Doping im Fußball: Die Mauer beginnt zu bröckeln

Von Jörg Schallenberg

Der bezahlte Fußball gerät zunehmend unter Dopingverdacht. Immer mehr frühere Profis und Trainer gestehen ein, von unerlaubten Mitteln gewusst zu haben. Vieles erinnert verblüffend an die Beichten im Radsport - auch der Reflex, erst mal alles abzustreiten.

Jens Lehmann weiß es, Benno Möhlmann weiß es, Peter Neururer weiß noch viel mehr. Paul Breitner und Toni Schumacher wussten ohnehin schon immer Bescheid. Nur der frühere DFB-Arzt Wilfried Kindermann will von alledem nichts wissen. Das überrascht am meisten.

Ex-Profi Breitner (1977): Schon immer Bescheid gewusst
DPA

Ex-Profi Breitner (1977): Schon immer Bescheid gewusst

Denn eines sollte nach einer ganzen Reihe von Meldungen der vergangenen Tage eigentlich klar sein: Im bezahlten Fußball in Deutschland wurde gedopt und das nicht zu knapp. Zwar hat spätestens seit Toni Schumachers Buch "Anpfiff" von 1987 kaum jemand an dieser Tatsache gezweifelt, doch überraschenderweise gelang es bislang, das Thema fast vollständig aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Weder Sportler noch Trainer noch Funktionäre oder Ärzte hatten ein Interesse daran, den Fußball zu beschädigen - und viele Medien, die gut vom Sport leben, schon gar nicht.

Doch nachdem die Mauer des Schweigens im Radsport an einigen Stellen in sich zusammengefallen ist, beginnt es offenbar auch im Fußball zu bröckeln. Erst wies Paul Breitner, Weltmeister von 1974, darauf hin, dass auch hier gedopt werde, dann erinnerte sich Nationaltorhüter Jens Lehmann daran, dass er in seinen ersten Profijahren bei Schalke 04 bemerkt habe, wie Spieler das Aufputschmittel Captagon einnahmen. Das bestätigte in der vergangenen Woche auch der vielgereiste Trainer Peter Neururer, der sogar frühere Nationalspieler kennen will, die sich dopten - und darauf hinwies, das alles "nicht nur vom Hörensagen" zu wissen. Neben Schalke gerieten auch Rot-Weiß Essen und Alemannia Aachen unter Verdacht.

Seitdem melden sich täglich frühere Profis zu Wort, denen plötzlich auch einfällt, dass Captagon, Ephedrine und andere Substanzen in der Kabine kursierten. Benno Möhlmann, einst Bundesligaspieler bei Werder Bremen und heute Trainer bei Eintracht Braunschweig, will es bei Preußen Münster in der Zweiten Liga erlebt haben, Michael Krüger, künftig Coach des 1. FC Saarbrücken, in der gleichen Spielklasse bei Arminia Hannover. Der frühere Bayern-Spieler Jürgen Röber hatte zumindest davon gehört, nach seinen Angaben aber nie bei den Vereinen, bei denen er gerade spielte.

Heute beschuldigte mit dem früheren Braunschweiger Stürmer Uwe Nester erstmals ein Ex-Profi seine Trainer, ihm Dopingmittel verabreicht zu haben. Es dürfte kaum die letzte Aussage dieser Art sein, weitere Enthüllungen werden wohl in den kommenden Tagen folgen.

Die Art und Weise, auf die frühere Akteure über Doping berichten, erinnert verblüffend an das ganz frühe Stadium der Beichten im Radsport. Ja, man hat etwas gewusst, gehört, gesehen, hat aber selbst nie etwas genommen - und will auch nicht konkret werden, geschweige denn Namen nennen. Nur der frühere Nationaltorwart Schumacher und Krüger räumten ein, Captagon probiert zu haben. Man gibt das zu, was sich ohnehin kaum noch leugnen lässt - aber keinen Deut mehr. Kommt etwas Neues ans Tageslicht, wird sich der eine oder andere vielleicht auch daran erinnern. Wie Erik Zabel, Rolf Aldag oder Bjarne Riis.

Der DFB-Arzt hat nichts bemerkt

Auch manche Reaktion kommt einem unangenehm bekannt vor. Kaum hatte Neururer sein Wissen via "Sportbild" an die Öffentlichkeit gebracht, giftete Professor Kindermann, früher Chefmediziner des DFB: "Es ist ein Hammer, wenn er sagt, Ende der achtziger Jahre hätten fünfzig Prozent der Spieler gedopt. Das wird er nicht beweisen können." Kindermann, der 1990 die medizinische Betreuung der Nationalelf übernahm, ist sich sicher: "Zu meiner Zeit wurde ich nie von Spielern nach Dopingmitteln gefragt, und ich hatte nie das Gefühl, dass da was an mir vorbeiläuft." Obwohl regelmäßige Dopingkontrollen erst 1988 in der Bundesliga eingeführt wurden, fällt es Kindermann schwer, "an systematisches Doping in den achtziger Jahren zu glauben".

