Didi-Hamann-Bridge: "Lasst uns die Engländer ärgern"

Von Till Schwertfeger

Das Wembleystadion ist der große Stolz der englischen Fußball-Nation. Ab kommendem Jahr finden in der neugebauten Stätte des WM-Triumphs von 1966 wieder Spiele statt. Möglicherweise trägt die Brücke zur Arena dann ausgerechnet den Namen eines Akteurs vom Erzrivalen Deutschland.

Letzter Torschütze in Wembley: Didi Hamann
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Letzter Torschütze in Wembley: Didi Hamann

Hamburg - Am 7. Oktober 2000 machte Dietmar Hamann wahrscheinlich das Spiel seines Lebens. Für den Fußballprofi des FC Liverpool war es die 29. Partie im Trikot der deutschen Nationalelf, die an jenem Tag in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2002 beim großen Rivalen England antreten musste. Sein Laufpensum im Londoner Wembleystadion, so vermerkte damals die "Süddeutsche Zeitung", hätte Hamann ohne weiteres bis zum Nordpol gebracht. Doch im dritten Länderspiel unter der Regie des damals als Interims-Teamchef vorgesehenen Rudi Völler glänzte der Mittelfeldspieler mit der Rückennummer zehn auch als Regisseur und Torschütze.

Torjubel: Die DFB-Elf freut sich über das 1:0 in Wembley
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Torjubel: Die DFB-Elf freut sich über das 1:0 in Wembley

In der 14. Minute erzielte Hamann mit einem Freistoß aus 32 Meter Entfernung den 1:0-Siegtreffer für Deutschland. "Schleich dich, das ist nicht deine Entfernung", hatte der Schütze vor seinem Flachschuss, der über den rutschigen Rasen den Weg ins Tor der Engländer fand, seinen Teamkollegen Mehmet Scholl angeherrscht. "Ich sah, dass Torwart Seaman noch mit seinen Verteidigern über die Mauer diskutierte, als der Schiedsrichter den Ball schon freigegeben hatte. Ich zog sofort ab", so der damals 27-Jährige. "Hamann schwang die Abrissbirne für Wembley", betrachtete "The Independent on Sunday" die Aktion deutlich weniger nüchtern. Denn es war der letzte Treffer, der in Englands ruhmreichster Arena fiel.

Erst am 13. Mai 2006, anlässlich des englischen Cup-Finals, findet im für 1,1 Milliarden Euro neugebauten Wembley-Stadion wieder ein Fußballspiel statt. Dann könnte es sein, dass die 90.000 Fans auf dem Weg von der Wembley Station in die Arena die "Didi-Hamann-Bridge" überqueren.

Under construction: Das neue Wembleystadion
AFP

Under construction: Das neue Wembleystadion

Denn die London Development Agency (LDA) sammelt nämlich seit 15. Februar Namensvorschläge für die vom Architekturbüro Marks Barfield gestaltete Fußgängerbrücke. "What's the most significant name or moment in Wembley Stadium's history?", fragt die LDA, die sich im Auftrag vom Londoner Bürgermeister Ken Livingston um die wirtschaftliche Entwicklung der britischen Hauptstadt kümmert, auf ihrer Website. Gedacht hatte man an Dribbelkünstler Stanley Matthews, Weltmeister-Trainer Alf Ramsey oder Wembley-Tor-Schütze Geoff Hurst. Eine Unterführung im neuen Stadionbereich hat bereits den Namen von Bobby Moore erhalten, der die englische Elf 1966 als Kapitän zu ihrem ersten und bisher einzigen WM-Titel geführt hatte.

Roy Keane am häufigsten genannt

Doch weil das World Wide Web nunmal keine Grenzen kennt, reden auch die Internet-User außerhalb Englands ein gewaltiges Wörtchen mit. Seit Tagen fordern deutsche Fußballfans in ihren Blogs dazu auf, für Dietmar Hamann zu votieren. Begründung: "In tribute to the player who scored the last goal in the old stadium." Motto: Lasst uns die Engländer ärgern.

Legende Wembley: WM-Finale 1966
DPA

Legende Wembley: WM-Finale 1966

Doch so leicht, wie es auf den ersten Blick scheint, ist dem Fußball-Mutterland doch nicht beizukommen. Dass unter den bisher rund 200.000 Vorschlägen der Name Roy Keane am häufigsten genannt wurde, irritiert die LDA zwar, Chancen, der Brücke seinen Namen zu geben, hat der irische Nationalspieler in Diensten von Manchester United aber nicht. Man wisse nicht, welche besondere Verbindung Keane zu Wembley haben soll, hieß es aus London auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE lapidar. Die LDA teilte mit, sie werde nach dem Ende des Wettbewerbs kommenden Dienstag einer noch zu benennenden Jury, basierend auf den Einsendungen, selbst eine Vorschlagliste vorlegen.

Diese Jury soll die Auswahl dann weiter einengen. Erst dann darf die Internet-Gemeinde basisdemokratisch für die endgültige Entscheidung sorgen. Immerhin: Laut LDA hat Hamann - anders als Keane - Aussichten, auf die Liste zu gelangen. Der Deutsche hat schließlich den letzten Treffer im alten Wembleystadion erzielt. Das haben die Engländer keineswegs vergessen.

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