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Doping: DFB-Arzt misst auffällig hohe Blutwerte bei Fußballprofis

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DFB-Betreuer-Stab von 2006, Teamarzt Meyer (2.v.r.): "Fußballspezifische Normwerte" Zur Großansicht
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DFB-Betreuer-Stab von 2006, Teamarzt Meyer (2.v.r.): "Fußballspezifische Normwerte"

Blutdoping im Fußball? Kein Thema! Das ist die Position des DFB. Doch jetzt deuten die Ergebnisse einer Studie des Nationalteamarzts auf Manipulationen hin: Bei Profis wurden in der Saison 2008/2009 auffällig hohe Blutwerte festgestellt.

Die verdächtigen Blutwerte tauchen in einer Studie von Tim Meyer, dem Teamarzt der deutschen Fußballnationalmannschaft, aus dem Jahr 2011 auf. Diese wissenschaftliche Untersuchung wurde bislang nur in medizinischen Datenbanken veröffentlicht und kann von der breiten Öffentlichkeit nicht sofort eingesehen werden. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat zu den Studienergebnissen bislang keine Nachforschungen angestellt und öffentlich weiter argumentiert, Blutdoping sei im deutschen Fußball kein Thema. Das darf nun zumindest angezweifelt werden.

Denn die Werte sind außergewöhnlich hoch: Hämoglobin bis zu 18,5 Gramm pro Deziliter, Hämatokrit bis zu 54,9 Prozent. In vielen Ausdauersportarten gibt es Grenzwerte für diese Blutparameter, oft liegen diese bei 17 Gramm für Hämoglobin und 50 Prozent für Hämatokrit. Bei den Weltverbänden im Radsport, Triathlon und der Leichtathletik führt ein Wert darüber zu Konsequenzen wie weiteren Untersuchungen oder Schutzsperren.

DFB-Teamarzt Meyer und sein Co-Autor Steffen Meister haben in der Saison 2008/2009 die Blutwerte von 532 Spielern im deutschen Profifußball untersucht. Viermal haben die Wissenschaftler Proben genommen: vor Saisonstart, im Herbst, im Winter und im Frühjahr. Die Werte von 467 Profifußballern sind in die Studie eingegangen. SPIEGEL ONLINE liegen die Zusammenfassung der Untersuchung und Steffen Meisters Dissertation zum Thema vor. Die Werte sind vollständig anonymisiert, auf Nachfrage wollten weder der DFB noch die beteiligten Vereine nähere Angaben machen.

Meyer und Meister untersuchten die Veränderung von Blutwerten bei Trainings- und Wettkampfbelastungen, um nach eigenen Angaben "fußballspezifische Normwerte" ableiten zu können. Bei der Untersuchung stellten sich zahlreiche Spieler aus 17 Vereinen der beiden höchsten deutschen Ligen zur Verfügung, dazu ein Verein aus der damals neu gegründeten 3. Liga.

Spieler gaben vier Proben über die Saison ab

Die Vereine nahmen freiwillig an der Studie teil, und auch die einzelnen Spieler konnten sich gegen eine Teilnahme entscheiden. Dazu war den Spielern klar, wann die Werte genommen werden, und sie gaben maximal vier Proben in der ganzen Saison. Theoretisch hätte sich jeder Spieler nach eigenem Ermessen aus der Studie zurückziehen können. Dennoch wurden bei sechs Profis vor dem Saisonauftakt und zwei Spielern im Herbst der Saison "Hämatokritwerte von über 50 Prozent" gemessen. Zudem seien "Hämoglobinerhöhungen von über 17 Gramm pro Deziliter" bei insgesamt neun Proben festgestellt worden.

Steffen Meister zitiert in seiner Dissertation selbst verschiedene "fußballspezifische Referenzbereiche", deren maximale Grenze im Hämatokrit bei 50 Prozent liege. Dopingforscher Perikles Simon sagt, Werte im Hämoglobin über 18 und im Hämatokrit über 52 seien "sehr, sehr hoch". Demnach seien solche Werte "klinisch relevant und weiter kontrollbedürftig, oder es würde Doping bei einem im Kern gesunden Profi zumindest nahelegen".

