SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

06. Mai 2012, 12:32 Uhr

Bundesliga-Bilanz

Das Wunderjahr der Borussias

Von und

Dortmund wieder Meister, Gladbach in der Champions League: Die beiden Borussias zeigten herausragende Leistungen. Fast wie den Titel feierte ein Neuling den Klassenerhalt, gleich drei Traditionsvereine stürzten ab. SPIEGEL ONLINE blickt auf die 49. Bundesliga-Saison zurück.

DIE ÜBERZEUGENDEN

Ein Überraschungsmeister ist Borussia Dortmund nicht. Was in der Vorsaison funktionierte, hat Trainer Jürgen Klopp weiter verfeinert: Teamgeist, Laufbereitschaft, schnelles Umschalten von Angriff auf Abwehr auf Angriff. Dennoch ist der Titel mehr als nur Pflichterfüllung, hieß der Favorit doch wie vor jeder Saison: Bayern München, da waren sich Experten und Bundesligatrainer einig. Noch vor der Rückrunde setzten 13 der 18 Erstliga-Coaches auf den Rekordmeister. Nun, nach der zweiten Meisterschale in Folge, könnte sich die Favoritenrolle zur Spielzeit 2012/2013 ändern.

Die größere Sensation als der BVB-Titel war die Leistung der Borussia vom Niederrhein. Nach 36 Punkten und der Rettung in der Relegation im Vorjahr holte Mönchengladbach dieses Mal 60 Punkte und schaffte es in die Champions-League-Qualifikation. Unter Trainer Lucien Favre spielten Marco Reus, Mike Hanke und Patrick Herrmann phasenweise den schönsten Fußball der Liga. Fraglich ist, ob es bei einer rauschhaften Saison bleibt oder im Borussia-Park längerfristig Spitzenfußball gespielt wird: Star-Spieler Reus wechselt zum Meister, Abwehrchef Dante zu den Bayern und Stratege Favre ziert sich, seinen bis 2013 laufenden Vertrag zu verlängern.

Solche Bedenken sind für Freiburg und Augsburg Luxussorgen. Aufsteiger FC Augsburg galt als ebenso sicherer Absteiger wie der FC Bayern als sicherer Meister. "Wir haben lange gebraucht, um in der Liga anzukommen", sagte Trainer Jos Luhukay kürzlich. Doch nach den Anlaufschwierigkeiten fand sich der Club besser zurecht, getragen auch von der Euphorie in der Stadt, machte Augsburg den Klassenerhalt schon vor dem letzten Spieltag perfekt. Getrübt wird die Freude durch den Abgang von Luhukay, der trotz laufenden Vertrags seinen Abschied bekanntgab.

Lange Zeit noch schlechter stand der SC Freiburg da: Mit Trainer Marcus Sorg und ohne Top-Angreifer Papiss Demba Cissé war der Verein nach 17 Spieltagen und 13 Punkten Letzter. Dann übernahm Co-Trainer Christian Streich den Chefposten und führte Freiburg mit 27 Punkten in der Rückrunde bis auf den zwölften Tabellenplatz.

DIE SOLIDEN

Es ist das selbst auferlegte Schicksal des FC Bayern, dass der Club als Zweiter bereits erster Verlierer ist. Das bis zu dieser Saison letzte Mal mussten die Münchner 1995 und 1996 zweimal in Folge anderen Teams zum Titel gratulieren - auch damals verteidigte der BVB den Titel. Noch hat der Rekordmeister die Chance, mit Triumphen in Pokal und Champions League aus dieser Saison eine goldene zu machen. Oder aber eine Spielzeit mit drei zweiten Plätzen, wie Bayer "Vizekusen" Leverkusen im Jahr 2002.

Schalke 04 blieb sich in dieser Saison treu, ganz ohne Unruhe geht es bei den Königsblauen einfach nicht. Der Champions-League-Halbfinalist der Vorsaison startete voller Vorfreude in die Spielzeit. Doch dann trat der an Burnout erkrankte Trainer Ralf Rangnick zurück, Huub Stevens übernahm. Der Niederländer ließ seiner alten "Die Null muss stehen"-Maxime zum Trotz erfolgreichen Offensivfußball spielen - was bleibt einem auch anderes übrig, wenn man Klaas-Jan Huntelaar und Raúl im Kader hat?

Auch Mirko Slomka und Bruno Labbadia können mit dem Abschneiden ihrer Mannschaften zufrieden sein. Sowohl Hannover 96 als auch der VfB Stuttgart spielen in der kommenden Saison international, beide Teams bleiben größtenteils zusammen. Und Labbadia hat bewiesen, dass seine Teams nicht nur gute Hinrunden spielen können. Der 1. FC Nürnberg konnte die Abgänge von Ilkay Gündogan und Mehmet Ekici überzeugend kompensieren, stand nur an zwei Spieltagen auf dem Relegationsplatz. Den Schritt zum etablierten Bundesligisten hat in dieser Saison Mainz 05 geschafft. Nach dem fünften Platz im Vorjahr klingt Platz 13 in dieser Spielzeit zwar enttäuschend. Doch die Mannschaft von Thomas Tuchel hat gezeigt, dass sie auch Abgänge von Schlüsselspielern wie Christian Fuchs, André Schürrle und Lewis Holtby verkraften kann. Dieses Wissen dürfte in den kommenden Jahren noch Gold wert sein. Eine Mannschaft hat die negativen Erwartungen erfüllt. Dass der 1. FC Kaiserslautern absteigt, dürfte - trotz Platz sieben 2010/2011 - niemanden überraschen: 24 Tore aus 34 Spielen sind einfach zu wenig.

