Russland und die WM-Vergabe Der Agent, der zu viel wissen könnte

Christopher Steele hat das umstrittene Dossier über Donald Trump verfasst. Nun fürchtet der britische Ex-Agent die Rache Putins - er recherchierte auch hochbrisante Informationen über die WM-Vergabe an Russland.

WM-Vergabe 2010, unter anderem mit dem damaligen Fifa-Präsidenten Sepp Blatter (Mitte)
REUTERS

WM-Vergabe 2010, unter anderem mit dem damaligen Fifa-Präsidenten Sepp Blatter (Mitte)

Ein Report von


Seine Furcht hat Christopher Steele nie verheimlicht, im Gegenteil: Seine Gesprächspartner hat der Brite stets über die Gefahren unterrichtet. Steele, ein ehemaliger Agent für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6, kannte die Gefahr, in der er sich permanent befand.

Nachdem Steeles Name in der vergangenen Woche als Urheber des Trump-Dossiers öffentlich wurde, ist er abgetaucht. Er fürchtet die Rache des zukünftigen US-Präsidenten - aber vor allem die Rache Russlands. Denn aus dem Reich des ehemaligen KGB-Agenten und zwischenzeitlichen Geheimdienstchefs Wladimir Putin droht Steele gleich doppelt Ärger. Es geht zum einen um das weltpolitisch hochbrisante Dossier, das Russland massiv geschadet hat.

Und es geht um Fußball.

Mit seiner Firma "Orbis Business Intelligence Ltd." hat Christopher Steele nicht nur der amerikanischen Bundespolizei FBI zugearbeitet, er dürfte im Laufe der Jahre auch die besten Informationen zur spannenden Frage gesammelt haben, wie Russland an die WM 2018 gekommen ist. Ein Thema, das seit dem 2. Dezember 2010 die Sportwelt in Atem hält, als sich das Fifa-Exekutivkomitee unter anrüchigen Bedingungen für Russland und für Katar (WM 2022) entschied.

An jenem 2. Dezember 2010, wenige Stunden nach der Entscheidung, landete Wladimir Putin in Zürich und gab kurz darauf eine bizarre Pressekonferenz. Als Putin, damals zwischenzeitlich Ministerpräsident, nach einer Weile anmerkte, er gehe davon aus, dass der Milliardär Roman Abramowitsch den russischen WM-Plan weiter unterstütze, zuckte Abramowitsch in seinem Stuhl mitten unter den Journalisten sichtbar zusammen und ging in Habachtstellung.

Ein wirtschaftlicher Deal zwischen Katar und Russland

Glaubt man den Erkenntnissen von Christopher Steele, dann haben die Verpflichtung Abramowitschs und anderer Oligarchen sowie die engere Einbindung des Gazprom-Konzerns den Ausschlag für die WM in Russland gegeben. Putin habe dies erst spät im Sommer 2010 angeordnet, weil er eine peinliche Niederlage der Bewerbung fürchtete. Zur WM 2010 in Südafrika tauchte dann Abramowitsch erstmals in Fifa-Kreisen auf, notierten Steele und andere Agenten in einem geheim gehaltenen Dossier des englischen Bewerbungskomitees.

Steele widmete sich ausdauernd der Frage, wie Putin und der damalige Emir von Katar Hamad Bin Khalifa Al-Thani (Vater des heutigen Emirs Tamim Bin Hamad Al-Thani) nicht nur den Mega-Deal zur Erschließung gigantischer Gasvorräte auf der sibirischen Jamal-Halbinsel schlossen, sondern bei der Gelegenheit eine WM-Allianz zwischen Russland und Katar schmiedeten. Mit beteiligt war der Jugendfreund von Alt-Emir Hamad, der Multimillionär Mohamed Bin Hammam, langjähriges Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees und inzwischen wegen Korruption lebenslang gesperrt.

Das alles liest sich wie ein Agententhriller. Und ist es auch.

"Russia" - Blatter zieht den WM-Gastgeber 2018
REUTERS

"Russia" - Blatter zieht den WM-Gastgeber 2018

Die Doppelvergabe für die Weltmeisterschaften 2018/2022 sprengte alle Dimensionen halbseidener Geschäfte und fragwürdiger Absprachen in der Welt der ohnehin an Skandalen reichen Fifa - und sie schuf ein lukratives Betätigungsfeld für Geheimdienste und Firmen, die sich dem Bereich der sogenannten Business Intelligence verschrieben haben. Die meisten dieser Unternehmen wurden von ranghohen ehemaligen Geheimdienstlern gegründet (MI6, CIA, NSA, es ist alles dabei) und verkaufen das, was sie Informationen nennen, auf eigene Rechnung an Konzerne und Staaten - oder eben WM-Bewerber.

