Die Odyssee des Dany Quintero Nationaltorhüter in der Provinz

Am Frankfurter Flughafen ergriff er die Flucht, um in Europa Fußballprofi zu werden. Heute spielt Kubas ehemaliger Nationalkeeper Dany Quintero beim badischen B-Kreisligisten SV Nollingen. Das vorläufige Ende einer abenteuerlichen Irrfahrt, die das Magazin "11FREUNDE" nachzeichnet.

Fußballtorwart Quintero: Aus der kubanischen Nationalelf in die Kreisliga B.
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Fußballtorwart Quintero: Aus der kubanischen Nationalelf in die Kreisliga B.


Es ist der 30. Juli 2009: Dany Quintero lädt ein Video auf YouTube hoch. In dem Clip stellt der Torwart sich selbst vor. Mit Videoschnipseln, Grafiken, Fotos, etwas Musik. Dany Quintero ist zu diesem Zeitpunkt vereinslos und auf der Suche nach einem neuen Club.

Dass die Videoplattform nicht der übliche Weg ist, um als Fußballer in Europa einen neuen Job zu finden, weiß Quintero zu diesem Zeitpunkt noch nicht. In Kuba hat er das Geschäft nie kennengelernt. Spielern ist es dort nicht erlaubt, den Heimatverein zu wechseln. Also durfte Quintero nur bei einem einzigen Club spielen, beim FC Cienfuegos. Dort wurde er 2009 kubanischer Meister und brachte mit seinen langen Armen und Paraden die besten Stürmer des Landes zur Verzweiflung. Sie nannten ihn "El Pulpo", den Kraken.

Das ist nun vorbei. Dany Quintero, heute 25 Jahre alt, hat sich Anfang Juli 2009 entschieden: gegen Kuba, gegen die Nationalmannschaft, mit der er gerade in Europa unterwegs war, und für einen neuen Anfang. Deshalb ist er am Frankfurter Flughafen durch den Terminal gestürzt, die Mitspieler und seine Koffer ließ er am Gepäckband zurück. Dabei hatte er nur das, was er am Körper trug: eine goldene Uhr, eine goldene Kette, den Trainingsanzug der "Seleccion" und ein paar Steine, seine Orishas. Ein Kontaktmann wartete hinter den Drehtüren in einem Wagen.

Noch auf der Autobahn rief Quintero den deutschen Ex-Profi und Fußball-Globetrotter Lutz Pfannenstiel an. Der hatte 2008 als Torwarttrainer in Kuba gearbeitet. Über seinen Schützling Dany Quintero urteilte er damals, er sei "talentiert, aber ein bisschen zu zurückhaltend für den großen Sprung".

Immer wieder Anfragen, immer wieder Absagen

Pfannenstiel versuchte, einen Verein für seinen einstigen Schüler zu finden. Ein Club auf Island zeigte Interesse, doch dann erfuhren die Verantwortlichen, dass Quintero ohne offizielle Aufenthaltsgenehmigung durch Europa reiste. Und so ging es in den nächsten Wochen und Monaten weiter. Immer wieder vage Anfragen von Dritt- oder Viertligavereinen - doch spätestens nach der Information, dass er nicht spielberechtigt sei, wurde Quintero wieder weggeschickt.

"Ich ahnte zwar, dass es schwierig sein würde, doch ich hatte es mir anders vorgestellt", sagt Quintero. An eine Rückkehr nach Kuba war allerdings nicht zu denken, dort erwartete ihn ein Berufsverbot. Auch bei der Vergabe einer Wohnung oder eines Autos hätte er hintenangestanden. Die Regierung hatte ihre Macht bereits gezeigt, als sie kurz nach Quinteros Verschwinden seinen jüngeren Bruder aus der Jugendnationalmannschaft verbannte.

