Dortmund-Legende Addo: Erst Kreuzbandriss, dann Tor

Otto Addo genießt unter den Fans von Borussia Dortmund Kultstatus - das liegt vor allem an einem Treffer. Im Europapokal erzielte er 2003 ein Tor, obwohl er sich Minuten zuvor schwer verletzt hatte. Im Interview blickt der heute 36-Jährige auf dieses Spiel zurück.

Ex-Dortmunder Addo: Tor trotz Kreuzbandriss Fotos
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SPIEGEL ONLINE: Herr Addo, schmerzt das operierte Knie noch?

Addo: Wenn ich länger zu Fuß unterwegs bin auf jeden Fall. Sport versuche ich zu vermeiden, da das Knie danach meist anschwillt. Ich kenne allerdings auch keinen ehemaligen Fußballer, der nach seiner Karriere vollkommen beschwerdefrei ist. Das ist der Preis, den man zahlt.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ihren Spielern noch was vormachen?

Addo: Ja, hin und wieder klappt das.

SPIEGEL ONLINE: Erinnert Sie der Schmerz an das Tor vom 24. September 2003?

Addo: An dieses Moment erinnern mich meine Schmerzen eher weniger. Natürlich war das Tor etwas Besonderes, aber gleichzeitig auch eine extrem unglückliche Geschichte für mich.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es im Spiel gegen Austria Wien zu dieser Verletzung?

Addo: Bei einem Zweikampf um den Ball haben mein Gegenspieler und ich zur Grätsche angesetzt. Dabei trifft er mein gestrecktes Bein, so dass mein Knie komplett durchgeknickt ist. Ich habe sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt und habe mich dann an der Seitenlinie behandeln lassen. Ich wollte es aber nicht wahrhaben und trotz Empfehlung des Mannschaftsarztes, draußen zu bleiben, bin ich noch mal ins Spiel gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Riss gehört?

Addo: Das ist ein ganz bestimmtes Geräusch, dass ich von den Knieverletzungen zuvor kannte. Es hört und fühlt sich in etwa so an, als würde man zwei Knochen gegeneinander reiben. Mir war klar, dass es das Kreuzband ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie verlief die Kommunikation mit der Bank?

Addo: Der Trainer fragte mich ob ich noch weiterspielen kann, woraufhin ich mich auf den Weg zur Mittellinie machte. Die Ärzte haben versucht, mich davon abzuhalten. Ich habe mich quasi selbst wieder eingewechselt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben dann kurze Zeit später angezeigt, dass es nicht mehr weitergeht. Dann läuft der Konter über Lars Ricken. Was ging in diesen Augenblicken in Ihnen vor?

Addo: Ich habe in diesem Moment nur an die Mannschaft und den Verein gedacht. Wir befanden uns mit Borussia Dortmund in der Krise, da wir in der Bundesliga ziemlich weit unten in der Tabelle standen. Auch wegen der finanziellen Probleme war das Weiterkommen im Uefa-Cup sehr wichtig. Außerdem bin ich ein Typ, der immer gewinnen will.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es überhaupt geschafft weiterzulaufen?

Addo: Wenn man sich verletzt, merkt man sofort, dass etwas nicht stimmt. Der Körper pumpte automatisch Blut zur betroffenen Stelle, so dass mein Knie rasch anschwoll. Bei einem Kreuzbandriss verliert man die Kontrolle über den Unterschenkel, da das Knie das Körpergewicht nicht mehr tragen kann. Ich glaube, dass mein Ehrgeiz, das Adrenalin im Körper und Wut im Bauch mich weiterlaufen ließen.

SPIEGEL ONLINE: Nachdem Lars Ricken Sie dann am Strafraum anspielte, haben Sie ihren Gegner noch mit rechts aussteigen lassen und mit links aufs Tor geschossen. Wie weh hat das getan?

Addo: Der ganze Druck lastet beim Schuss auf dem Standbein. Das war in dem Fall mein verletztes rechtes Bein. Das hat unglaublich weh getan. Ich habe schon vor dieser Szene angezeigt, dass ich raus muss, bin aber noch auf dem Feld geblieben, weil ich die Mannschaft nicht in Unterzahl weiterspielen lassen wollte, da wir sowieso schon ein Mann weniger waren.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie im Nachhinein mit Ricken noch einmal über diese Szene gesprochen?

Addo: Da von der Verletzung bis zum Tor keine drei Minuten vergingen, wusste Lars nicht, dass ich mich schwer verletzt hatte.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihr Trainer Ihnen danach gesagt?

Addo: Matthias Sammer ist jemand, der seine Karriere aufgrund von Verletzungen beenden musste. Daher ging ihm das sehr nahe. Er hat nur den Kopf geschüttelt und konnte sich über das Tor nicht freuen.

SPIEGEL ONLINE: Verstehen Sie heute, was damals in Ihnen vorgegangen ist?

Addo: Wie gesagt: Ich glaube, dass man in solchen Momenten gar nicht nachdenken kann. Es passiert einfach automatisch. Wir mussten das Spiel einfach gewinnen und ich wollte es nicht wahrhaben, dass ich mich wieder verletzt hatte.

SPIEGEL ONLINE: Sie und Norbert Dickel sind für die Fans von Borussia Dortmund Helden, weil Sie trotz Verletzung quasi bis zum Umfallen alles für den Verein gegeben haben. Sehen Sie das auch so?

Addo: Damit tue ich mich ein bisschen schwer. Das Problem ist doch, dass ganz viele Dinge einfach nicht gesehen werden. Es gibt unzählige Spieler, die genau dasselbe getan hätten an meiner Stelle. Wenn Spieler im Training oder bei Freundschaftsspielen alles geben und sich verletzten, kriegt das kein Mensch mit. Bei mir war es nun mal so, dass es vor großem Publikum passiert ist. Durch diesen Umstand wurde dieser Geschichte soviel Aufmerksamkeit geschenkt. Spieler in unterklassigen Vereinen spielen für wenig bis gar kein Geld und halten ihre Knochen trotzdem hin. Ich sehe das nicht so sehr als Heldentat.

SPIEGEL ONLINE: Heute sind Sie Trainer der A-Junioren beim Hamburger SV. Wie bewerten Sie das Tor rückblickend als Trainer?

Addo: Als junger Spieler ist man natürlich noch etwas naiv und glaubt, dass einem nichts passieren kann. Ich versuche meine Spieler dafür zu sensibilisieren diszipliniert im Umgang mit sich selbst zu sein. Ich hatte das Glück, dass ich mich nicht schon am Anfang meiner Karriere so schwer verletzt habe.

Das Interview führte Daniel Jovanov

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insgesamt 6 Beiträge
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    Seite 1    
1. .,-
teenriot 08.09.2011
Was für ein Held soll das sein? Hätte er sich beim Versuch Menschenleben zu retten, diese Verletzung zugezogen und weitergemacht, dann wäre er ein Held. Ist so weit das, das man ohne einen Hauch von Stutzigkeit, anführt seine Gesundheit "verkauft" zu haben? Und was macht SPON hier eigentlich? Natürlich kann der Addo seine Sicht der Dinge schildern. Aber man könnte durchaus kritischere Fragen stellen. Das darf doch keine Vorbildfunktion haben.
2. Wieso Vorbildfunktion?
Pfefferkuchenmann 08.09.2011
Zitat von teenriotWas für ein Held soll das sein? Hätte er sich beim Versuch Menschenleben zu retten, diese Verletzung zugezogen und weitergemacht, dann wäre er ein Held. Ist so weit das, das man ohne einen Hauch von Stutzigkeit, anführt seine Gesundheit "verkauft" zu haben? Und was macht SPON hier eigentlich? Natürlich kann der Addo seine Sicht der Dinge schildern. Aber man könnte durchaus kritischere Fragen stellen. Das darf doch keine Vorbildfunktion haben.
Wieso, er sagt doch, dass er sich nicht als Held sieht und "Sammer hat nur den Kopf geschüttelt" erwähnt er. Ich glaube er ist sich im Nachhinein bewusst, dass das nicht die schlauste Aktion war.
3. Legenden und Leidenschaft...
eknoes 08.09.2011
Zitat von sysopOtto Addo genießt unter den Fans von Borussia Dortmund Kultstatus - das liegt vor allem an einem Treffer. Im Europapokal erzielte*er 2003 ein Tor, obwohl er sich Minuten zuvor schwer verletzt hatte. Im Interview blickt der heute 36-Jährige auf dieses Spiel zurück. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,783110,00.html
Einen Otto Addo als "Legende" zu bezeichnen ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die diesen Titel wahrhaftig verdient haben. Irgendwie ist heute alles inflationär, seis drum...
4. Vorbild
ayee 08.09.2011
Otto Addo war ein toller Spieler, der leider viel zu viel verletzt war. Legende geht aber eindeutig zu weit, auch wegen der Verletzungen. Der Vorbildcharackter dürfte daher kommen, dass er in der Situation die Mannschaft über sich gestellt hat. Von solchen Teamplayern gibt es leider zu wenige.
5. Nun ja
tordel 09.09.2011
Schön, mal wieder etwas von dem Ex-HANNOVERANER Otto Addo zu hören, jedoch empfinde ich die Heroisierung als übertrieben. Man sollte (wie er) die Kirche im Dorf lassen. Trotzdem: Es hat Spass gemacht, ihm beim spielen zuzuschauen...
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Zur Person
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    Otto Addo wurde 1975 in Hamburg geboren und feierte 2002 mit Borussia Dortmund die Deutsche Meisterschaft. Sechs Jahre lang trug er das Trikot der Schwarz-Gelben, ab 2005 war er zwei Jahre beim FSV Mainz. Nach mehreren Kreuzbandrissen beendete der ghanaische Nationalspieler seine Karriere als Profisportler 2008 beim Hamburger SV. Ein Jahr später wurde er Co-Trainer der U19-Auswahl des HSV, seit Juli 2010 ist er hauptverantwortlicher Trainer.

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