Nichts zugeben, was nicht bewiesen ist, alles auf Einzelfälle abwiegeln - es scheint, dass der Fußball vom Radsport schnell gelernt hat.

Noch fehlen trotz diverser Aussagen zwar Beweise und die Nennung von Namen, doch der Mythos, dass Doping im Fußball wenig nütze und deswegen auch nicht im großen Stil praktiziert werde, könnte bald zerbrechen. Natürlich verbessert kein Mittel die technischen Fähigkeiten eines Spielers, doch wer schon einmal ein Spiel in einer höheren Liga gesehen hat, hat möglicherweise bemerkt, wie schnell, laufintensiv und körperbetont dieser Sport ist. Ohne hervorragende Ausdauerwerte und einen robusten Körper kann kaum jemand seine Fähigkeiten am Ball umsetzen, seien sie noch so außergewöhnlich.

Nicht nur die Zweite Liga

In diesem Zusammenhang verwundert es nicht, dass bislang Mannschaften der zweiten Liga und Abstiegskandidaten der Bundesliga unter Verdacht geraten sind. Gerade solche Teams leben traditionell von Kampf und Laufbereitschaft, während sich die technisch brillanten und taktisch versierten Überflieger bei den Top-Mannschaften sammeln.

Was nicht bedeutet, dass es bei den reichen Clubs kein Doping gibt. Ein italienisches Gericht stellte kürzlich klar, dass zwischen 1994 und 1998 bei Juventus Turin planmäßig mit Epo gedopt wurde. Konsequenzen musste der Verein nicht befürchten, weil die Vergehen verjährt waren.

