Schwuler Fußballer Fashanu: Erst Coming-out, dann Suizid

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Fußball-Profi Fashanu: "Ich bin schwul"

Justin Fashanu outete sich als einer der wenigen Fußballprofis noch während seiner aktiven Karriere als homosexuell. Das Magazin "11Freunde" erzählt die Geschichte des englischen Mittelstürmers, der erst das Rampenlicht suchte - und sich dann das Leben nahm.

Am Tag, als Justin Fashanu sterben will, spaziert er ein letztes Mal durch das Londoner East End. Im Stadtteil Shoreditch biegt er in die Fairchild Street ein und besucht die Gay-Sauna "Chariots". Zeugen berichten später, er sei gut gelaunt gewesen. Am nächsten Morgen findet die Polizei Fashanu in einer Nebenstraße, um seinen Hals ein Elektrokabel, er baumelt von einem Holzbalken einer Garage. Es ist der 3. Mai 1998.

Justin Fashanu ist 19 Jahre alt, als ein Tor ihn über Nacht zum Star macht. Der Mittelstürmer in Diensten von Norwich City schießt es in der Saison 1979/1980 gegen den FC Liverpool, und es ist wirklich phänomenal: Fashanu steht in halbrechter Position etwa 20 Meter vor dem gegnerischen Tor und erwartet den Pass eines Mitspielers. Mit dem rechten Außenrist lässt er den Ball geschickt auf Hüfthöhe abtropfen, dann dreht er sich und schießt den Ball volley mit links in den Winkel. "Oh, what a goal!", japst Kommentator Barry Davies. Fashanu verzieht keine Miene, er streckt nur den Zeigefinger in die Luft.

Die Sendung "Match of the Day" wählt den Treffer zum Tor der Saison, und Fashanu wechselt für mehr als eine Million Pfund zu Europapokalsieger Nottingham Forest. Die Presse berichtet ausführlich über ihn, denn so viel ist in England bis dahin noch nie für einen schwarzen Fußballer bezahlt worden. Fashanu genießt die Aufmerksamkeit. Er tritt in Talkshows auf, schreibt eifrig Autogramme und lädt Reporter in seine Küche ein. Da sitzt er auf einem Holzschemel und sagt: "In zehn Jahren möchte ich berühmt sein und sehr viel Geld haben."

Schwulenbar und Fundamentalistengruppe

Geld hat er schon jetzt. Er kauft sich flotte Sportwagen und lässt sich für Magazine in roten Lederanzügen fotografieren. Auf dem Platz gelingt ihm allerdings nicht viel, für Forest schießt er in 35 Spielen nur drei Tore. Verzieh man ihm im Idyll Norwich noch Fehlschüsse, toben sie bei Forest über jeden Ballverlust, vor allem der jähzornige Trainer Brian Clough.

Eines Tages findet dieser heraus, dass Fashanu in Schwulenbars verkehrt. Vor versammelter Mannschaft beschimpft Clough seinen Stürmer als "Schwuchtel", später wirft er ihn aus dem Kader. Als Fashanu trotzdem beim Training erscheint, ruft der Trainer die Polizei. In seiner Biografie räumt Clough ein, eine Mitschuld am Tod Fashanus zu tragen: "Ich war für ihn verantwortlich, aber ich habe ihm nicht geholfen."

Fashanus Leben gerät aus der Bahn, er verletzt sich am Knie, verbringt Monate in der Reha, versucht Neuanfänge in den USA, er eröffnet eine Schwulenbar in Los Angeles, und als ein Freund ihm sagt, dass nur Jesus ihm helfen kann, schließt sich Fashanu einer protestantischen Fundamentalisten-Gruppe an. Er predigt gegen die sexuelle Lust, hält sich aber weiterhin in der Schwulenszene auf, geplagt vom Glauben, dass eine gleichgeschlechtliche Beziehung eine schwere Sünde sei.

Dann kommt der 22. Oktober 1990, ein Tag, der ganz England in Wallung versetzt. Die Boulevardzeitung "Sun" veröffentlicht ein Foto von Fashanu, daneben die Schlagzeile: "Eine Million Pfund teuer Fußballstar: 'Ich bin schwul!'" Fashanu ist der erste Fußballprofi, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt. Später sagt er: "Ich dachte, wenn ich mich in der schlimmsten Zeitung oute und dann stark bleibe, gäbe es nichts mehr, was noch zu sagen wäre."

80.000 Pfund für ein Outing

Fashanu erhält für die Story 80.000 Pfund (rund 94.000 Euro), eine Summe, die ihm sein Bruder John zuvor ebenfalls angeboten hatte, wenn Justin sich nicht outen würde. Nun sagt John: "Mein schwuler Bruder ist ein Ausgestoßener!" Es folgt eine Serie in der "Sun", Fashanu berichtet von Sex mit Popstars, Mitspielern oder Abgeordneten des britischen Parlaments. Er verdient gut, denn für jede neue Story gibt es Geld. Fashanu ist zurück im Rampenlicht, und es gefällt ihm.