Geheimdienstliche Maßnahmen

In der verschwiegenen Branche werden für die Beauftragung meist verschachtelte Konstrukte gewählt. So arbeitete Orbis, die 2009 gegründete Firma von Steele, am Trump-Dossier zunächst im Auftrag des Washingtoner Unternehmens Fusion GPS. Die Subunternehmer kennen die eigentlichen Auftraggeber nur selten und geben ihrerseits Aufträge auf verschiedenen Ebenen weiter. Alle Informationen fließen nur beim Vertragspartner des Auftraggebers zusammen. Steele will seine Recherchen zu Trump auf eigene Faust fortgesetzt haben.

Bei den Fifa-Recherchen war Orbis vom englischen WM-Bewerbungskomitee neben anderen Auftragnehmern wie der Hakluyt & Company verpflichtet worden. Hakluyt ist ebenfalls mit ehemaligen ranghohen MI6-Leuten besetzt. Dem WM-Bewerbungskomitee sagte Hakluyt Wochen vor der Fifa-Entscheidung korrekt vorher, dass man nur mit zwei oder drei von zwei Dutzend Stimmen rechnen dürfe. Tatsächlich erhielt England zwei Stimmen und flog in der ersten Runde raus. Derlei Details wurden seit 2011 in Fifa-Anhörungen des Sportkomitees im britischen Unterhaus verhandelt und sind dort bestens dokumentiert.

Geheimdienstliche Maßnahmen wurden 2009 unmittelbar nach der Gründung des englischen WM-Bewerbungskomitees eingeleitet, um Material über die acht anderen Bewerbernationen zu sammeln - und weil man fürchtete, von den Russen ausspioniert zu werden. Das Komitee verpflichtete private Sicherheitsfirmen für den physischen Schutz und um den elektronischen Geschäftsverkehr abzusichern und ging zur Gegenspionage über. Zur Informationsbeschaffung bediente man sich des weltweiten Netzwerks der britischen Botschaften. Letzteres ist ein relativ normaler Vorgang, während der deutschen Bewerbung für die WM 2006 lief das ähnlich, koordiniert über das Auswärtige Amt. Über die britischen Botschaften waren die Bewerber in der Lage, Informationen des Auslandsgeheimdienstes abzugreifen. Parallel dazu betrieben Hakluyt und Orbis ihre Recherchen.

Lord Coe mit brisanten Ratschlägen

Gemäß Aussagen hochrangiger Mitarbeiter aus dem Bewerbungskomitee und aus Regierungskreisen hat man damals den Rat von Sebastian Coe befolgt. Lord Coe, einst Cheforganisator der Olympischen Spiele 2012 und heute Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, habe berichtet, derlei Maßnahmen seien ein entscheidendes Element für die erfolgreiche Londoner Olympiabewerbung gewesen. So steht es in den Dokumenten des Unterhauses, vorgelegt unter anderem von Journalisten der "Sunday Times", deren Quelle Christopher Steele nun enttarnt wurde.

Es gibt weitere Quellen und Whistleblower. So bestätigte ein hochrangiger Mitarbeiter des WM-Bewerbungskomitees die Ratschläge von Lord Coe, der 2009 als Chef der Fifa-Ethikkommission agierte. Coe habe gewarnt, nur ein "inneres Heiligtum" von wenigen Personen dürfte Kenntnis von derlei geheimdienstlichen Operationen haben. Die Ermittlungen seien fortan von Sponsoren des WM-Bewerbungskomitees bezahlt worden. Die Kosten tauchen deshalb in den offiziellen Finanzplänen nicht auf. Rechercheergebnisse wurden verschlüsselt gespeichert und sowohl dem Parlament als auch einer Untersuchungskommission verheimlicht, die schon im Mai 2011 tätig war. Der englische Verband (FA) hat bei mehreren Anhörungen die Existenz des Dossiers verschwiegen.

Einige der privaten Ermittler, wie Christopher Steele, setzten ihre Arbeit bis weit ins Jahr 2011 hinein fort, mindestens ein halbes Jahr nach den WM-Vergaben. Wurden die Untiefen des Fifa-Business lange Jahre nur von wenigen Journalisten weltweit ausgelotet, so agierten nun zahlreiche Agenten, Firmen, Abenteurer und Geheimdienste in dieser Parallelwelt und versuchten, brisante Belege für Korruption nicht nur bei den WM-Entscheidungen aufzuspüren.

Halbseidene Typen

Zu den Informationsbrokern und Ermittlern zählten halbwegs seriöse Personen, soweit man in diesem Milieu von Seriosität sprechen kann - etwa der frühere FBI-Direktor Louis Freeh, dessen Firma FGIS mit der Aufklärung von Korruptionsumtrieben im nordamerikanischen Kontinentalverband Concacaf beauftragt war. Es tummelten sich aber auch viele halbseidene Typen am Markt: So verlangte ein Europäer eine Million Euro, um angeblich die Kontobewegungen von einem Dutzend Fifa-Manager und Exekutivmitglieder in der Schweiz zu dokumentieren. Andere Gruppierungen wollten insgesamt zehn Millionen Dollar, um Fifa-Präsident Blatter zu Fall zu bringen und dessen dunkle Verbindungen nach Katar zu belegen. Letzteres bleibt unbelegt.

