Doping: Der blinde Fleck im Profifußball

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Doping: Auch der Westen machte mit Fotos
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Doping war und ist ein Tabuthema im Profifußball. Doch nach den neuesten Enthüllungen wird einmal mehr deutlich: Verbotene Substanzen kamen in dem Millionengeschäft über viele Jahre zum Einsatz. Noch immer tut sich der DFB schwer mit der Ausweitung von Kontrollen.

Kolo Touré, Deco, Edgar Davids, Rio Ferdinand, Ebi Smolarek, Adrian Mutu, Josep Guardiola, Christophe Dugarry, Angelo Peruzzi, Marko Rehmer, Diego Maradona.

Elf Spieler aus elf Nationen. Allesamt trugen sie das Nationaltrikot ihres Landes. In dieser Konstellation könnten sie bei einem Benefizspiel zusammen auftreten, doch sie verbindet eine weitere Gemeinsamkeit: Sie alle mussten sich nach positiven Dopingtests erklären. Die meisten von ihnen wurden anschließend gesperrt.

Elf Namen, die exemplarisch für etwas stehen, was der organisierte Fußballsport nur ungern thematisiert: Auch im Fußball werden Leistungen mit verbotenen Substanzen und Methoden manipuliert. Gerade im Geschäft der Millionäre muss das Mannschaftskonstrukt 90 Minuten funktionieren. Ein einziges verlorenes Laufduell kann über Sieg oder Niederlage entscheiden.

"Es gibt überhaupt keine Hinweise, dass es systematisches Doping gibt", wiederholt der Chef-Mediziner der Fífa, Jiri Dvorak, auf SPIEGEL ONLINE eine Aussage, die zu einem seiner Leitsätze in den vergangenen 20 Jahren im Weltfußballverband geworden ist. Als Fifa-Chefmediziner musste er sich jüngst aber häufiger zu Doping im Fußball äußern, als er es aus vergangenen Sommerpausen gewohnt ist - nicht nur wegen des französischen Senatsberichts zu Doping in den Jahren 1998/1999 und des Abschlussberichts der Studie der Humboldt-Universität.

Fifa bemüht sich um offensive Doping-Kommunikation

Zuletzt berichtete die Fifa von möglichen Dopingvergehen aus Jamaika und Tahiti. In dieser Woche legte sie mit einer weiteren Meldung nach: Als Reaktion auf die Dopingschlagzeilen aus der Türkei ließ die Fifa 600 Urinproben des türkischen Fußballverbandes auf anabole Steroide nachuntersuchen. "Alle negativ", verkündigt Dvorak. Der Mediziner schließt daraus: "Ich kann mit gutem Gewissen sagen, den türkischen Fußball betrifft diese Geschichte nicht."

Kleine Fische werden gefangen, Nachtests durchgeführt: Die Fifa kommuniziert in diesen Tagen offensiv eigene Anti-Doping-Maßnahmen. Eine Reaktion auf die Kritik der vergangenen Tage?

Nach den nachträglich positiv auf Epo getesteten Radsportlern der Tour de France 1998 und 1999 musste sich der Fußball-Weltverband - dessen Proben nur drei Monate nach der WM 1998 zerstört wurden - ausgerechnet im Vergleich mit dem Radsport Kritik gefallen lassen. Es sei alles "nach Protokoll" der damals für alle Sportverbände gültigen Bestimmungen gelaufen, verteidigt Dvorak das rund 15 Jahre zurückliegende Vorgehen.

Auch in den Folgejahren folgte die Fifa dem Zerstörzyklus von drei Monaten. Erst seit der Fifa-Club-Weltmeisterschaft 2011 in Japan werden die Kontrollproben für mögliche Nachtests gespeichert. Messi und Neymar seien laut Dvorak bereits erfasst. Aus den Blut- und Urinwerten der neuen Teamkollegen des FC Barcelona ergeben sich demnach die Parameter, aus denen das neue biologische Profil zusammengesetzt wird. Die Theorie: In Zukunft sollen stark schwankende Werte auf ein mögliches Dopingvergehen hindeuten. Eine neue indirekte Beweismethode, von der Fifa als Revolution im Anti-Doping Kampf zelebriert.

