Schmähungen in der Bundesliga Die Fankurve ist kein Literaturklub

Der Anwalt von Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp fordert Spielabsagen bei Beleidigungen aus der Fankurve. Das ist zwar Unsinn - doch auch die Fans müssen sich hinterfragen.

Fans des 1. FC Köln
Bongarts/Getty Images

Fans des 1. FC Köln

Ein Kommentar von


Das Ergebnis der Partie des 1. FC Köln gegen die TSG Hoffenheim dürfte schnell wieder vergessen sein (zur Erinnerung: Hoffenheim gewann 3:0), stattdessen hat das Spiel dem deutschen Fußball die nächste Episode einer Debatte hinterlassen, die schon länger köchelt. Sie dreht sich um die Frage, wie viel und welche Art der Fankritik an Verbänden, Vereinen und Funktionären (in Köln an Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp) zulässig ist, was sich die Institutionen im emotionalen Milliarden-Zirkus Bundesliga gefallen lassen müssen und was nicht.

Es gab wieder einmal massive Schmähungen gegen Hopp, weshalb dessen Anwalt Christoph Schickhardt in der "Bild"-Zeitung die Forderung formulierte, dass Spiele künftig nicht angepfiffen werden sollten, wenn beleidigende Banner in der Kurve hängen. Und da es seinen Worten nach egal ist, ob sich diese Schmähungen gegen Hannovers Klubchef Martin Kind, gegen Schiedsrichter, RB Leipzigs Sportchef Ralf Rangnick oder eben Hoffenheims Geldgeber Hopp richten, entsteht der Eindruck, dass hier grundsätzlich Kritik unterbunden werden soll.

Die Forderung ist Unsinn, sie ist es aus zwei Gründen.

Erstens ist sie in der Praxis nicht umsetzbar. Fußballfans, vor allem der harte Kern, die Ultras, wollen sich nicht sagen lassen, wie sie sich zu verhalten und auszudrücken haben. Sie fühlen sich durch Vorschriften und Verbote nicht abgeschreckt, sondern herausgefordert. Das zeigt das Beispiel Pyrotechnik, die trotz Verbots immer wieder zum Einsatz kommt. Mittlerweile vor allem, um Vereine und Verbände zu provozieren, und um zu zeigen, dass Fans ohnehin machen, was sie wollen. Ziemlich sicher würden auch Schmähungen gegen Hopp und andere Funktionäre zunehmen und noch heftiger ausfallen, wenn sie stärker unter Strafe gestellt werden würden.

Banner der Kölner gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp
DPA

Banner der Kölner gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp

Das soll kein Plädoyer für Anarchie in der Kurve sein. Doch es ist wichtig, die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Und Spiele mit Zehntausenden Zuschauern wegen einzelner geschmackloser Plakate oder Gesänge abzubrechen oder möglicherweise die Polizei in den Fanblock zu schicken und damit Ausschreitungen und Verletzte zu riskieren, ist nicht verhältnismäßig.

Der zweite Grund ist prinzipieller Natur. Funktionäre und Verbände müssen Kritik aushalten können, sie müssen damit leben, wenn die Kundschaft in der Kurve unzufrieden ist oder andere Vorstellungen davon hat, wie ein Fußballverein funktionieren sollte. Das Recht auf Meinungsäußerung gilt auch im Stadion. Niemand muss die verbissene Abneigung einiger Fans gegen Hoffenheim oder RB Leipzig teilen oder der Auffassung sein, dass dem DFB mit "Krieg" zu begegnen ist. Doch der Fußball sollte souverän genug sein, mit dieser Kritik, auch mit diesen Provokationen umzugehen.

Allerdings sollten auch die Fans die Wahl ihrer Mittel hinterfragen. Natürlich, es bedarf einer gewissen Lautstärke, um gehört zu werden, außerdem ist die Fankurve kein Literaturklub. Doch die in vielen deutschen Stadien gängige und in Köln mit entsprechenden Bannern hinterlegte "Sohn einer Hure"-Rhetorik ist blanker Sexismus, der sich nicht rechtfertigen lässt - auch nicht damit, dass es im Stadion nun einmal rauer zugehe. Auch rassistische und homophobe Beleidigungen haben in den vergangenen Jahren beim Fußball abgenommen, und das aus sehr guten Gründen.

Das ist allerdings nicht in erster Linie durch Strafen und Verbote passiert, sondern durch eine Art Zivilisierung der Kurven aus sich selbst heraus, durch Reflexion und Aufklärung, woran an vielen Standorten Ultras maßgeblich beteiligt waren. Es wäre wünschenswert, dass sich in Fankurven die Erkenntnis durchsetzt, dass man kritisieren und auch provozieren kann, ohne zu diskriminieren.



insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
leutzscher 06.11.2017
1. Der Autor irrt
Was sich Ultras sagen lassen wollen oder nicht, ist nicht relevant. Das Stadion ist kein rechtsfreier Raum. Straftaten, die solche Plakate darstellen, müssen nicht geduldet werden. Die richtige Antwort gab es ohnehin auf dem Platz.
noalk 06.11.2017
2. Mein Vorschlag:
Die Medien mögen darauf verzichten, Vorfälle aus der fußballerischen Pöbel-Kategorie als Sau durch die Dörfer zu treiben. Einfach ignorieren, in Bild und Ton.
julian0922 06.11.2017
3. Der Herr Hopp.....
....sollte mal seine Geschaeftsgebahren offenlegen, ob er da auch so zartfuehlig war. Das ist keine Entschuldigung fuer das Benehmen einiger Fans, aber wenn er im Fussball seinen Platz haben moechte, dann sollte er ueber den unflaetigen Kundgebungen stehen, oder halt auf Hallen-Halma ausweichen! Noch was zum Artikel, das Thema Sexismus ufert mittlerweile etwas aus. Wenn da nicht aufgepasst wird, wird demnaechst ein harmloses Kompliment an eine Frau oder sogar Partner, als Sexismus aufgebauscht. Also alle Maenner, bitte Mund halten, kein Wort sagen denn bald ist jedes Wort ausser "ja mach ich" Sexismus! Maenner emanzipiert euch!!! Und wer dieses Anti-Hopp Poster als Sexismus sieht, nee du, absolut nicht, eine absolute Beleidigung, aber kein Sexismus!
Philskow 06.11.2017
4. Richtige Kategorie?
Mir ist nicht ganz klar, inwieweit die hier zitierte Beleidigung sexistisch sein soll. Allgemein aber ein guter Kommentar, finde ich.
lancerfoto 06.11.2017
5. Der Artikel ist de facto ...
ein Freibrief für übelste Beleidigungen, Volksverhetzung, Morddrohungen und was weiß ich nicht noch alles. Diese Vergehen sind Straftatssachverhalte und keinesfalls mit einer "Literaturklub-Vokabel" abzutun.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.