Marcus, sein portugiesischer Agent, hatte damals die YouTube-Idee. Sie schnitten einen Fünf-Minuten-Clip mit den besten Fotos und Videos aus Quinteros Karriere: Bilder von der Meisterschaft des FC Cienfuegos, Amateuraufnahmen von Quintero während einer Trainingseinheit, ein paar Ausschnitte von Spielen mit der kubanischen Nationalmannschaft, für die er 2008 während der WM-Qualifikation viermal das Tor gehütet hatte. Dann noch Screenshots von der FIFA-Statistikseite, zuletzt eine E-Mail-Adresse für interessierte Vereine. Der Titel des Videos: "Good Goalkeeper search urgently a team for 2010-2011".

Quintero erhielt kurze Zeit später einen Anruf. Der portugiesische Drittligist CA Valdevez sei sehr an ihm interessiert, das Video hätte den Clubverantwortlichen gut gefallen. Er reiste also nach Arcos de Valdevez, eine Kleinstadt im Nordwesten Portugals. Doch auch hier lange Gesichter. Mit der Situation konfrontiert, dass Quintero momentan keine Aufenthaltsgenehmigung hat, drucksten die Verantwortlichen herum. Als sich dann auch noch herausstellte, dass CA Valdevez der Heimatverein von Agent Marcus war, und der Kontakt nicht aufgrund des Videos hergestellt wurde, sondern nur, weil Marcus gebettelt hatte, trennte sich Quintero von seinem Berater und machte sich wieder auf den Weg nach Deutschland. Alles auf null, alles von vorne.

Quintero spielt jetzt gegen Degerfelden und Karsau II

Heute lebt Dany Quintero im südbadischen Rheinfelden, nahe der Schweizer Grenze. Nach Monaten in Asylantenheimen zwischen Karlsruhe und Freiburg und Wochen auf dem Sofa einer kubanischen Bekannten in Lörrach hat er nun seine Aufenthaltsgenehmigung. Er ist ein anerkannter politischer Flüchtling und wohnt mittlerweile bei Thomas Schwind. Der Jurist nahm ihn bei sich auf, als er von Quinteros Geschichte erfuhr. Ein eigenes Zimmer hat der Keeper nun, und er spielt wieder Fußball - beim SV Nollingen in der Kreisliga B. Die Gegner heißen hier FV Degerfelden, SV Karsau II oder SC Minseln. Zu den Spielen kommen selten mehr als hundert Zuschauer.

Quinteros Ankunft hat die umliegenden Dörfer durcheinandergewirbelt. Endlich mal was los in den Nestern. Die "Bietigheimer Zeitung" und die "Badische Zeitung" berichteten schon über den Kubaner in der Provinz. Neulich waren sogar Teams von Eurosport und dem Südwestrundfunk da. Einige umliegende Vereine blicken neidisch nach Nollingen, sie sprechen hinter vorgehaltener Hand von den "Mediengeilen". Der sportliche Leiter des SV Nollingen, Konrad Enz, glaubt allerdings: "Das beruhigt sich wieder."

Quintero selbst ist einfach nur dankbar: für eine Ersatzfamilie, für die Chance, wieder Fußball zu spielen, für ein Dach über dem Kopf, ein Bett im Hause Schwind, neue Torwarthandschuhe, Spätzle und selbstgemachten Apfelstrudel am Mittagstisch der Familie Enz. Ein Problem hat er aber in Rheinfelden: "Mir fehlt die Stadt", sagt Quintero. Manchmal geht er daher mit seinen Mitspielern tanzen. Sie fahren dann mit ihm nach Basel oder Freiburg und verraten ihm, wie man hier Mädchen kennenlernt.

Ewig wird Quintero wohl nicht in Rheinfelden bleiben und beim SV Nollingen spielen. Sportchef Enz glaubt, der 25-Jährige könne es in die Regional- oder dritte Liga schaffen. Er brauche nur ein bisschen Spielpraxis. Dann könnte in Erfüllung gehen, was sich Dany Quintero erhofft hat, als er im Sommer 2009 durch den Frankfurter Flughafen stürmte.



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