"Blutkontrollen zeitnah einführen"

Dopinganalytiker Wilhelm Schänzer bremst jedoch die Euphorie im Fußball, er stuft das Prozedere als "schwierig" ein. Erst "wenn regelmäßig und über einen langen Zeitraum viele Werte gesammelt werden", könne man mit den Daten etwas anfangen. Tatsächlich wird die Fifa frühestens bei der kommenden Weltmeisterschaft mit der umfassenden Sammlung von biologischen Daten beginnen. Bis allein die in Brasilien erfassten Spieler einen ersten Vergleichswert ins Profil eingetragen bekommen, werden viele weitere Monate vergehen.

Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) versuchte in der Sommerpause, für positive Schlagzeilen im Anti-Doping-Kampf zu sorgen, indem der Verband gemeinsam mit der DFL die Einführung von Blutkontrollen in der Bundesliga ankündigte. Auf eine Frage von SPIEGEL ONLINE zum genauen Startpunkt der Blutkontrollen geht der DFB in seiner Antwort aber nicht ein.

"Wir wollen Blutkontrollen im Fußball so zeitnah wie möglich einführen", antwortet die Nada auf Anfrage. Die Nationale Anti-Doping-Agentur darf in Deutschland nur außerhalb der Wettbewerbe kontrollieren. Man befinde sich "in den letzten Verhandlungen mit dem DFB" und gehe davon aus, "die Bluttests in der aktuellen Saison 2013/2014 im Profifußball" anwenden zu können, sagt die Nada. Solange das Blut der Bundesliga-Spieler nicht kontrolliert wird, bleiben zahlreiche Dopingsubstanzen- und methoden nicht nachweisbar.

Zwischen DFB und Nada wird seit vielen Monaten verhandelt. Der chronisch klammen Agentur fehlt es an Geld, um die kostenintensiven Blutkontrollen zu finanzieren. Der DFB möchte nicht mehr Gelder bereitstellen. Als wahrscheinlich gilt, dass die Nada in Zukunft zum finanziellen Ausgleich noch weniger Urinproben ansetzen wird. Bislang nahm sie nur rund 500 Trainingskontrollen pro Jahr bei geschätzten tausend Athleten.

Und so gilt auch in der neuen Spielzeit: Wenn jemand im Fußball intelligent dopen sollte, wird er wohl nicht erwischt. Dafür bleiben die Kontrollen im Fußball zu berechenbar.

