Dopingkontrollen im Fußball Lass es laufen!

Doping ist seit knapp 20 Jahren ein Thema im deutschen Profifußball. Der Umgang mit der ernsten Problematik hat sich im Laufe der Jahre stark gewandelt. Seit jeher ist das Thema eine Fundgrube für viele Anekdoten, wie das Fußballmagazin RUND herausfand.


Hamburg - Viele Verantwortliche erinnern sich mit einem Schmunzeln an den Dopingkontrollraum im Vereinsheim des FC St. Pauli. Noch zu Erstligazeiten Mitte der neunziger Jahre musste der Spieler zur Urinabgabe in einen Kellerraum. Dieser hatte eine unverschlossene Hintertür. Theoretisch hätte also jeder vorbeikommende Fan oder Kiezgänger dort anstelle des Spielers Wasser lassen können. Typisch dafür, wie lax lange Zeit kontrolliert wurde.

Seit 1988 führt der Deutsche Fußball-Bund regelmäßige Dopingproben im Profibereich durch. Dennoch wurde das Thema weiter lässig gehandhabt, die Praxis wirkte halbherzig. Nicht nur blieb die Frequenz der Kontrollen mit knapp 100 pro Saison recht übersichtlich. Auch in Sachen Effizienz bestanden Zweifel. In seinem 1994 erschienenen Buch "Rote Karte für den DFB" charakterisiert der ehemalige Hammerwerfer Edwin Klein die Kontrollen als Farce und zitiert den damaligen Präsidenten des FC Homburg, Manfred Ommer: "Bevor ein gedopter Spieler ausgelost werden könnte, spricht unser Doc mit dem DFB-Doc und erklärt ihm, ein bestimmtes Medikament sei erforderlich gewesen. Dann nehmen wir die Rückennummer aus dem Pott."

Derartige Manipulationen scheinen heute unmöglich. In dem Maße wie das Thema Doping durch Skandale in der öffentlichen Wahrnehmung an Bedeutung gewonnen hat, sind auch die Kontrollmechanismen im Fußball verschärft worden. Das deutsche Antidopingsystem gilt als eines der härtesten weltweit. Mittlerweile lässt der DFB pro Spielzeit mehr als 700 Proben in den renommierten Dopinglabors in Kreischa und an der Kölner Sporthochschule analysieren. Seit dem Januar 1995 gibt es zudem unangemeldete Trainingskontrollen.

Zu Potte bitte: Der Vorgang ist explizit vorgeschrieben
DPA

Zu Potte bitte: Der Vorgang ist explizit vorgeschrieben

Große Skandale blieben im deutschen Fußball bislang aus. Im Januar 2000 fiel der Gladbacher Zweitligaprofi Quido Lanzaat aus allen Marihuanawolken, als während des Hallenmasters Spuren von Tetrahydrocannabinol, dem Wirkstoff von Haschisch, in seinem Urin ermittelt wurden. Die Folge: Drei Monate Sperre für Lanzaat. Der Holländer verstand die Welt nicht mehr, denn in seiner Heimat ist der Konsum von Haschisch legal. Für hochgezogene Mundwinkel sorgte auch der etwas in die Breite geratene Bochumer Stürmer Roland Wohlfahrth, der wegen der Einnahme eines verbotenen Appetitzüglers acht Wochen gesperrt wurde. Im vergangenen Jahr musste Nemanja Vucicevic von 1860 München sogar sechs Monate pausieren – wegen des falschen Haarwuchsmittels.

Was genau Spieler einnehmen dürfen und was nicht, hat der Verband in seinen 40 Seiten starken Antidopingrichtlinien aufgelistet. Sie beschreiben zudem haarklein das Prozedere der Kontrolle. Schon bei der Auslosung der zu prüfenden Spieler wird nichts mehr dem Zufall überlassen. Die Kontrolleure müssen mit zahllosen Formularen, Umschlägen und Ersatzzetteln hantieren. In Protokollen wird exakt festgehalten, wer wann den Dopingraum betritt und verlässt. Die Infrastruktur (Tisch, vier Stühle, Waschbecken mit fließendem Wasser, Toilettenartikel) ist ebenso vorgeschrieben wie die Abgabe an sich.

In Paragraf 10, Absatz 3 heißt es: "Der Spieler uriniert unter strikter Überwachung des Doping-Kontrollarztes, der dasselbe Geschlecht wie der Spieler haben muss, in den Sammelbecher. Die Urinmenge hat mindestens 75 Milliliter (A-Probe 50 Milliliter, B-Probe 25 Milliliter) zu betragen." Diese notwendige Bürokratisierung eines nur allzu menschlichen Vorgangs sorgt immer wieder für Verzögerungen.

Dass Oliver Neuville nach dem Ecuador-Spiel nicht konnte, weiß man inzwischen aus Sönke Wortmanns WM-Film "Deutschland – ein Sommermärchen". Ähnlich traumatisch hat sich im Gedächtnis von Klaus Augenthaler eingebrannt, dass ihn im größten Moment seiner Karriere der lange Arm der Dopingfahnder zu fassen kriegte. Unmittelbar nach dem gewonnenen WM-Finale von Rom 1990 musste er zur Kontrolle. "Ich durfte weder Alkohol trinken noch rauchen", sagt Klaus Augenthaler. Er brauchte geschlagene vier Stunden.

Für das, was Neuville und Augenthaler widerfahren ist, haben Mediziner einen Fachausdruck: Paruresis. Unter bestimmten Umständen – unter Zeitdruck, der Anwesenheit anderer Personen in öffentlichen Toiletten und dem Gefühl, beim Pinkeln unter Beobachtung zu stehen – können manche Menschen ihre Blase nicht entleeren. Sie leiden unter einer so genannten schüchternen Harnblase. "Bei Stress kommt es naturbedingt zu einem Zusammenziehen des Ringmuskels der Blase, wodurch das Harnlassen erschwert wird", erklärt Dr. Philipp Hammelstein, Privatdozent an der Uni Düsseldorf.

Unter dem Titel "Lass es laufen" hat Dr. Hammelstein einen Ratgeber zur Überwindung der Parureris verfasst. Sein wichtigster Tipp: "Es hilft im Grunde genommen nur Entspannung. Die Fußballer sollten etwa anderthalb Minuten vor dem Wasserlassen tief einatmen, die Luft anhalten und dann am Urinal bewusst ausatmen, um so den möglichen Flow zu unterstützen." Gelassenheit als Schlüssel. Nimm dir Zeit!

Auch flüssige Beigaben können helfen. Als vorbildlich ist hier sicherlich das Beispiel des Oleg Salenko hervorzuheben. Nachdem er sich bei der WM-Vorrunde 1994 gegen Kamerun in die WM-Annalen geschossen hatte, doch bei der Dopingprobe aber Ladehemmung zeigte, genehmigte sich der russische Stürmer neben zwei Mineralwassern auch noch genüsslich fünf alkoholfreie Biere – für jedes erzielte Tor eines.

Text: Broder-Jürgen Trede



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