Hamburg - In seiner Zeit 1989 und 1990 als Trainer bei Schalke 04 will Neururer keine Einnahme unerlaubter Mittel beobachtet haben. "Da war die Sache längst vorbei", sagte der 52-Jährige heute. Seine Aussage, bis zu fünfzig Prozent der Spieler hätten das Aufputschmittel Captagon genommen, habe sich auf die Jahre 1986 bis 1988 bezogen.
Neururer war bei Rot-Weiss Essen von Juli 1986 bis September 1987 Co-Trainer von Horst Hrubesch, dessen Posten er von September bis November 1987 übernahm. Von Januar 1988 bis April 1989 war er bei Alemannia Aachen Chefcoach.
"Ich weiß definitiv, dass es damals genommen wurde. Es war gang und gäbe. Das weiß jeder, der nicht die Augen zu hatte. Viele wussten auch, wer was genommen hat", sagte Neururer. Captagon stand zwar seit den siebziger Jahren auf der Dopingliste des damaligen Deutschen Sportbundes, es gab aber keine Tests. Namen will Neururer nicht nennen: "Das war vor 20 Jahren, das ist längst verjährt. Die Spieler, die es genommen haben, werden sich schon selber melden, wenn sie genug Mut haben." Der Deutsche Fußball-Bund hatte den Trainer gebeten, Namen und Fakten zu nennen.
Auch Nico Schäfer, Vorstandsmitglied von Rot-Weiss Essen, forderte den Trainer auf, konkreter zu werden: "Solange nicht Ross und Reiter genannt werden, besteht aus Vereinssicht kein Handlungsbedarf. Keine der handelnden Personen von damals ist noch im Verein tätig." Hrubesch wollte Neururers Aussagen nicht bestätigen. "Ich habe selber nie etwas beobachtet, ausschließen kann man aber nichts", sagte der frühere Nationalspieler.
Jürgen Röber, damals Kapitän bei Essen und später Spieler beim FC Bayern und Bundesliga-Trainer, will selbst kein Doping beobachtet haben: "Ich habe gehört, dass der ein oder andere Spieler mal eine Captagon eingenommen haben soll. Aber das bezog sich nicht auf Vereine, in denen ich tätig war, und in Bezug auf Essen kann ich das auch ausschließen. Da war absolut null, das hätte ich mitbekommen." Auch der ehemalige Aachener Spieler Günter Delzepich bestritt, dass es bei der Alemannia Doping gegeben habe: "Das war damals nie ein Thema bei uns. Wenn, dann hätte es schon wer heimlich machen müssen, und das hätte sich auch keiner erlauben können."
Der frühere DFB-Chefmediziner Professor Wilfried Kindermann forderte Konsequenzen gegen Neururer: "Wenn er mitbekommen hat, dass Spieler Captagon nahmen, hat er sich schuldig gemacht. Er hätte dies melden müssen. Und es ist ein Hammer, wenn er sagt, Ende der achtziger Jahre hätten fünfzig Prozent der Spieler dieses Mittel genommen. Das wird er nicht beweisen können." Kindermann , der 1990 die Betreuung der Nationalmannschaft übernommen hatte, sagte: "Zu meiner Zeit wurde ich nie von Spielern nach Dopingmitteln gefragt, und ich hatte nie das Gefühl, dass da was an mir vorbeiläuft."
Benno Möhlmann, früherer Bundesligaprofi bei Werder Bremen hat die Aussagen seines einstigen Teamkollegen bei Preußen Münster, Hans-Werner Moors, über Captagon-Doping in densiebziger Jahren bestätigt - die Einnahme des Medikaments aber bestritten. "Ich persönlich habe keine Erfahrung mit diesen Dingen gemacht. Aber Captagon war in den siebziger Jahren Kabinen-Thema. Das wurde aber hauptsächlich von Spielern genommen, die nicht so gut waren oder mal die Nacht vor einem Spiel durchgemacht hatten", sagte der Trainer von Regionalligist Eintracht Braunschweig. Möhlmann spielte von 1974 bis 1978 bei Münster in der zweiten Liga.
Der ehemalige Bundesliga-Profi Günter Schlipper hat inzwischen die Einnahme verbotener Mittel bestritten. "Ich habe nie Captagon genommen. Das ist völliger Quatsch", sagte der frühere Mittelfeldspieler. Das "Hamburger Abendblatt" hatte den Ex-Profi zitiert: "Als Spieler des MSV Duisburg habe ich das ein- oder zweimal ausprobiert." Er sei falsch verstanden worden, sagte Schlipper, der von 1983 bis 1985 in Duisburg spielte. "Ich habe lediglich gesagt, dass ich in meiner Duisburger Zeit von Captagon gehört habe. Darüber ist offen gesprochen worden." Als er bei Schalke 04 war, sei die Einnahme unerlaubter Aufputschmittel "nie ein Thema" gewesen. Schlipper spielte in den Jahren 1989 und 1990 unter Trainer Peter Neururer in Gelsenkirchen.
all/sid
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