Er vermutet, dass ihn die Leute als Pionier sehen. Tatsächlich geht vielen sein Öffentlichkeitsdrang gegen den Strich. Sogar die schwarze Community kritisiert ihn für sein Auftreten, und Mitspieler sagen, dass Homosexualität nicht zum Teamsport passe. Die letzten Freunde wenden sich ab, als Justin Fashanu öffentlich zugeben muss, dass er den Abgeordneten Stephen Milligan, mit dem er ein Verhältnis gehabt haben will, gar nicht kennt. "Ich habe gelogen, um an leichtes Geld zu kommen", sagt Fashanu. Danach lässt das Interesse an seiner Person nach.

Fashanu wechselt wieder Wohnsitze und Vereine, er spielt in Neuseeland, Schweden und Schottland. Nirgendwo bleibt er lang. 1998 heuert er als Trainer bei Maryland Mania in einer US-amerikanischen Amateurliga an. Bekannten erzählt er, dass er Besitzer des Clubs sei. Einer davon ist Donald H., ein 17-jähriger Junge, der eines Abends zu einer kleinen Party in Justins Wohnung erscheint.

Sie trinken Bier, rauchen Marihuana. Zwei Tage später steht ein Polizist vor Fashanus Tür und fragt, ob er homosexuell sei und in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1998 sexuellen Kontakt zu Donald H. gehabt habe. Fashanu verneint beide Fragen. Wenige Tage später verlässt er die USA in Richtung London. Danach verliert sich seine Spur.

Monate nach seinem Tod veröffentlicht eine Zeitung einen Abschiedsbrief: "Wenn irgendjemand diese Notiz findet, bin ich hoffentlich nicht mehr da. Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein, ist hart. Ich will sagen, dass ich den Jungen nicht vergewaltigt habe." Fashanu war in London unter dem Mädchennamen seiner Mutter untergetaucht, weil er über die Presse erfahren hatte, dass Scotland Yard nach ihm fahndete.

Am Tag, als sich Justin Fashanu das Leben nahm, stellte sich heraus, dass es sich um eine Falschmeldung handelte.

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1. ich möchte nicht wissen
pefete 29.03.2013
wieviel dieser sogenannten fans schwul sind, aber in der masse mitschwimmen müssen, sich nicht outen mögen...
2. Ahnungslos
ogniflow 29.03.2013
Zitat von pefetewieviel dieser sogenannten fans schwul sind, aber in der masse mitschwimmen müssen, sich nicht outen mögen...
Zumindest bei den meisten Bundesligavereinen gibt es offizielle schwule Fanclubs, da muss niemand mit schwimmen. Vorurteile sind doch was feines.
3.
TC Matic 29.03.2013
Zitat von sysopJustin Fashanu outete sich als einer der wenigen Fußballprofis noch während seiner aktiven Karriere als homosexuell. Das Magazin "11Freunde" erzählt die Geschichte des englischen Mittelstürmers, der erst das Rampenlicht suchte - und sich dann das Leben nahm. Die Geschichte des schwulen Fußballer Justin Fashanu - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/die-geschichte-des-schwulen-fussballer-justin-fashanu-a-891105.html)
Angesichts der vielen Umarmungen und Küssereien auf dem Spielfeld nach einem gelungenen Tor oder einem Sieg stellt sich mir die Frage, ob all die Schwulenhasser und -diskriminierer mit ihren Anfeindungegen gegen "offene/ehrliche" Schwule nicht lediglich ihre eigene Homosexualität kaschieren wollen. "Echte Männer" habe ich als Schwuler häufiger bei anderen Schwulen entdeckt und weniger bei denen, die sich rein hetero nennen
4. wie armselig
hinzkunz001 29.03.2013
die ueberschrift suggeriert das er sich umgebracht hat weil er als Schwuler Fusballer probleme hatte. Er war ein mittelmaessiger Fussballer der glueck hatte, hat sein geld ausgegeben, dann gelogen damit er mehr geld bekommt, und zum schluss noch probleme mit der Polizei gehabt. Mit Fussball und schwul hatte das ja wohl wenig zu tun....
5. .
Jule29 29.03.2013
"Echte Männer" habe ich als Schwuler häufiger bei anderen Schwulen entdeckt und weniger bei denen, die sich rein hetero nennen Ich hoffe du nimmst es nicht persönlich, wenn ich als Frau es genau anders sehe ;-) Ihr Schwule seid gute Freunde mit denen man über vieles reden kann aber männlich aus Sicht einer Frau sind wirklich die wenigsten von euch. Das sollte euch aber eher zu gute kommen, oder ;-) Liebe Grüße!
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