Stadion-Sicherheitsdebatte: Fans drohen mit Boykott, DFL bessert nach

Das ursprüngliche Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball-Liga wollten Vereine und Fans nicht mittragen. Der Verband hat das Papier jetzt in einzelnen Punkten überarbeitet, die Zeit bis zur geplanten Verabschiedung im Dezember wird aber langsam knapp. Zudem planen Ultras einen Stimmungsboykott.

Designierter DFL-Geschäftsführer Rettig: Dialog mit den Fans Zur Großansicht
dapd

Designierter DFL-Geschäftsführer Rettig: Dialog mit den Fans

Hamburg - Der erste Entwurf war ein Schnellschuss, der scharf kritisiert wurde: Etliche Vereine und Fußball-Fans lehnten das von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) im September vorgestellte Sicherheitskonzept als nicht tragbar ab. Doch dem Liga-Verband geht die Zeit aus: Wird das Papier nicht vor Jahresende verabschiedet, nimmt sich die Bundesregierung der Thematik "Stadionsicherheit" an - und dann drohen wesentlich drastischere Maßnahmen wie die Abschaffung der Stehplätze, personalisierte Tickets oder reduzierte Kartenkontingente. Unter diesem Druck hat die DFL ihr Konzept nun in einzelnen Punkten noch einmal überarbeitet - und hofft, die Clubs so auf ihre Seite zu bekommen.

Die wohl markanteste Änderung: "Vollkontrollen" von Fans vor den Stadien sollen nicht in den Statuten des Papiers verankert werden, sondern im Ermessensspielraum der Vereine liegen. Jüngst hatten beim Spiel Bayern München gegen Eintracht Frankfurt erstmalige Ganzkörperuntersuchungen in eigens dafür aufgestellten Zelten für Kritik gesorgt. Die Arbeitsgemeinschaft Fananwälte hatte die Durchsuchungen als "rechtswidrig" und "intensiven Eingriff in Grundrechte" bezeichnet. Der FC Bayern hatte die Zelte unter Berufung auf das Konzeptpapier errichtet - und im Nachhinein verteidigt. Doch die Aktion rief unter den Fans zahlreiche Gegner auf den Plan, sie fühlten sich diskriminiert, übergangen und gemaßregelt.

Diesem Eindruck möchte die DFL vorbeugen, indem sie immer wieder betont, mit den Anhängern in einen Dialog über die geplanten Maßnahmen treten zu wollen. Eine späte Schadensbegrenzung, hatte der Liga-Verband doch sein Konzeptpapier zunächst ohne Beteiligung der Fans entwickelt. Auch aus diesem Grund soll der in der Ursprungsversion des DFL-Papiers vorgesehene Verhaltenskodex für Stadion-Besucher nun nicht mehr vorgeschrieben, sondern zusammen mit den Fans erarbeitet werden. Allerdings erst, nachdem das Konzept verabschiedet wurde.

Unklare Zuständigkeiten erschweren Dialog

"Der Dialog soll darauf gerichtet sein, Grundregeln für die Ausübung der positiven Fankultur im Stadion gemeinsam zu entwickeln und einvernehmlich zu vereinbaren", heißt es in der Stellungnahme der DFL. Und: "Der wechselseitige Dialog zwischen Clubs und Fangruppen soll künftig auch statuarisch verankert werden."

Doch allein dieser Satz zeigt, wo das eigentliche Problem liegt. Wenn der Umgang miteinander schriftlich festgehalten werden muss, ist er zu verfahren, um von alleine zu funktionieren. Dann ist der rationale und objektive Austausch bereits auf ein Minimum reduziert. Genau das machte kürzlich der Fan-Gipfel bei Union Berlin deutlich, zu dem auch Vertreter der Liga gekommen waren: Die Verantwortlichen sind mittlerweile fast panisch um Dialog bemüht, weil sie wissen, dass die Umsetzung ihrer Pläne sonst scheitern wird. Auch viele Fan-Vertreter wollen das offene Gespräch. Und doch weiß kaum einer, mit wem er eigentlich reden soll, zu unklar sind die Zuständigkeiten.

Zudem sehen etliche Fans mit dem von der DFL im Alleingang entwickelten Sicherheitskonzept ihre demokratischen Grundsätze verletzt. Rund 160 Vertreter von deutschlandweiten Ultra-Gruppierungen zogen daraus ihre Konsequenzen und trafen sich parallel zum Fangipfel im Berlin. Das Ergebnis: Vom 14. bis 16. Bundesliga-Spieltag planen sie einen Stimmungsboykott. Unter dem Titel "12:12 - Der zwölfte Mann wehrt sich" wollen sie zu Beginn jeder Partie mit Schweigen demonstrieren, wie "Fußball ohne Fankultur" aussähe.

