Von Peter Ahrens
Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat sich um eine eminent wichtige Aufgabe bislang herumgedrückt: Es gibt kein Maskottchen für die Erste Bundesliga. Dabei böte sich der DFL nach diesem zweiten Spieltag das Murmeltier geradezu an. Schließlich hat man nach den Partien vom Samstag das starke Gefühl: alles in der Vorsaison schon gesehen, alles schon einmal da gewesen. Wozu gab es überhaupt diese elend lange Sommerpause?
Mainz und Hannover werden unterschätzt und legen einen blitzsauberen Ligastart hin - genau wie im Vorjahr. Stuttgart punktet in Gladbach, Gladbachs Verteidiger Roel Brouwers wird vom Platz gestellt, der HSV treibt seine Fans zur Verzweiflung, Köln kassiert eine Auswärtsklatsche - na, und? Kennen wir schon. Und: Dortmund verliert bei 1899 Hoffenheim 0:1. Exakt das Ergebnis der abgelaufenen Spielzeit.
1899 war in der Vorsaison das einzige Team, gegen das der souveräne Meister nicht gewinnen konnte: 1:1 in Dortmund, 0:1 in Sinsheim. Sogleich war das Team vom neuen Trainer Holger Stanislawski zum Angstgegner des BVB hochgejazzt worden. Bei den Dortmunder Spielern hat das offenbar in den Köpfen gesteckt - so erstaunlich das immer wieder ist, dass gestandene Profis gegen manche Teams gehemmter auftreten, weil sie gegen diese Mannschaft in der Vorzeit häufiger nicht gewonnen haben.
Dem Meister fehlte die Leidenschaft
"Wir waren selber schuld", hat Dortmunds Trainer Jürgen Klopp nach dem Spiel festgestellt, und niemand wollte ihm bei dieser Analyse anschließend widersprechen. Beim BVB hatte sich in die Spielführung eine gewisse Lässigkeit eingeschlichen, an der Grenze zur Arroganz des Meisters, der sich schon irgendwie einen Punkt bei den wackeren Hoffenheimern sichern würde. Es war die Stärke der Dortmunder in der Vorsaison, in jedem Spiel mit dem Elan, mit dem Siegeswillen aufzutreten, als ginge es um alles. Diese Einstellung hat in Hoffenheim gefehlt.
Die Kritiker haben auf diesen Augenblick gewartet, und sie dürften mit ihren Erklärungen schnell bei der Hand sein: Es liegt am Hype, am Mario-Götze-Kult, die dem jungen Mittelfeldstar und seinen Nebenleuten zu Kopf gestiegen seien. Die Überheblichkeit, die nun endlich die Mannschaft erreicht habe. Das Lob, das schlicht zu groß gewesen sei für all die knapp 20-Jährigen, die bei den Schwarz-Gelben Leistungsträger sind oder werden sollen. Der Sport-Informationsdienst vermeldete schon sieben Minuten nach dem Abpfiff seine Rundum-Analyse: "Dortmund hat sich von den Lobeshymnen offenbar blenden lassen."
Klopp hatte es lange geschafft, dieses Thema von der Mannschaft fernzuhalten. Dortmund wurde auch Meister, weil die Spieler gegen die Versuchungen des Rummels, des Boygroup-Images, des Jungstarruhms gefeit schienen. Die jungen Kerle, ob Kevin Großkreutz, Mario Götze oder Mats Hummels - sie wirkten vor allem frühzeitig erwachsen. Es wird möglicherweise die größte Aufgabe des Trainers in der nun laufenden Saison sein, diese Qualitäten zu bewahren. "Wenn wir gewonnen hätten, hätte ich auf die Euphoriebremse getreten. Das zumindest muss ich nicht mehr tun", sagte der Coach.
Klopps Warnsignal an seine Jungstars
Götze machte gegen die Hoffenheimer einen müden Eindruck, hat Klopp die frühe Auswechslung des 19-Jährigen begründet. Da er aber auch Zugang Ilkay Gündogan früh vom Feld nahm, sollte dies wohl eher eine erzieherische Maßnahme in Richtung seiner Jung-Helden sein, die über die Woche bei der Nationalmannschaft von Pressetermin zu Pressetermin gereicht wurden. Die Auswechslung war eine Art Warnung: Klopp hat genug Qualität im Kader, um Spielern, die in Gefahr stehen, die Bodenhaftung einzubüßen, für eine Weile die Ersatzbank anzuempfehlen.
Der Dortmunder Trainer hatte nach der Niederlage "extreme Leidenschaft" gesehen - allerdings nur beim Gegner. Dabei ist es genau diese Fähigkeit gewesen, die den BVB in der Vorsaison zu seinen beeindruckenden Erfolgen getragen hat. Wenn das Team Leidenschaft vermissen ließ wie im Vorjahr in Hoffenheim, in Bremen oder in Mönchengladbach, hat es auch gleich verloren. Aber das waren die absoluten Ausnahmen. Die Mannschaft hat im Vorjahr gebrannt.
Klopp hat vor dem ersten Spieltag gesagt: Dass Spieler sich auf ihren Erfolgen der Vergangenheit ausruhen, dass sie satt werden, das kenne er "nur von Schwachköpfen". Ein wahrer Sportler habe immer das Bestreben, zu gewinnen, neue Siege, neue Titel erringen zu wollen. Der Trainer hat sich dafür verbürgt, dass es seiner Mannschaft nicht passieren werde nachzulassen. Hoffenheim war ein Indiz dafür, dass er aufpassen muss, sein Versprechen halten zu können.
Möglicherweise lag es doch nicht nur am Angstgegner.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema Fußball-Bundesliga | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH