Leidenschaft und mit großer Energie" dabei zu sein. Doch diesen Feuereifer versprühten Löw und Bierhoff nur in den seltensten Momenten.

Tiefschürfend aufgearbeitet wurde wenig

Zwar geizte der Bundestrainer nicht mit Selbstkritik, von "fast schon Arroganz" war die Rede, Bierhoff sprach von "Selbstgefälligkeit". Löw sagte, er habe zu starr auf Ballbesitzfußball gesetzt und es nicht fertiggebracht, "den Enthusiasmus zu schüren", aber dabei beließ er es auch. Eine tiefschürfende Aufarbeitung, die man nach 68 Tagen der inneren Einkehr hätte erwarten können, hat man sich anders vorgestellt.

Fehlende Leidenschaft und ein unflexibles taktisches System - diese Defizite hatten die Medien schon wenige Tage nach dem WM-Ausscheiden als Ursachen ausgemacht. Dazu hätte es nicht unbedingt des zweimonatigen Schweigens bedurft. Vor allem, weil Löw und Bierhoff die weitergehenden Fragen, die Verwerfungen um Mesut Özil, die Entfremdung der Nationalmannschaft von ihren Anhängern, den überbordenden Kommerz-Wasserkopf um die Mannschaft nicht wirklich an sich heranließen.

Der Vorwurf der Entfremdung, der fehlenden Fan-Nähe "hat mich tief getroffen", behauptete Bierhoff zwar, aber nur, um die Kritik danach deutlich zurückzuweisen: "Ich muss da einiges richtigstellen." Für die Kommerzialisierung, für die Sponsoren sei er nicht zuständig, versicherte er den erstaunten Journalisten, seine Aufgabe sei es vielmehr gewesen, "für ein sympathisches und gutes Auftreten der Nationalmannschaft zu sprechen - und das habe ich, glaube ich gut hinbekommen". Okay, zudem habe er dafür gesorgt, "dass die Einnahmen der Nationalmannschaft sich für den DFB erhöhen".

Es sei immer sein Bestreben gewesen, "den Spagat zwischen Kommerz und dem guten alten Fußball, der ehrlichen Arbeit hinzubekommen", so Bierhoff - der Eindruck in der Öffentlichkeit ist allerdings ein anderer.

Özils Leistungen immerhin gewürdigt

Auch in der Causa Özil wanden sich Löw und Bierhoff um klare Botschaften herum. Beide wiederholten, es habe in der Nationalmannschaft niemals Rassismus gegeben. Wie die Führungsspieler Manuel Neuer, Toni Kroos und Thomas Müller ignorierten sie dabei, dass Özil diesen Vorwurf gar nicht erhoben hatte. Beide strichen immerhin die Leistungen Özils "in neun wunderbaren gemeinsamen Jahren Nationalmannschaft" (Bierhoff) heraus - aber auch den Umstand, dass Özil seinen Rücktritt nicht dem Bundestrainer persönlich mitgeteilt habe, sondern das seinen Berater habe erledigen lassen. Zu den konkreten Diffamierungen, denen Özil ausgesetzt war, sagten sie kein Wort und beließen es bei einem allgemeinen: "Kein Nationalspieler darf Zielscheibe von Rassismus sein."

Man werde jetzt "nach vorn gehen, die Ärmel aufkrempeln, anpacken" verkündete Bierhoff, und das soll die Botschaft sein. Er habe sich "auch mit Außenstehenden unterhalten, die mir versichert haben, dass wir jetzt bloß nicht alles über Bord werfen, was wir bisher getan haben".

Es kreißte der Berg, und er gebar eine Maus, heißt es. In diesem Fall müsste man wohl eher von einem Mäuschen sprechen. Eines soll dann aber doch passieren: Die Anregung von DFB-Boss Reinhard Grindel, auf das Marketing-Etikett "Die Mannschaft" zu verzichten, werde man, so Bierhoff, "gründlich prüfen". Er werde dies "mit unseren Stakeholdern" diskutieren. Die Wortwahl spricht schon dafür, dass die Fannähe bald wieder hergestellt ist.



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hausfeen 29.08.2018
1. Keine Erwartungen an die EM.
Da sind keine wirklich selbstkritischen Töne erkennbar.
varphi 29.08.2018
2. Finde es gut
Löw hat die Punkte gut getroffen und ich finde es gut, dass er sich nicht dazu hinreißen lässt auf die Rassismus-Rauchbomben von Oezil reinzufallen. SPON hängt da nämlich tief mit drin wie man sieht und jeder Artikel - so auch dieser - versucht es mit journalistischer „Gewalt“ dahin zu bringen.
newline 29.08.2018
3. Hat jemand ensthaft
etwas wirklich überraschendes, tiefschürfendes, neues erwartet? Nein? Dann ist ja auch keiner enttäuscht. Wenn die nächsten beiden Spiele keine Besserung zeigen, dann sehe ich schwarz.
spon-facebook-10000015195 29.08.2018
4. Oha, das wird nix
Er hat leider nichts aus dem WM-Aus gelernt. Leider würde es nun einem straffen und harten Trainer brauchen, der dem Team mal den Kopf wäscht und alle auf den Boden der Tatsachen holt. Der Jogi ist aber ein ganz lieber, der es sich lieber mit keinem verscherzen möchte. So wird das sicher nichts mit dem großen Neuanfang.
moritz B. 29.08.2018
5. Na ja
Also ich fand, die PK eigentlich recht selbstkritisch und offen. Löw hat eigene Fehler konkret benannt und auch Änderungen am Spielsystem angekündigt. Dass nicht alle Spieler zurücktreten oder jetzt ausgetauscht werden, ist ja auch klar. Leider nennt der Autor bei seiner Kritik auch nicht, welche Spieler denn nun nicht mehr nominiert werden sollten. Fakt ist doch, dass die meisten Spieler noch recht jung sind und es ganz ohne Erfahrung auch nicht geht. Wichtig wird m.E. die Einstellung der Spieler sein. Da passen viele Dinge nicht zusammen, z.B., dass sich manche herausnehmen, nur ab und an, wenn es wichtig wird, mal mitzuspielen. Hier muss Löw noch viel deutlicher zeigen, wie er da für mehr Einheit und Zusammenhalt sorgen will. Zu Özil wurde nun wirklich alles gesagt. Es ehrt m.E. den Bundestrainer, dass er sich nicht zu Özil geäußert hatte, so lange er nicht selbst mit diesem gesprochen hat. Wenn Özil das aber nicht will, steht das wohl auch für sich. Es ist auch nicht die Aufgabe von Löw zu darüber zu spekulieren, was Özil mit dem Rassismusvorwurf nun gemeint hat. Andersherum hat Özil bis jetzt seinen Rassismusvorwurf nicht konkretisiert.
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