Nach einer Anfrage von SPIEGEL ONLINE an zahlreiche aktuelle und ehemalige Bundesliga-Vereine verschickte DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig am Donnerstag eine Mail an alle Clubs. Darin zitiert er eine Einordnung von Tim Meyer, in der der DFB-Teamarzt versichert, dass es bei der Untersuchung keinesfalls um die Frage gegangen sei, ob Dopingauffälligkeiten bestanden hätten. Deshalb seien bestimmte - für Doping relevante - Parameter wie die Retikulozytenkonzentration nicht erfasst worden.

"Im Nachhinein lässt sich nichts mehr bestimmen, und das wäre auch durch die Zustimmung der Spieler nicht abgedeckt", wird Meyer in der Erkärung zitiert, die sich wie eine vorgefertigte Antwort für die Clubs auf unangenehme Fragen liest.

Dopingexperte Sörgel kritisiert DFB

Meyer argumentiert in diesem Schreiben, dass die Anzahl der gefundenen Werte normale Abweichungen seien und sich kein Hinweis auf Epo-Doping finden würde. Das ist grundsätzlich richtig: Aus hohen Werten lässt sich nicht automatisch Doping ableiten. Dopingexperte Fritz Sörgel hält das Vorgehen des DFB trotzdem für fragwürdig. "Bei solchen abweichenden Werten ist der Sportler zusammen mit dem Teamarzt in der Beweispflicht, dass das eine genetische Abnormalität und kein Doping ist", sagt Sörgel. "Warum sollte der Fußball hier eine Ausnahme sein? Bei solchen Werten gibt es in anderen Sportarten nicht mehr viel zu diskutieren."

Sogar DFB-Arzt Meyer selbst schreibt in seiner Studie von 2011, dass die Werte auf den Gebrauch von Epo oder Blutdoping hinweisen können. Trotzdem ist den Werten bis heute niemand nachgegangen, sie wurden weder öffentlich gemacht noch an die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) zur Registrierung weitergegeben. Die Nada äußerte sich am Donnerstag noch nicht auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Der DFB spielt das Thema Doping im Fußball seit Jahren herunter. Immer wieder argumentieren Verantwortliche, Fußball sei kein Ausdauersport, es gäbe keine Hinweise auf Epo- oder Blutdoping. Auch Meyer sagte SPIEGEL ONLINE zuletzt: "Die Urinproben sind nach wie vor die Basis der Dopingkontrollen. Das gilt im Fußball wahrscheinlich noch mehr als in manchen Ausdauersportarten."

Diese Argumentation steht nun in einem anderen Licht. Dopingexperte und Sportmediziner Simon hält die gemessenen Werte für bemerkenswert: "Ich habe höhere Werte schon mal bei Personen gesehen, die nicht gedopt waren, aber sich dafür vier Wochen in der Höhe aufgehalten haben oder erkrankt gewesen sind."

Unsere Autoren recherchieren regelmäßig zum Thema Doping im Fußball. Sie betreiben die Seite fussballdoping.de.

