Rechtsstreit über Polizeieinsätze Darum geht es zwischen Bremen und der DFL

Die Bundesliga muss sich finanziell an Polizeieinsätzen bei Hochrisikospielen beteiligen. Wie reagiert die Liga? Welche Folgen hat das Urteil, und wie sind die Kosten in anderen Ligen aufgeteilt? Der Überblick.

Polizeieinsatz bei einem Bundesligaspiel
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Polizeieinsatz bei einem Bundesligaspiel

Von und Christian Woop


Kostenstreit zwischen Bremen und der DFL - worum geht es?

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) muss sich künftig an Mehrkosten für Polizeieinsätze bei Hochrisikospielen der Bundesliga im Bundesland Bremen beteiligen. Das hat das Oberverwaltungsgericht (OVG) der Hansestadt erklärt. Dabei hatte sich die DFL im Mai 2017 noch vor dem Verwaltungsgericht Bremen mit einer Klage gegen einen Gebührenbescheid durchgesetzt. Dieses Urteil wurde nun im Berufungsverfahren kassiert. Der Streit geht aber weiter - die DFL wird vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig in Revision gehen, das ist die höchste Instanz. (Die Meldung zum Gerichtsurteil lesen Sie hier.)

Was ist ein Hochrisikospiel?

Bei einem Hochrisikospiel der Bundesliga (auch als Risiko- oder Rotspiel bezeichnet) geht man von einem erhöhten Sicherheitsrisiko aus, in der Regel ausgelöst durch Fangruppen. Ein Beispiel für eine solche Partie ist das Nordderby zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV, um genau diese Paarung geht es im Rechtsstreit zwischen Bremen und DFL.

Solche Spiele erfordern einen höheren Einsatz von Polizeikräften. Beim Duell Werder gegen den HSV im April 2015 waren laut Polizei 969 Beamte im Einsatz, die 9537 Arbeitsstunden geleistet haben. Bei einem normalen Bundesligaspiel sind etwa 200 bis 250 Polizisten vor Ort am Weserstadion. Die Stadt schickte nach dem HSV-Spiel einen Gebührenbescheid über 425.718,11 Euro an die DFL. Bremen hat das auch noch in vier weiteren Fällen getan. Diese Kosten haben sich vor allem durch den Polizeieinsatz vor und nach dem Spiel ergeben. Dabei geht es um die Sicherung von Anfahrtswegen zum Stadion und die Trennung von Fangruppen. Für Vorkommnisse im Stadion sind meist Ordnungsdienste verantwortlich, die vom Verein bezahlt werden.

Die Einschätzung zum Personalbedarf und zur Gefährdungslage bei einem Hochrisikospiel kommt durch Polizei-Erfahrungen mit vergangenen Partien, die Zahl der angekündigten Auswärtsfans oder durch Rivalitäten zwischen Vereinen zustande. Die Entscheidung, ob ein Hochrisikospiel vorliegt, trifft die Polizei.

Wie argumentiert das Bundesland Bremen?

Den Steuerzahler für Einsätze belasten, die zwar Fußballfans aber nicht die gesamte Bevölkerung betreffen? Das finanzschwache Land Bremen will die Kosten dafür nicht mehr allein tragen. "Wenn man sehr viel Geld mit der Durchführung der Liga verdient, ist es angemessen, nicht alle Kosten der Allgemeinheit in Rechnung zu stellen", hatte Bremens Innensenator Ulrich Mäurer den Gebührenbescheid der Hansestadt begründet. Das Gericht ist dieser Ansicht gefolgt und hat festgehalten, dass Kosten, die über das übliche Maß hinausgehen, dem Ausrichter in Rechnung gestellt werden dürfen.

Warum geht die DFL gegen das Urteil in Revision?

Die Liga sieht das anders. Demnach liegt die Verantwortlichkeit für Schutz beim Staat. "Die Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ist ausschließlich die Sache des Staates. Dass daraus folgend die Kosten der Staat zu tragen hat, ist für mich eindeutig", hatte DFL-Präsident Reinhard Rauball vor Prozessbeginn gesagt. Ähnlich äußerte sich auch DFB-Präsident Reinhard Grindel: "Der Fußball ist nicht Störer. Störer sind Gewalttäter, die die Plattform des Fußballs ausnutzen. Der Kampf gegen Gewalt darf nicht privatisiert und kommerzialisiert werden, sondern ist Aufgabe der Polizei."

Wie regeln ausländische Ligen die Kostenfrage?

