Dortmunder Südtribüne Wo das Herz des BVB schlägt

Die Erfolge blieben zuletzt aus, das Dortmunder Stadion war dennoch gut gefüllt. Die Fans halten eben zu ihrem BVB, vor allem auf der Südtribüne, Europas größtem Stehareal. Das Fußball-Magazin "11 FREUNDE" hat sich dort umgeschaut, wo die Hardcore-Borussen zuhause sind.

Von Thorsten Schabelon


Es ist paradox. Da bezahlen Fußballfans gutes Geld für einen Sitzplatz, um ein Heimspiel von Borussia Dortmund zu erleben. Und dann schleichen sie sich durch Gänge und Ränge auf die Südtribüne, tauschen Sitzplatz gegen Stehplatz, Beinfreiheit gegen einen kleinen Fleck Beton und verzichten auf Klobesuch, Bier und Bratwurst, um dafür fliegende Becher und Prellungen in Kauf zu nehmen. "So ist das", sagt Stadion-Betriebsleiter Stefan Kopetzki, "alle wollen auf die Süd."

Borussen-Fans: Ungebrochene Anziehungskraft
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Borussen-Fans: Ungebrochene Anziehungskraft

Die BVB-Südtribüne in nüchternen Zahlen: 100 Meter Breite, 52 Meter Tiefe und 40 Meter Höhe – vom Gitter am Unterrang, an dem man dem Torwart fast am Rücken kratzen kann, bis hinauf in den Oberrang, knapp unterm Dach, wo der Neigungswinkel der Ränge 37 Grad beträgt. Wie bei einer Skisprungschanze.

Schon im leeren Stadion wird die graue Beton-Terrasse zum Monument, gefüllt wird sie zur Gelben Wand. In die verwandelt sich die Südtribüne nämlich, wenn dort bei Bundesliga-Spielen 24.454 Fans stehen. Spätestens dann kommen neben den Zahlen auch die Emotionen ins Spiel. "Wenn du nach einem Sieg vor der Südtribüne stehst, denkst du, dass es nichts Besseres geben kann. Du weißt, du hast es geschafft", sagt BVB-Profi Florian Kringe. Die Südtribüne ist nicht nur die mit Abstand größte Stehplatztribüne Europas. Sie ist das Epizentrum der Dortmunder Fußballbegeisterung, das Herz, vielleicht auch die Seele des BVB. Hier stehen die Treuesten der Treuen. Bei jedem Heimspiel, bei jedem Wetter. Einfach immer.

Samstagmittag in Dortmund. Zwei Stunden vor Spielbeginn strömen die BVB-Fans in den Signal-Iduna-Park (80.700 Plätze), dem früheren Westfalenstadion, das zur WM 1974 als erste reine Fußball-Arena in Deutschland errichtet worden war. Auf den Dauerkarten ist zwar nur einer der elf Blöcke angeben, aber jeder Fan hat seinen festen Platz. Und auf dem bleibt er bis 17.30 Uhr. Oder, wenn ein Derbysieg gegen Schalke gefeiert wird, gerne länger. Getrunken und gegessen wird vorher, denn nach dem Anpfiff gibt es kein Durchkommen mehr. Deshalb erledigen die Fans auch den Toilettengang vorher. Sie stehen, nach Jahren und Jahrzehnten BVB-Treue, zwischen Spielkameraden aus dem Sandkasten, Schulfreunden, Mitstudenten und Arbeitskollegen. Oder sie haben sich "auf der Süd" kennengelernt.

"Nach dem Tod meines Mannes bin ich erstmals auf die Tribüne gegangen. Hier habe ich ein Dutzend neue und gute Bekannte gefunden", sagt Monika Dierks und schwärmt "von der Atmosphäre, von dem Zusammenhalt". Die 55-jährige Dortmunderin steht seit 1999 auf der Südtribüne. "Zwischendurch hatte ich einen Sitzplatz auf der Osttribüne. Aber da fehlte die Stimmung und ich habe immer sehnsüchtig rübergeschaut." Inzwischen reckt sie ihren Schal wieder auf der Südtribüne in die Luft, wenn, kurz bevor die BVB-Mannschaftsaufstellung kommt, das legendäre "You'll never walk alone" eingespielt und mitgesungen wird. Dann steht die Gelbe Wand.