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insgesamt 114 Beiträge
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1. Saison 08/09?
seelchen 30.08.2013
5 Jahre alte Ergebnisse werden jetzt veröffentlicht?
2. Fussball keine Ausdauersportart?
sonnwende 30.08.2013
Die Fußballspieler laufen 11km pro Spiel und dazu noch mit erheblichen Tempo- und Richtungsänderungen. Dazu noch Spiele nicht selten zweimal pro Woche sowie umfangreiche Trainingseinheiten, auch in Sachen Kondition. Sogar im Urlaub wird neuerdings Trainingsleistung eingefordert. Also wenn das mal keine Ausdauersportart sein soll, dann weiß ich auch nicht!
3.
uzsjgb 30.08.2013
Zitat von seelchen5 Jahre alte Ergebnisse werden jetzt veröffentlicht?
Nein, sie wurden nicht veröffentlicht. Das geht aus dem Artikel hervor.
4. optional
xxbigj 30.08.2013
Diese Herren die jetzt sagen das es kein Doping gibt und dafür gerade stehen, sollten die Namen aufgeschrieben werden damit sich die Verantwortlichen wie so oft nicht aus der Affäre ziehen können! Angemessene Gefägnissstrafen und Aufrichtige Entschuldigungen das wird zwangsläufig nicht ausbleiben!
5.
fussball11 30.08.2013
In Tim Meyers Studie tauchen also verdächtige Blutwerte bei deutschen Nationalspielern auf und im nächsten Bericht behauptet der gleiche Mann Fußball wäre keine Doping gefährdete Sportart. Da wird doch offensichtlich das der Mann lügt, dieser Sportarzt der deutschen Nationalmannschaft. Fehlt nur noch das Meyer Vofelder sagt er sei durch klares Wasser so jung aussehend geblieben :-)
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Doping: Auch der Westen machte mit

Kampf gegen Doping
Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada)
Am 10. November 1999 wurde auf Initiative des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die unabhängige Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in Lausanne gegründet. Zusammen mit den nationalen NOKs und staatlichen Organisationen will die Wada die internationale Dopingbekämpfung fördern und einheitliche Standards für Kontrollen in allen Ländern schaffen. Das Anti-Doping-Programm der Wada wurde im März 2003 von allen Delegierten der internationalen Sportverbände, der Regierungen und dem IOC auf der Welt-Anti-Doping-Konferenz in Kopenhagen angenommen. Der Welt-Anti-Doping-Codex löste im darauffolgenden Jahr den Anti-Doping-Code der Olympischen Bewegung ab und gilt seit den Spielen in Athen 2004 auch für die Olympischen Spiele.
Welt-Anti-Doping-Programm
Der Welt-Anti-Doping-Codex löste 2004 den Anti-Doping-Code der Olympischen Bewegung ab und gilt seit den Spielen in Athen im selben Jahr auch für die Olympischen Spiele. Das Programm besteht aus drei Ebenen: 1. Welt-Anti-Doping-Code (WADC), 2. Vier Internationale Standards, 3. Erarbeitungen von Empfehlungen für die bestmögliche praktische Umsetzung durch Anti-Doping-Organisationen und Verbände.
Welt-Anti-Doping-Code (WADC)
Der Welt-Anti-Doping-Code wurde erstmalig im Jahre 2003 verabschiedet und ist das Basisdokument des Welt-Anti-Doping-Programms. 2004 traten das Programm und der Codex in Kraft. Der überarbeitete Welt-Anti-Doping-Code ist seit dem 1. Januar 2009 gültig. Er vereinheitlicht Regeln und Verfahren, die bisher von Land zu Land und von Sportart zu Sportart verschieden waren und regelt die Verantwortlichkeiten der einzelnen Interessengruppen. Der Code stellt keine Definition des Dopings mehr auf, sondern bezeichnet Doping als einen Verstoß gegen nachfolgende Bestimmungen: Nachweis oder Gebrauch einer verbotenen Substanz oder Methode, Verweigerung einer Dopingkontrolle und Verletzung der Informationspflicht über den Aufenthaltsort sowie Verfälschung einer Dopingkontrolle und Besitz oder Handel von Substanzen durch einen Athleten oder sein Umfeld.
Internationale Standards
Sie ergänzen die Anforderungen des Codes durch nähere Beschreibungen und sollen dazu beitragen, national übergreifend einheitliche Formen für die Anti-Doping-Arbeit zu schaffen. Dies betrifft insbesondere die Dopingliste, die Dopingkontrolle Dopinglabors und Ausnahmebewilligungen für Medikamente.
Verbotene Substanzen
Die Dopingliste gilt weltweit und wird durch eine spezielle Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erstellt. Sie wird jedes Jahr erneuert und tritt jeweils am 1. Januar in Kraft. Auf der Liste werden nur Wirkstoffe und Methoden veröffentlicht, die mindestens zwei von drei Kriterien entsprechen: Gemäß medizinischen oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen hat der Wirkstoff oder die Methode das Potential zur Leistungssteigerung im Sport. Gemäß medizinischen oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen besitzt der Wirkstoff oder die Methode ein aktuelles oder potentielles Gesundheitsrisiko. Gemäß Wada verstößt die Anwendung des Wirkstoffs oder der Methode gegen die Ethik im Sport. Zu den verbotenen Substanzklassen, die teilweise ganz oder nur im Wettkampf verboten sind, gehören: 1. Alkohol, 2. Anabolika , 3. Antiöstrogene , 4. Beta-2-Agonisten , 5. Betablocker , 6. Cannabinoide (Cannabis, Haschisch, Marihuana) , 7. Glucocorticoide , 8. Hormone , 9. Maskierende Substanzen und Diuretika , 10. Narkotika , 11. Stimulanzien . Für Alkohol und Betablocker gibt es in einigen Sportarten Ausnahmen, sie werden nicht von allen internationalen Sportverbänden verboten.
Verbotene Methoden
Seit dem 1. Januar 2003 werden die verbotenen Dopingmethoden genauer beschrieben und in drei Kategorien unterteilt: 1. Erhöhung der Transportkapazität für Sauerstoff ( Blutdoping ), 2. chemische und physikalische Manipulation, 3. Gendoping . Die Anwendung verbotener Methoden ist innnerhalb als auch außerhalb des Wettkampfs verboten.
Kontrollregularien