Fanvertreter begrüßen die Änderungen

Nach wie vor soll am 12. Dezember über die einzelnen Punkte des nun veränderten Konzeptpapiers - und nicht über das Gesamtpaket - abgestimmt werden. Die Clubs haben bis zum 22. November Zeit, zu den Neuerungen Stellung zu beziehen und der DFL Änderungsvorschläge zukommen zu lassen. Bei den Fanvertretern ist das neue Papier zumindest schon einmal etwas auf mehr Gegenliebe gestoßen: "Wir freuen uns, dass die DFL endlich erkannt hat, dass sie einen Dialog mit den Fans führen muss. Die Änderung des Sicherheitspapieres begrüßen wir. Allerdings sind aus unserer Sicht fast die gesamten im ursprünglichen Sicherheitspapier genannten Maßnahmen nicht zielführend und somit auch nicht verhandlungsfähig", sagte Philipp Markhardt, Sprecher des Bündnisses "ProFans", SPIEGEL ONLINE.

Sollte das Konzept tatsächlich verabschiedet werden, plant die DFL, die Maßnahmen nach drei Jahren zu evaluieren, um sie verbessern oder absetzen zu können. Auch das ist ein neuer Punkt im überarbeiteten Konzept - und auch er zeigt, wie enorm die DFL unter Druck steht. Zu derartigen Kompromissen wäre sie sonst wohl nicht bereit.

psk

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Es wird höchste Zeit dass Staat und Länder mit Boykott drohen.
herr_kowalski 15.11.2012
Zitat von sysopdapdDas ursprüngliche Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball-Liga wollten Vereine und Fans nicht mittragen. Der Verband hat das Papier jetzt in einzelnen Punkten überarbeitet, die Zeit bis zur geplanten Verabschiedung im Dezember wird aber langsam knapp. Zudem planen Ultras einen Stimmungsboykott. http://www.spiegel.de/sport/fussball/die-dfl-hat-ihr-sicherheitskonzept-ueberarbeitet-a-867455.html
Keine Polizei mehr für die Idioten die man allenthalben dort sieht und hört. Falls doch: 40 € / Stunde pro Mann bezahlen lassen. So könnte man 20 % deutscher Polizistengehälter durch die Verursacher der Kosten finanzieren lassen. Ist in einer Marktwirtschaft eigentlich so üblich.
2. @kowalski
doc_dawson 15.11.2012
Gerne, aber nur wenn die Bundesligamannschaften dafür auch steuerbefreit werden. Sonst wird das nichts. Gleiches machen wir dann auch auf dem Oktoberfest, der Wasn, und bei Rhein in Flammen. Passt schon...
3.
gegenpressing 15.11.2012
Zitat von herr_kowalskiKeine Polizei mehr für die Idioten die man allenthalben dort sieht und hört. Falls doch: 40 € / Stunde pro Mann bezahlen lassen. So könnte man 20 % deutscher Polizistengehälter durch die Verursacher der Kosten finanzieren lassen. Ist in einer Marktwirtschaft eigentlich so üblich.
Gerne doch. Ich brauch keine Hundertschaft schwarz vermummter Polizisten, um mich beim Fussi sicher zu fühlen. Übrigens, seit wann gelten bei Polizeieinsätzen die Gesetze der Marktwirtschaft? Wurden die jetzt auch schon privatisiert und ich hab davon nichts mitbekommen?
4. @doc_dawson
Hompster 15.11.2012
Das Steuerargument ist einfach nur plump und vergleichen sie bitte nicht Sportveranstaltungen mit Volksfesten, sondern mit anderen Sportveranstaltungen - gerne auch weltweit. Bei anderen Sportveranstaltungen kommt es kaum zu Krawallen und Ausschreitungen, schon gar nicht in der Art, wie man sie vom Fußball kennt. Das zu Fußballspielen so viel Polizei anrücken muss liegt nur an Fanatikern, die sich selbst als Fans bezeichnen.
5. optional
moinmoin73 15.11.2012
@ Hompster:Wieso sollte man nur Sportveranstaltungen untereinander vergleichen? Volksfeste o.ä. werden doch auch unter "Kultur" geführt und sind dementsprechend öffentliches Interesse.Dementsprechend sollte dieser Vergleich schon auch erlaubt sein!? Grundsätzlich bin ich gegen das Sippenhaft-Prinzip! Wenn es doch immer nur um "ein paar Idioten" geht, dann muss man sich halt genau diese schnappen und den Rest der Zuschauer nicht mit Repressalien belegen!? Ich empfehle einem SPON-Reporter sich einmal an einem normalen Spieltag auf eine Auswärtsfahrt seiner Wahl zu begeben und den Nachmittag im Stehbereich der Gastmannschaft zu verbringen! Dann könnte man vielleicht auch mal die Sicht der "normalen" Fans verstehen! Meinungen von Besuchern der VIP-Bereiche, wie beispielsweise von Herrn Johannes B.Kerner nach den Vorfällen im Relegeationsspiel in Düsseldorf, wirken da wie die Kuh, die vom Angeln erzählt! Man sollte eine sachliche Debatte führen, an der sowohl die Polizei, die DFL, die Fanvertreter und die Innenminister beteiligt sind. Im Moment ist das alles purer Populismus und Aktionismus von sich profilierenden Politikern!!!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball-News
RSS
alles zum Thema Fußballbundesliga
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 31 Kommentare

Themenseiten Fußball
Tabellen