DIE ENTTÄUSCHENDEN

Wenn am Ende einer Saison niemand über einen fünften Platz jubelt, geht es entweder um den FC Bayern. Oder um Bayer Leverkusen. Bei der Werkself war man mit großen Erwartungen angetreten. Der neue Trainer Robin Dutt sollte die Mannschaft mindestens wieder in die Champions League führen. Dass es nur zur Europa-League-Teilnahme reichte, lag an Dutt, den Querelen um Michael Ballack und an Verletzungspech. Vor allem aber an einer Mannschaft, in der zu viele Spieler (Schürrle, Rolfes und Derdiyok) zu lange unter ihren Möglichkeiten blieben. Was die wahren Möglichkeiten der Profis von 1899 Hoffenheim sind, fragen sich selbst Experten. Hochveranlagte Spieler wie Ryan Babel schlichen einmal mehr einer akzeptablen Form hinterher, zudem stellte sich das Experiment mit Trainer Holger Stanislawski als Missverständnis heraus. Markus Babel wird noch einiges zu tun bekommen.

50 Millionen - für so viel Geld hat Felix Magath den Kader des VfL Wolfsburg vor und während dieser Saison umgebaut. 20 neue Spieler kamen. Herausgekommen ist wenig, außer vielleicht für die Maklerbranche in Wolfsburg, die sich ob der vielen neu zu findenden Apartments freuen durfte. Das Ziel "Europäischer Wettbewerb" verpasste der VfL - und hatte mit 44 Punkten nur sechs mehr als in der Beinahe-Abstiegssaison 2010/2011.

Schon der Auftakt gegen den 1. FC Kaiserslautern ließ Schlimmes erahnen, trotz des 2:0-Sieges. Bremen, das zeigte sich früh, war in dieser Saison nur ein Schatten besserer Tage. Dass es nach der Hinrunde zu Platz fünf reichte, war die eigentliche Überraschung der ersten 17 Spiele. Was folgte, war ein bemerkenswerter Absturz, kurzfristige Abstiegssorgen inklusive. Das viertschlechteste Rückrundenteam der Liga entsetzte seine Fans nicht nur beim 0:3 gegen Mainz oder dem 0:5 in Mönchengladbach. Özil, Klose, Diego und Co.: Die großen Namen der Vergangenheit werden in Bremen schmerzlich vermisst.

DIE ABGESTÜRZTEN

Das Kölner Chaos in dieser Saison füllte den (Sport-)Zeitungen wochenlang die Seiten. Irgendwann stand man ohne Präsident, ohne Sportdirektor und dann auch noch ohne Trainer da. Ach ja, und zwischendurch war natürlich immer wieder Lukas Podolski Thema.

Diesmal ging es vorwiegend um seinen Wechsel. Auch der Nationalspieler hatte irgendwann eingesehen, dass in Köln kein Erfolg möglich ist. Mit dem fünften Abstieg der Vereinsgeschichte beginnen in der Domstadt mal wieder ganz schwere Zeiten.

Es war eine scheußliche Bundesliga-Saison der Hertha. Nachdem es 2010 runter in die zweite Liga ging, droht den Berlinern dieses Schicksal auch 2012. In der Relegation kämpft der Club nun um die Erstklassigkeit. Verdient hat der Verein sie nach dieser Saison nicht. Der Niedergang hatte sich nach der Hinrunde allerdings nicht zwingend angekündigt. 20 Punkte, Platz elf: Es gibt Schlimmeres - wie zum Beispiel die Rückrunde der Berliner, in der sich der Club den Abstieg redlich verdiente. Drei weitere Cheftrainer, nur noch elf weitere Punkte, ein gedankenloser Umgang mit den Medien: Hertha machte falsch, was falsch zu machen war.

Selbstüberschätzung. Das ist das Wort, das die Saison des Hamburger SV am besten beschreibt. Nur mit Mühe und Glück wurde der erste Abstieg der Vereinsgeschichte verhindert. Als die im Vergleich zum Vorjahr massiv veränderte - und deutlich geschwächte - Mannschaft der Hanseaten gleich zu Beginn ans Tabellenende rutschte, glaubte man in Trainer Michael Oenning den Schuldigen gefunden zu haben. Nachfolger Thorsten Fink verglich sich erst mit Dortmunds Meistertrainer Jürgen Klopp und gab dann realitätsferne Parolen aus (Stichwort: Europapokal). Währenddessen irrlichterte eine Elf durch die Liga, deren Abwehr hanebüchene Fehler machte und im Sturm gänzlich harmlos war. Der Schrecken fand erst mit dem Klassenerhalt am 33. Spieltag sein Ende.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leser, vor allem liebe Fans vom 1. FC Nürnberg und 1899 Hoffenheim - natürlich haben wir unsere Anmerkungen zu den beiden Teams nicht böswillig unterschlagen. Die technischen Probleme sind behoben, der "Club" und die TSG haben nun auch Erwähnung in unserer Bilanz gefunden.

URL:


Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH