DFB-Team gegen Irland Ein bisschen Guardiola

Klassische Mittelstürmer? Reine Defensivspieler? Fehlanzeige! Im DFB-Team unter Joachim Löw sind flexible Kicker gefragt. Vorbild ist der FC Bayern unter Trainer Josep Guardiola, aber ganz so radikal will der Bundestrainer dann doch nicht sein.

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Aus Köln berichtet


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Fußball war früher so ein einfaches Spiel. Ein Außenstürmer war ein Außenstürmer, ein Abwehrspieler kam als Verteidiger zur Welt und blieb es danach ein Leben lang. Heute dagegen ist von "polyvalenten Spielern" die Rede, Fußballer, die "man überall hinstellen kann", wie Bundestrainer Joachim Löw sagt.

Bayern-Coach Josep Guardiola bastelt derzeit an einer Mannschaft, bei der annähernd jeder annähernd alles spielen kann - und Löw beobachtet das mit großem Interesse. Auch wenn er dem Spanier nicht in allem folgt: Wenn Guardiolas Vorgehen Experiment pur ist, dann steht Löw für die Light-Version.

Beispiel Philipp Lahm. Laut Löw ist der DFB-Kapitän "vielleicht der einzige Spieler, der auf dem Platz sämtliche Positionen ausfüllen kann". Bei Bayern ist er derzeit eher Mittelfeldspieler als Verteidiger. Aber auch wenn die WM-Qualifikation für die DFB-Elf fast sicher ist - gegen Irland am Freitag (20.45 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) und gegen Schweden in der kommenden Woche wird Lahm in der Nationalelf wieder dort seinen Job machen, wo er es gewohnt ist. "Philipp Lahm ist womöglich der beste Außenverteidiger der Welt, und ich werde keine neue Baustelle aufmachen, indem ich ihn dort abziehe", machte Löw am Mittwoch deutlich.

Beispiel Thomas Müller. In Zeiten, in denen klassische Mittelstürmer zu einer aussterbenden Spezies zu gehören scheinen, ist der eigentliche Rechtsaußen bei den Bayern auch schon in der Sturmspitze aufgetaucht. Auch Löw kann sich "das vorstellen, allerdings nur als Notlösung für den Fall, wenn ich keine anderen Stürmer zur Verfügung habe". Müller ins Sturmzentrum zu beordern - für den Bundestrainer wäre das eine Maßnahme, die den Bayern-Angreifer seiner besonderen Stärke beraube: "Auf der rechten Seite ist er für uns gefährlicher."

"Reine Abräumer wird es bei mir nicht geben"

Und so gehen die Plan- und Rollenspiele fast über das gesamte Spielfeld. Feste Positionen - das war einmal. "Einen Sechser, der nur abräumt wie früher, wird es bei mir nicht geben", sagt Löw zum Beispiel über die Rolle der defensiven Mittelfeldakteure. Wer bei Löw auf dieser Position agiert, der "muss technisch gut sein, flexibel, offensiv stark". Ein Sechser, der auch Achter und Zehner sein muss - "wir haben zum Glück genug Leute, die dieses Anforderungsprofil erfüllen". Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos, der derzeit verletzte Ilkay Gündogan - wenn Löw über ihre Qualitäten spricht, ist klar: Die alten Rollen auf dem Platz, sie gelten nicht mehr.

So auch in der Offensive: "Ich liebe Stürmer, die sich in die Räume fallen lassen, die nicht mehr stur zwischen den Innenverteidigern stehen, die ballsicher, laufstark sind", formuliert der Bundestrainer den Abschied von der alten Sturmspitze, wie sie früher Oliver Bierhoff oder Rudi Völler verkörperten, wie sie heute vielleicht noch durch Mario Gomez oder den von Löw systematisch vernachlässigten Leverkusener Stefan Kießling repräsentiert werden. "Heute brauchst du kleine wendige Stürmer, die auf engstem Raum in hohem Tempo Lösungen entwickeln." Das geht in Richtung Mario Götze, aber auch gezielt auf den Mönchengladbacher Max Kruse. "Ich bin sehr froh, einen solchen Spielertyp zu haben", sagt der Bundestrainer.

Guardiolas FC Bayern ist die Blaupause

Der FC Bayern unter Guardiola ist so eine Art Blaupause für diesen neuen Stil. Die Bayern hätten zwar auch unter Vorgänger Jupp Heynckes "taktisch sehr gut gestanden", aber was jetzt unter Guardiola passiere, die Spielverlagerung in die gegnerische Hälfte, das "hohe Angreifen" - das nötigt auch dem Bundestrainer Respekt ab. "Es ist bemerkenswert, wie schnell die Bayern dies schon verinnerlicht haben."

Seit sieben Jahren ist Löw nun im Dienst des DFB. Und der Fußball hat sich in dieser Zeit verändert. Die Spieler sind technisch besser ausgebildet, bringen ein hohes taktisches Vorverständnis mit, sie sind in der Lage, auf Spielsituationen rascher, flexibler zu reagieren. Die neue Spielergeneration bringt auch eine neue Spielgeneration mit sich.

Allein das Ziel des Fußballs ist dasselbe geblieben. "Wir wollen gewinnen, wir wollen die Qualifikation vor heimischem Publikum klar machen. Das sind wir unseren Fans schuldig", sagt Löw. Solche Sätze hat ein Bundestrainer auch vor 50 Jahren schon gesagt.

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