Für Athletinnen und Athleten bestehen je nach Leistungsniveau unterschiedliche Bestimmungen zu der obligatorischen Meldepflicht. Die Ein-Stunden-Regelung verpflichtet bestimmte Athleten für jeden Tag eine Stunde zu benennen, in der sie für eine mögliche Dopingkontrolle zur Verfügung stehen. Die genaue Stunde muss jeweils am Ende eines Quartals für die nächsten drei Monate im Voraus benannt werden, darf aber innerhalb von 24 Stunden verändert und aktualisiert werden. Wird der Athlet in dieser Stunde vom Kontrolleur nicht am benannten Ort angetroffen, wird ein sogenannter Strike für das Kontrollversäumnis ausgesprochen. Wenn ein Sportler innerhalb von 18 Monaten drei Verwarnungen kassiert hat, muss er mit einer Sperre von bis zu zwei Jahren rechnen. Strikes von verschiedenen Organisationen ( Wada , Nada sowie zuständigem internationalem Verband) werden addiert.

Die Ein-Stunden-Regelung wird durch die Angabe von Aufenthaltsdaten zum Ende eines Quartals für jeden Tag der darauffolgenden drei Monate ergänzt. Wird ein Athlet bei einer Stichprobe nicht am angegebenen Ort angetroffen, kann ebenfalls ein Strike erteilt werden. Mannschaftssportler aus gering gefährdeten Sportarten werden in Mannschafts-Whereabouts getestet. Dafür melden die Vereine der Nada die Trainingspläne der Mannschaft.

Aufgrund des seit Beginn 2009 gültigen neuen Nada-Codes werden Athleten je nach Risikobewertung der Agentur für Doping in drei unterschiedliche Testpools eingeordnet und unterliegen verschiedenen Meldepflichten: Im International Registered Testing Pool (RTP) sind rund 1400 Athleten zusammengefasst, zu denen A-Kader und A-Nationalteams der Sportarten der Gefährdungsstufe I gehören. Sie müssen nicht nur bis zum 25. des Vormonats Angaben über Aufenthaltsort und Erreichbarkeit für ein Quartal machen, sondern auch die Ein-Stunden-Regelung beachten. Im Nationalen Testpool (NTP) für Kader-Athleten der Gefährdungsstufe II und III gilt diese Regel nicht. Alle anderen Athleten werden im Allgemeinen Testpool (ATP) zusammengefasst.


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