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insgesamt 57 Beiträge
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1. Brot und Spiele
extrafit 07.08.2013
sind seit den Römern das wichtigste. Daher wird Doping im Fussball niemals genau kontrolliert werden, weil es politisch und journalistisch nicht erwünscht ist. Man würde dem Volk die Binde von den Augen nehmen und es nicht durch die übertriebene Fernsehübertragungen, Wiederholungen und zig Kommentatorensendungen von der Wirklichkeit ablenken können. Und hunderte von Sportjournalisten wären dann auch arbeitslos. Da sägt ja keiner am Ast auf dem er sitzt. Fußball ist nicht wie Radfahren eine Randsportart und einfach absetzbar.
2. Niersbach
passogavia 07.08.2013
Zitat Wolfgang Niersbach: Es wird im deutschen Profifussball keinen positiven Dopingfall geben !
3.
marthaimschnee 07.08.2013
Zitat von sysopGetty ImagesDoping war und ist ein Tabuthema im Profifußball. Doch nach den neuesten Enthüllungen wird einmal mehr deutlich: Verbotene Substanzen kamen in dem Millionengeschäft über viele Jahre zum Einsatz. Noch immer tut sich der DFB schwer mit der Ausweitung von Kontrollen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/doping-im-fussball-dfb-tut-sich-schwer-mit-kontrollen-a-915107.html
Genau! Was ich nicht sehen will, sehe ich nicht und dann existiert es auch nicht! Wenn man diese vorsätzliche Naivität durch Realismus ersetzt, ist vielmehr das Gegenteil der Fall. Aufgrund der Vorkommnisse in den anderen Sportarten gibt es keinen Grund zu glauben, daß im Fußball nicht systematisch gedopt würde!
4.
AhzekAhriman 07.08.2013
Na ja! Der Rekord-Meister FC.Bayern ist wohl der 1. Kandidat für ausführliche Dopingkontrollen (betrifft wahrscheinlich aber alle Spitzenmannschaften in der Bundesliga/ Europa).
5. Ich werde ...
Thorkh@n 07.08.2013
... Doping in keiner Sportart für gut befinden. Was jedoch dem Profi-Fußball lange vor dem Doping das Genick brechen kann, sind Wettmanipulationen und das Ultra-/Hooligan-Problem.
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Kampf gegen Doping
Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada)
Am 10. November 1999 wurde auf Initiative des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die unabhängige Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in Lausanne gegründet. Zusammen mit den nationalen NOKs und staatlichen Organisationen will die Wada die internationale Dopingbekämpfung fördern und einheitliche Standards für Kontrollen in allen Ländern schaffen. Das Anti-Doping-Programm der Wada wurde im März 2003 von allen Delegierten der internationalen Sportverbände, der Regierungen und dem IOC auf der Welt-Anti-Doping-Konferenz in Kopenhagen angenommen. Der Welt-Anti-Doping-Codex löste im darauffolgenden Jahr den Anti-Doping-Code der Olympischen Bewegung ab und gilt seit den Spielen in Athen 2004 auch für die Olympischen Spiele.
Welt-Anti-Doping-Programm
Der Welt-Anti-Doping-Codex löste 2004 den Anti-Doping-Code der Olympischen Bewegung ab und gilt seit den Spielen in Athen im selben Jahr auch für die Olympischen Spiele. Das Programm besteht aus drei Ebenen: 1. Welt-Anti-Doping-Code (WADC), 2. Vier Internationale Standards, 3. Erarbeitungen von Empfehlungen für die bestmögliche praktische Umsetzung durch Anti-Doping-Organisationen und Verbände.
Welt-Anti-Doping-Code (WADC)
Der Welt-Anti-Doping-Code wurde erstmalig im Jahre 2003 verabschiedet und ist das Basisdokument des Welt-Anti-Doping-Programms. 2004 traten das Programm und der Codex in Kraft. Der überarbeitete Welt-Anti-Doping-Code ist seit dem 1. Januar 2009 gültig. Er vereinheitlicht Regeln und Verfahren, die bisher von Land zu Land und von Sportart zu Sportart verschieden waren und regelt die Verantwortlichkeiten der einzelnen Interessengruppen. Der Code stellt keine Definition des Dopings mehr auf, sondern bezeichnet Doping als einen Verstoß gegen nachfolgende Bestimmungen: Nachweis oder Gebrauch einer verbotenen Substanz oder Methode, Verweigerung einer Dopingkontrolle und Verletzung der Informationspflicht über den Aufenthaltsort sowie Verfälschung einer Dopingkontrolle und Besitz oder Handel von Substanzen durch einen Athleten oder sein Umfeld.
Internationale Standards
Sie ergänzen die Anforderungen des Codes durch nähere Beschreibungen und sollen dazu beitragen, national übergreifend einheitliche Formen für die Anti-Doping-Arbeit zu schaffen. Dies betrifft insbesondere die Dopingliste, die Dopingkontrolle Dopinglabors und Ausnahmebewilligungen für Medikamente.
Verbotene Substanzen
Die Dopingliste gilt weltweit und wird durch eine spezielle Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erstellt. Sie wird jedes Jahr erneuert und tritt jeweils am 1. Januar in Kraft. Auf der Liste werden nur Wirkstoffe und Methoden veröffentlicht, die mindestens zwei von drei Kriterien entsprechen: Gemäß medizinischen oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen hat der Wirkstoff oder die Methode das Potential zur Leistungssteigerung im Sport. Gemäß medizinischen oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen besitzt der Wirkstoff oder die Methode ein aktuelles oder potentielles Gesundheitsrisiko. Gemäß Wada verstößt die Anwendung des Wirkstoffs oder der Methode gegen die Ethik im Sport. Zu den verbotenen Substanzklassen, die teilweise ganz oder nur im Wettkampf verboten sind, gehören: 1. Alkohol, 2. Anabolika , 3. Antiöstrogene , 4. Beta-2-Agonisten , 5. Betablocker , 6. Cannabinoide (Cannabis, Haschisch, Marihuana) , 7. Glucocorticoide , 8. Hormone , 9. Maskierende Substanzen und Diuretika , 10. Narkotika , 11. Stimulanzien . Für Alkohol und Betablocker gibt es in einigen Sportarten Ausnahmen, sie werden nicht von allen internationalen Sportverbänden verboten.
Verbotene Methoden
Seit dem 1. Januar 2003 werden die verbotenen Dopingmethoden genauer beschrieben und in drei Kategorien unterteilt: 1. Erhöhung der Transportkapazität für Sauerstoff ( Blutdoping ), 2. chemische und physikalische Manipulation, 3. Gendoping . Die Anwendung verbotener Methoden ist innnerhalb als auch außerhalb des Wettkampfs verboten.
Kontrollregularien

