Bender & Bender im EM-Kader Trennung der Zwillinge

Lars und Sven Bender sind die ersten Zwillinge im DFB-Aufgebot seit den siebziger Jahren. Ob allerdings auch beide zur Europameisterschaft fahren dürfen, ist fraglich - zu ähnlich wirkt ihre Spielweise auf den ersten Blick. Die feinen Unterschiede könnten ausschlaggebend sein.

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Auch die Trainer waren am Anfang unsicher. "Der Eine hat eine etwas längere Haartolle", brauchte DFB-Assistenztrainer Hans-Dieter Flick schon einen ganz bestimmten Anhaltspunkt, um Lars und Sven Bender voneinander zu unterscheiden. Die eineiigen Zwillinge, die beide im vorläufigen EM-Aufgebot der Nationalmannschaft stehen, haben so vieles gemeinsam: das Aussehen sowieso, die identische Position im defensiven Mittelfeld, der Laufstil, ihre Vergangenheit bei 1860 München. Und dann verbringen die 23-Jährigen auch noch in ihrer Freizeit im südfranzösischen DFB-Trainingslager jede Minute, die möglich ist, miteinander.

Wie lange das noch geht, ist allerdings fraglich. Allgemein gilt ein Bender als einer der vier Streichkandidaten, wenn Bundestrainer Joachim Löw am 29. Mai sein endgültiges Aufgebot bekannt gibt. Die Frage ist nur: welcher? Und da kommen die Unterschiede ins Spiel.

Vordergründig ist Sven derjenige mit den besseren Aussichten. Er spielt beim Deutschen Meister Borussia Dortmund, er ist seit zwei Jahren ein Leistungsträger des BVB. Der Verein seines Bruders, Bayer Leverkusen, hat dagegen eine unruhige, in Phasen gar chaotische Spielzeit hinter sich gebracht, geprägt von Streitigkeiten. Positive sportliche Schlagzeilen gab es wenige.

Lars ist bei Bayer zum Führungsspieler geworden

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Kader für EM: Zwei Brüder, ein Ziel
Paradoxerweise hat gerade dies das Standing von Lars erhöht. Er hat sich in den Wirren der Bayer-Saison profiliert, er hat mannschaftsintern den Laden zusammengehalten, als das Team sich in Fraktionen aufzusplitten drohte und er hat auch gegenüber der Vereinsführung deutliche Worte gefunden. "Ich habe mir vor der Saison vorgenommen, in die Rolle eines Führungsspielers hineinzuwachsen, und das habe ich dann auch gemacht", sagt er. "Man muss vorangehen, wenn man führen will." Für einen gerade 23 Jahre alt gewordenen Spieler sind das sehr entschlossen klingende Sätze.

Man sagt eineiigen Zwillingen nach, dass oft der Ältere, auch wenn der Unterschied nur Minuten ausmacht, die Führungsrolle übernimmt. Bei den Schalker Kremers-Brüdern, dem letzten Zwillingspaar im DFB-Dress vor gut 40 Jahren, war der eine Viertelstunde ältere Erwin stets der Strahlendere, der Erfolgreichere als Bruder Helmut.

Lars kam ganze zwölf Minuten früher auf die Welt als Sven. Auf der gemeinsamen DFB-Pressekonferenz der Brüder ist es denn auch der Leverkusener, der die Initiative ergreift. Auf Fragen, die an beide gestellt werden, antwortet er wie selbstverständlich als erster, nennt seinen Bruder "Ihmchen". Sven sitzt grinsend daneben und sagt ein-, zweimal nicht mehr als: "Ich kann dem, was Lars gesagt hat, nur noch zustimmen." Sven ist auch beim BVB derjenige, der die ihm gestellten Aufgaben klaglos erfüllt. Ein Teamspieler, wie man sich keinen besseren wünschen könnte.

"Privat nie auf die Nerven gegangen"

"Wenn man so eine Chance bekommt, zur EM mitfahren zu können, dann will man sie auch ergreifen", sagt Lars. Aus den Brüdern, die sich "privat nie auf die Nerven gegangen sind" (Sven), werden in diesen Tagen daher folgerichtig Konkurrenten. Im defensiven Mittelfeld herrscht bei Löw ein reichhaltiges Angebot an Klassespielern. Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Toni Kroos müssen sich keine großen Sorgen um ihre Plätze im Aufgebot machen. Dahinter jedoch bewerben sich nicht nur die beiden Benders, sondern auch Svens Teamkollege Ilkay Gündogan, der in Südfrankreich bisher einen sehr guten Eindruck hinterließ. Dass alle drei mit nach Polen und in die Ukraine fahren, gilt als ausgeschlossen.

"Keiner hat uns bisher gesagt, dass nur für einen Bender Platz ist", sagt Lars. Das Testländerspiel gegen die Schweiz (Samstag 18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird wohl die letzten Indizien für den Trainerstab ergeben, wer am ehesten in der Lage sein wird, einzuspringen, wenn einer der gesetzten Spieler ausfallen sollte. Lars hat den leichten Vorteil, flexibler zu sein und zur Not auch auf der rechten Abwehrseite eingesetzt werden zu können. "Wir haben beide den Ansporn, dabei zu sein. Aber wenn einer von uns herausfallen sollte, wird es keinen Neid geben", sagt Sven. Das glaubt man beiden sogar.

Lars sagt: "Wir haben die Nähe zueinander, die wir jetzt hier wieder haben, schon sehr vermisst. Wir brauchen einfach den gegenseitigen Kontakt." Wenn Löw den Benders einen echten Gefallen täte, nähme er beide mit. Oder er lässt sie beide zu Hause.



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