  • In England werden die Kosten geteilt: Der Staat muss für Polizeieinsätze an Bahnhöfen, im Stadtzentrum oder auf dem Weg zum Stadion aufkommen - jeweils vor und nach dem Spiel. Auf dem Privatgelände der Vereine, also im Stadion, müssen die Klubs für ihre eigenen Ordner sowie die Polizisten bezahlen.
  • Ähnlich sieht es in Spanien aus, wo der Staat die Einsätze der Polizisten, die Klubs den privaten Sicherheitsdienst in der Arena bezahlen. Der große Unterschied zu Deutschland oder England: In Spanien bringen Gästemannschaften deutlich weniger Auswärtsfans mit, weshalb das Konfliktpotenzial geringer ist.
  • In Frankreich müssen die Vereine für jeden eingesetzten Polizisten 20 Euro pro Stunde bezahlen - ein Bruchteil der Gesamtkosten. Die Rückerstattungspflicht gilt auch für Organisatoren von anderen Sportevents sowie Kulturveranstaltungen und Demonstrationen.

Was sind weitere offene Fragen?

  • Denkbar ist, dass sich weitere Bundesländer der Auffassung Bremens anschließen und für eine Kostenbeteiligung der DFL aussprechen. Bremens Innensenator Mäurer kündigte an, auch bei anderen Ländern für die Bremer Position zu werben. Roger Lewentz, Innenminister von Rheinland-Pfalz, zeigte sich für den Vorstoß aufgeschlossen: "Die zunehmende Wirtschaftskraft der Profivereine und der Deutschen Fußball Liga gibt es durchaus her, dass Klubs und DFL an den Kosten für Hochrisikospiele beteiligt werden." Das an Bundesliga-Standorten reiche Nordrhein-Westfalen reagierte zurückhaltend. "Die Polizei ist für Sicherheit und Ordnung im gesamten öffentlichen Raum zuständig", sagte Innenminister Herbert Reul (CDU).
  • Unklar ist, ob tatsächlich die DFL - bei einer Bestätigung des Urteils vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig - die Kosten tragen wird. Der Verband hatte bereits angekündigt, die Rechnungen an die betroffenen Vereine weiterzuleiten. Dann müsste Werder Bremen für die Kosten aufkommen.
  • Höhere Sicherheitskosten für Werder könnten zu höheren Eintrittspreisen für Fans führen - das ist ein noch nicht diskutiertes Szenario. Aber ein solcher Sicherheitszuschlag für Anhänger bei Risikospielen wäre denkbar.


insgesamt 148 Beiträge
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rolbol 21.02.2018
1. ... und wo hört man dann auf ?
- Muss dann auch die Schule den Polizeieinsatz beim nächsten Laternenumzug bezahlen? - Wer zahlt den Einsatz beim nächsten Schlagermove ? - Wer zahlt den Einsatz bei der nächsten Anti Nazi Demo in HH ? Wo fängt man an ? Wo hört man auf ? Warum nur beim Fussball ?
JPO 21.02.2018
2. Kommt spät.....
Na, das Problem mit dem Hochrisikospiel gegen den HSV wird sich ja wohl diese Saison von selbst erledigen, wenn der HSV in die 2. Liga absteigt :-)
poetnix 21.02.2018
3. Balltreterschutz
Wenn die Gladiatoren-Vereine Millionen für Balltreter ausgeben können, sollten sie auch in der Lage sein, sich am Schutz ihrer Gladiatorenspiele zu beteiligen.
chris2000 21.02.2018
4. Warum soll ich das mit zahlen?
Ich interessiere mich nicht für Fussball, muss aber die Kosten über meine Steuern mittragen. Warum? Die Vereine verdienen doch auch Geld. Notfalls die Ticketpreise anpassen
Tom Tom B 21.02.2018
5. Absurd!
-Wer entscheidet, was ein Hochsicherheitsspiel ist? - Wer entscheidet, welcher Sicherheitsaufwand angemessen wäre? - Was ist, wenn es bei einem Spiel, dass als "normal" eingestuft wurde, zu Ausschreitungen kommt? - Wer entscheidet, wie weit vorher und wie weit nach einem Spiel Aktionen zum Spiel zugeordnet werden? - Was passiert mit eingesparten Steuergelder, durch den bezahlten Anteil? - Im übrigen ist das, was die Engländer und die Spanier machen exakt das, was aktuell in Deutschland gemacht wird. Die Vereine in Deutschland bezahlen bereites einen, selbsteingesetzten Ordnungsdienst in den Stadien und führen teilweise sogar einen eigenen Ordnungsdienst auf Auswärtsfahrten mit sich. Und: dürfen die Vereine dann die rund um ein Spiel angefallenen Steuern, die ebenfalls die Säcke der Kommunen, Städten, Länder und des Bundes füllen, behalten? - Absurd!
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