Für Athletinnen und Athleten bestehen je nach Leistungsniveau unterschiedliche Bestimmungen zu der obligatorischen Meldepflicht. Die Ein-Stunden-Regelung verpflichtet bestimmte Athleten für jeden Tag eine Stunde zu benennen, in der sie für eine mögliche Dopingkontrolle zur Verfügung stehen. Die genaue Stunde muss jeweils am Ende eines Quartals für die nächsten drei Monate im Voraus benannt werden, darf aber innerhalb von 24 Stunden verändert und aktualisiert werden. Wird der Athlet in dieser Stunde vom Kontrolleur nicht am benannten Ort angetroffen, wird ein sogenannter Strike für das Kontrollversäumnis ausgesprochen. Wenn ein Sportler innerhalb von 18 Monaten drei Verwarnungen kassiert hat, muss er mit einer Sperre von bis zu zwei Jahren rechnen. Strikes von verschiedenen Organisationen ( Wada , Nada sowie zuständigem internationalem Verband) werden addiert.

Die Ein-Stunden-Regelung wird durch die Angabe von Aufenthaltsdaten zum Ende eines Quartals für jeden Tag der darauffolgenden drei Monate ergänzt. Wird ein Athlet bei einer Stichprobe nicht am angegebenen Ort angetroffen, kann ebenfalls ein Strike erteilt werden. Mannschaftssportler aus gering gefährdeten Sportarten werden in Mannschafts-Whereabouts getestet. Dafür melden die Vereine der Nada die Trainingspläne der Mannschaft.

Aufgrund des seit Beginn 2009 gültigen neuen Nada-Codes werden Athleten je nach Risikobewertung der Agentur für Doping in drei unterschiedliche Testpools eingeordnet und unterliegen verschiedenen Meldepflichten: Im International Registered Testing Pool (RTP) sind rund 1400 Athleten zusammengefasst, zu denen A-Kader und A-Nationalteams der Sportarten der Gefährdungsstufe I gehören. Sie müssen nicht nur bis zum 25. des Vormonats Angaben über Aufenthaltsort und Erreichbarkeit für ein Quartal machen, sondern auch die Ein-Stunden-Regelung beachten. Im Nationalen Testpool (NTP) für Kader-Athleten der Gefährdungsstufe II und III gilt diese Regel nicht. Alle anderen Athleten werden im Allgemeinen Testpool (ATP) zusammengefasst.