Deutscher Meister BVB: Gier gewinnt
Sie haben es wieder getan: Borussia Dortmund entreißt den Bayern erneut den Titel - und wirkte noch hungriger, stabiler, besser als im Vorjahr. Für Christian Paul war die Meistersaison seines Lieblingsclubs der finale Schritt zum Spitzenteam - von vier grauenvollen Spielen abgesehen.
Können Meisterschaften zur Gewohnheit werden? Oder gewöhnlicher? Sich zumindest so anfühlen? Jaja, liebe Dortmund-Fans, jetzt werdet ihr alle aufjaulen. Aber die Entrüstung könnt ihr euch sparen. Der insgesamt achte Meistertitel des BVB war begeisternd, aufregend, hochemotional. Keine Frage. Aber er war eben auch noch souveräner, noch abgeklärter. Im Stile eines echten Spitzenteams eben.
Und genau das ist die Meisterleistung von Jürgen Klopps Mannschaft: die Metamorphose vom Überraschungs-Meister 2011 zum Unausweichlich-Meister 2012. Als BVB-Anhänger wusste man spätestens im Laufe der unfassbar erfolgreichen Rückrunde (47 von 51 Punkten): Wenn diese Elf abruft, was in ihr steckt, kann sie keiner auf dem Weg zum Titel stoppen. Es gab keine Zweifel mehr an der Qualität, nur neue Gefühle.
Gefühle, die bisher nur andere kannten. Die aus München nämlich. Gejagter zu sein, zum Beispiel. Ganz oben zu stehen war wie immer großartig, doch plötzlich auch furchtbar anstrengend. Seit dem 20. Spieltag war Dortmund Tabellenführer. Erst mit zwei, dann mit vier und fünf und schließlich sogar mit acht Punkten. Und diesen Vorsprung musste die Mannschaft an jedem Spieltag verteidigen - und der Fan mit.
Oh Gott, sind wir gut
Die Wochenenden, an denen man, angespannt auf dem Sofa sitzend, darauf hoffte, dass MainzHannoverHamburg oder sonst wer den Bayern ein paar Punkte klauen würden, ging an die Substanz. Während des Dortmund-Spiels schaltete sich der Toralarm bei den Partien der Konkurrenz fast von selbst ein. Dabei waren die Höhepunkte der BVB-Saison wieder dicht an dicht gepackt. Hamburger SV? 3:1. Köln? 5:0. Herne West? 2:0. Oh Gott, sind wir gut.
Oh Gott, sind wir schlecht. Sechster Spieltag, 1:2 in Hannover. Der emotionale Tiefpunkt in der Saison kam früh. Den Gegner 70 Minuten an die Wand genagelt, 1:0 geführt, am Ende 1:2 verloren. Bitterer kann eine Niederlage kaum sein. Außer man erlebt das Spiel, so wie der Autor dieses Textes, live in einer Kneipe. In München.
An jenem Sonntagnachmittag sind die Bayernfans, die anschließend ihren Verein im Duell mit Schalke 04 anfeuern wollen, gerne etwas früher da. Ihr Spott für die verstreuten BVB-Anhänger nach dem Schlusspfiff war schier grenzenlos. Die Münchner gewannen kurz darauf, Dortmund schien den erneuten Titelgewinn bereits ganz früh verspielt zu haben. Acht Punkte Rückstand auf Rang eins nach sechs Spielen sind ein Brett.
Immerhin konnte der BVB-Fan in dieser Saisonphase zwischen dem Hohn der Bayern und dem Spott aus Europa wählen. Dortmund, ja man kann es nicht anders sagen, blamierte sich bei seiner Rückkehr in die Champions League. Bis auf die Knochen. Die Auslosung der Gruppenphase hatte mancher noch mit einem Grinsen verfolgt: Olympique Marseille, Olmypiakos Piräus, FC Arsenal. Machbar, oder?
Abwehr des Grauens
Nicht für den BVB. Es gab nur einen Sieg und ein Unentschieden. Vier Punkte, Letzter. Sogar für die Europa League zu wenig. Beim 0:3 in Marseille, beim 1:3 in Piräus und beim 2:3 gegen die Franzosen vor eigenem Publikum ging Fassungslosigkeit in Wut über, wurde dann zu Entsetzen. Am Ende blieb nichts als ein taubes Gefühl.
Es kommt selten vor, dass man sich für sein Team schämt. Noch seltener kommt es vor, dass sich irgendjemand in den vergangen dreieinhalb Jahren für diesen BVB schämen musste. Doch im Dezember, als alles aus war, als die Dortmunder Abwehr in der Champions League ausdilettiert hatte, war es soweit. Kurz.
Eines dieser vielen allerschönsten Dinge an der Mannschaft, die Trainer Klopp seit dem Sommer 2008 in Dortmund zusammengestellt hat, ist ihr Charakter. Eine Fußball-Phrase? Sicher. Nur bei diesem BVB nicht. Die Gier nach Siegen war auch 2011/2012 bei keiner anderen Bundesliga-Mannschaft so groß wie bei Schwarz-Gelb.
Es waren nicht die beiden 1:0-Erfolge gegen die Bayern oder das 2:1 im Rückspiel in Gelsenkirchen, die etwaige Hoffnungen der Konkurrenz auf ein Nachlassen der Dortmunder zerstörten. Sondern Spiele wie das 6:1 in Köln, nachdem Zweitligist Greuther Fürth wenige Tage zuvor im DFB-Pokalhalbfinale 120 Minuten lang alles aus dem BVB herausgepresst hatte.
Wer dermaßen willens und in der Lage ist, sich in jeder Partie bis an die Grenze zu verausgaben, der hat manchmal sogar acht Punkte Vorsprung, wenn er Meister wird. Das ist so viel, dass vorab fast genug Zeit war, um sich schon mal an das Jubeln zu gewöhnen, liebe Dortmunder. Fast.
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