Verkompliziert wurde diese Gemengelage durch eben diese Aktivitäten von Ermittlungsbehörden, vor allem in den USA und in der Schweiz. Männer vom Fach mit Kontakten wie Steele wussten das auszunutzen und betätigten sich als Zulieferer für das FBI oder die Steuerbehörde IRS. Ausgangspunkt dieser Ermittlungen waren gemäß Aussagen von IRS- und FBI-Leuten die Enthüllungen des englischen Journalisten Andrew Jennings, der die FBI-Abgesandten 2010 etwa zeitgleich zu Steele in London traf.

Zahlreiche Firmen, besetzt mit Top-Leuten vor allem angelsächsischer und amerikanischer Geheimdienste, versuchten ab 2010/2011 echte oder vermeintliche Erkenntnisse an den Meistbietenden zu verkaufen. Es gibt einige Hinweise darauf, dass Russland und Katar brisantes Material mit hohen Millionenzahlungen vom Markt genommen haben könnten. Steele und andere Ex-Spione haben stets betont, dass vor allem die Russen extrem aktiv gewesen sein sollen. Deren Geheimdienste FSB (Inland) und SWR (Auslandsspionage) sollen in die WM-Bewerbung involviert und noch lange nach der Entscheidung aktiv gewesen sein, um Spuren zu verwischen.

Anmerkung der Redaktion: Hakluyt hat uns darauf hingewiesen, dass Orbis nicht von Hakluyt als Subunternehmer beauftragt wurde und dass Orbis und Hakluyt in keinem Projekt zusammengearbeitet haben. Wir haben die entsprechende Stelle geändert und bitten die Ungenauigkeit zu entschuldigen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Abseitsfalle 16.01.2017
1. Das hätte sich Titanic 2006 nicht träumen lassen
Was hat sich Kaiser Franz damals über die Titanic-Aktion aufgeregt (https://de.wikipedia.org/wiki/Wie_Titanic_einmal_die_Fußball-WM_2006_nach_Deutschland_holte). Das Leben schreibt die besseren Satiren.
Gauswadl 16.01.2017
2. Psychotischer Hass als Grundlage von Irrationalität
"das umstrittene Dossier über Donald Trump" Und was hat nun ein Artikel über die Korruption in der Fussball-WM-Vergabe mit Trump zu tun? Der war nie Fussballfunktionär. Ähnlich wie Putin. Ihr versucht ziemlich waghalsige Zusammenhänge zu konstruieren. Wie man sie auch aus psychiatrischen Kliniken von den Patienten in deren Scheinwirklichkeit kennt. Eine neue Art der Artikelgestaltung. "Journalisten" holen einen verfaulten Knochen raus und hofft, dass die Leser -diese Deppen- anbeissen.
JDR 17.01.2017
3.
Nun, Vorsicht ist wohl immer angebracht, wenn man sich in diesen Kreisen bewegt. Allerdings könnte das Verschwinden des Mannes auch nicht ausschließlich seinem Selbstschutz dienen. Möglicherweise sorgt man sich in nicht erheblichem Maße darum, dass Quellen gefährdet sein könnten. Es gibt ja durchaus Hinweise, dass solche geschützt werden sollen. Übrigens könnte es sein, dass er nicht der erste ist, welcher sich Sorgen wegen der Trump-Putin Beziehung machen muss. Wenn Edward Snowden z.B. keinen Mehrwert für Valdimir Vladimirovich darstellt, könnte er ihn seinem neuen Kumpel quasi schenken. Natürlich müsste der ihm versprechen, dass Snowden nicht die Todesstrafe bekommt. Putin sorgt sich schließlich um die Menschenrechte in den Vereinigten Staaten von Amerika. Obwohl solch eine Maßnahme keineswegs sicher ist, wäre sie für den Mann im Kreml eine großartige Gelegenheit, sich beim neuen Mann im Weißen Haus einen Gefallen zu sichern und gleichzeitig gegen Obama nachzutreten. "Seht her, was Trump mit einem Anruf schafft, wo sein Vorgänger so kläglich - und öffentlich - gescheitert ist." Es hätte ein bisschen was von Carter und Reagan.
hansriedl 17.01.2017
4. Christopher Steele
Steele, ein ehemaliger Agent für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6. War es nicht dieser Agent, der die FAKE Bilder aus Aleppo mit den kleinen Mädchen, das nach einen Angriff Assads Flugzeuge mit bloßen Händen aus den Schutt ausgegraben wurde, in alle Welt gelangten. Pech nur, das einer der Retter als al-Nusra Mitglied auf dem Foto erkannt wurde. Pech auch, das diese Bilder zwecks FAKE News schon Tage vorher gemacht wurden, wie auch andere Nachrichten, für die sich dieser Agent sich fürstliche bezahlen lies.
Kiwimann 17.01.2017
5. Das ist es !?
"...und verkaufen das, was sie Informationen nennen, auf eigene Rechnung an Konzerne und Staaten - oder eben WM-Bewerber."
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.