Angesichts des Milliardengeschäfts Fußball mit seiner auch erfolgsabhängigen Finanzierung über TV-Gelder wäre es naiv zu glauben, dass nur im Ausland und hierzulande nur in früheren Zeiten zu unerlaubten Mitteln gegriffen wurde. Die Aufdeckung hat gerade erst begonnen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Wie weit reicht der Doping-Sumpf?
insgesamt 144 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. leistungssport
nanouc 27.05.2007
Ich hatte das schon mal in einem anderen thread thematisiert. Leistungssport ist dem rock n' roll näher als der ohrenbeichte. Den sauberen ehrlichen sport gibt es nicht. Siehe Mühlegg, Baumann, Ulrich usw usf. Die liste ist endlos. Warum also einer heeren idee nachhängen. Beim popstar regt sich doch kaum noch einer auf, wenn er mal mit koks , h, amphys oder eine minderjährigen erwischt wird. Warum soll der leistungssport anders sein? Also sollte jeder, der leistungssport betreibt mit dem generalverdacht des dopings leben. Dann kann es auch nicht zu solchen szenen wie bei Aldag und Ete kommen. Keine sportförderung durch den staat und wir sparen noch eine menge geld für die ausrichtung von olympia, wm und sonstigen großereignissen. Soll doch dann ein sponsor über pay tv die unterhaltung zahlen. Wie übrigens jetzt schon bei der championsleague.
2. Wettbewerb
Stefanie Bach 27.05.2007
Zitat von nanoucIch hatte das schon mal in einem anderen thread thematisiert. Leistungssport ist dem rock n' roll näher als der ohrenbeichte. Den sauberen ehrlichen sport gibt es nicht. Siehe Mühlegg, Baumann, Ulrich usw usf. Die liste ist endlos. Warum also einer heeren idee nachhängen. Beim popstar regt sich doch kaum noch einer auf, wenn er mal mit koks , h, amphys oder eine minderjährigen erwischt wird. Warum soll der leistungssport anders sein? Also sollte jeder, der leistungssport betreibt mit dem generalverdacht des dopings leben. Dann kann es auch nicht zu solchen szenen wie bei Aldag und Ete kommen. Keine sportförderung durch den staat und wir sparen noch eine menge geld für die ausrichtung von olympia, wm und sonstigen großereignissen. Soll doch dann ein sponsor über pay tv die unterhaltung zahlen. Wie übrigens jetzt schon bei der championsleague.
Wir diskutieren hier doch nur Symptome einer kulturellen Frage: Sind wir in der Lage, geregelten Wettbewerb zu organisieren und zu praktizieren? Der geregelte Wettbewerb wird durch Doping und Dumping bedroht. Beides sind Angriffe auf die Bedingungen eines geregelten, gerechten Wettbewerbs. Vielleicht hat Ulrich gedopt, wir wissen es nicht, was wir wissen ist, dass die SPD-Fraktion Mitarbeiter zu Dumping-Löhnen beschäftigt, hierher gehört der Schwerpunkt der Aufregeung. Widerspruch! Wir müssen als Gesellschaft die Frage klären, ob wir bereit sind, den Bedingungen eines fairen, geregelten Wettbewerbs zu entsprechen. Der Sport ist nur ein (kleiner) Bereich. Ihn alleine aufzuräumen ist zu wenig. Politik und Wirtschaft gehören ins Zentrum. Stefanie Bach Magazin Deutsch (http://www.magazin.institut1.de/)
3. Doping-Sumpf
Seifert 27.05.2007
Würde Doping zum Offizialdelikt erklärt -also jede Form der Leistungssteigerung durch Manipulation unter Strafe gestellt-ginge zwar im internationalen Sport das Licht aus,es bestünde aber die Chance,dass der Sport insgesamt sauberer würde. Leider bleibt das wohl Utopie,wie ja wohl auch der Amateurstatus Großvaters Art schon längst zu Grabe getragen wurde und damit dem Doping massiven Ausmaßes international der Weg bereitet wurde. Ich befürchte,das keine Sportart(nicht mal Angeln oder "Taubensport")ohne Dope auskommt. Bliebe noch die Freigabe:aber soll man sie wirklich schlucken +spritzen lassen,was das Zeug hält? Schade,Tom Simpsom war ein frühes Zeichen,aber begreifen wollte es keiner!!
4.
Iggy Rock 27.05.2007
Beides könnte dem Sport helfen, Amnestie und für diejenigen die da nicht mitmachen bzw. für diejenigen die es weiter betreiben härteste Strafen. Mit der Amnestie könnte man erst einmal für die Aufklärung sorgen und mit harten Strafen, jegliches Doping auf Dauer unterbinden. Die jetzigen Sperrungen oder Geldstrafen sind viel zu lasch. Wie wäre es wenn jeder teilnehmende Sportler vor einem Wettkampf einen Vertrag unterschreiben muss der beinhaltet das ihm, bei nachgewiesenem Doping, nicht nur eine 5-10 jährige Sperre droht, sondern er 80-90% seiner finanziellen Einnahmen (vor allem die durch Werbeverträge), aufgrund möglicher Erfolge unter Dopingeinfluss, der Antidopingforschung und evtl. noch humanitärer Hilfe zur verfügung stellen muss? Das würde richtig wehtun und schnellstens zum umdenken führen. Ebenso müsste man Anreize schaffen das Beteiligte schneller und auch überzeugter auspacken, wenn sie etwas wissen. Das man erst nach einer Karriere als Betreuer im Sport plötzlich auf die Idee kommt mal Klartext zu reden und es der öffentlichkeit mitzuteilen ist zu spät.
5. Wenn schon, dann aber alle aufzählen!
Pinarello 27.05.2007
Zitat von sysopSchwimmen, Wintersport, Leichathletik: Das Thema Doping könnte nach dem Ruf des Radsports auch andere Sportarten ramponieren. Wie kann man den Doping-Sumpf austrocknen? Helfen härtere Strafen oder Amnestie?
Sie bauchen das Thema Doping gar nicht auf den Sport zu begrenzen sondern gleich auf die ganze Gesellschaft beziehen. Also, Nikotin, Kokain, Alkohol, Amphetamine, Ecstasy und "Angstnehmer" schon bei den Schulkindern, der Sport ist nur Teil eines Problemes, das die gesamte Gesellschaft betrifft, was aber automatisch das ERgebnis ist, wenn nur Leistung zählt und per Konkurrenzkampf gnadenlos ausgesiebt wird, siehe Bayern mit seinen Schülern, aber der 4. Klasse, also etwa 10 Lebensjahren wird bereits das gesamte spätere Leben geregelt, wer später mal oben ist oder unten den Bodensatz bildet. Bevor wir hier über Berufssportler urteilen, die wissen ja schließlich was sie machen, fangen wir doch erstmal bei den Kindern im Schulalter an, denn die wissen nicht was mit ihnen gemacht wird.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball-News
RSS
alles zum Thema Fußball-Bundesliga
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -19-
Fotostrecke
Bundesliga-Dopingfälle: Hunger, Haschisch, Haarwuchsmittel