"Bist du der Gegner, erdrückt sie dich. Hast du sie als Torwart im Rücken, ist es ein phantastisches Gefühl", erklärt BVB-Keeper Roman Weidenfeller. Der frühere FCK-Profi kennt beide Perspektiven. Weidenfeller hat allerdings, wie Monika Dierks, die beste Zeit der Südtribüne verpasst. Da schwankte sie unter den Füßen der Fans, wenn diese gemeinsam hüpften. Damit war nach der zweiten Ausbaustufe 1998 Schluss. Bei der wurden die knapp 15.700 Plätze im Unterrang des Stadions um den Oberrang (8800 Plätze) erweitert.

BVB-Präsident Gerd Niebaum sagte damals: "Wir wollen ein Zeichen gegen die Verringerung der Stehplätze in den Stadien setzen." Das gelang auf beeindruckende Weise. Und auf Kosten der Stimmung. "Das Flair und die Kreativität sind etwas verloren gegangen", findet Olaf Suplicki, heute Vorsitzender der BVB-Fanabteilung und in den achtziger Jahren Anheizer auf den Wellenbrechern im legendären Block 14. Die gebremste Stimmung hat verschiedene Gründe. Bei der immensen Größe sorgen schon die physikalischen Schallgesetze dafür, dass ein einheitlicher Gesang kaum noch möglich ist. Stimmt der Oberrang auf das "Heja" ein, ist der Unterrang mit dem folgenden "BVB" bereits fertig. Ständige Erinnerungen an die BVB-Sponsoren sowie digital eingespielte Gesänge erledigen den Rest.

Der Attraktivität und Anziehungskraft der Südtribüne hat das allerdings nicht geschadet. Weder bei Gästen, Gegnern noch bei den eigenen Fans. Die für etwa 165 Euro mit Abstand billigsten Dauerkarten beim BVB sind auf der Südtribüne für die kommende Saison so gut wie ausverkauft. Und so werden mit Sicherheit wieder reichlich Sitzplatzkartenbesitzer durch die Ränge und Gänge schleichen, um auch ein Baustein der Gelben Wand auf der Südtribüne zu werden. Einer von 24.454.



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Seite 1
Roberto, 02.03.2007
1.
Die Fans haben schon Mitspracherecht. Aber Drohungen gegen die eigenen und fremden spieler hat nichts mehr mit sport zu tun.
Umberto, 02.03.2007
2.
---Zitat von sysop--- Mit Streikmethoden aus der Arbeitswelt versuchen Fußballfans schon länger, die Politik der Vereinsvorstände zu beeinflussen und die Spieler unter Druck zu setzen. Jetzt bedrohten einige Anhänger Profis auf dem Trainingsgelände. Nehmen sich die Fans zuviel heraus? Oder haben sie ein gewisses Mitspracherecht? ---Zitatende--- Das Mitspracherecht wird ihnen doch offentlich von einigen Vereinen eingeräumt, nehme ich mal den Artikel Hysterie in den Kurven (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,469506,00.html) als Grundlage. Wer beschwert sich denn ja jetzt?
EastSide Erfurt 02.03.2007
3.
---Zitat von Umberto--- nehme ich mal den Artikel Hysterie in den Kurven (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,469506,00.html) als Grundlage. ---Zitatende--- Netter Artikel ... aber der Absatz ist lächerlich: ""Fußballfans sind keine Verbrecher" ist daher ein Sprechchor, der in deutschen Stadien ganz oft angestimmt wird. Doch manchmal stimmt er eben nicht, wenn Fans Rauchpulver zünden oder Bierbecher auf den Platz werfen," Sicher,weil Kar-Heinz Jenovic nen leeren Plastebecher aufs Spielfeld schmeisst,ist er gleich nen Verbrecher. Ab innen Bau - 5 Jahre.
Murlock, 02.03.2007
4.
Ich gebe ehrlich zu, ich mach mir nichts aus Fußball und beschäftige mich nicht weiter damit. Ich finde es nur immer lustig wenn es zu Fußball folgende Aussagen gibt: Natürlich gibt es jene Probleme, die es immer gibt, wo viele junge Männer zusammenkommen und Alkohol eine Rolle spielt. Andererseits wird den Anhängern des E-Sports (oder umgangssprchlich Killerspieler) ja schonmal perse unterstellt, gewalltätige Tendenzen zu haben und ein verkappter Amokläufer zu sein. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, das der Schaden den die Hooligans eines einzigen Landes anrichten, den aller "Killerspieler" weltweit übertrifft. Wenn ein Fußball-Fan eine Straftat verübt, war es die Tat eines einzelnen (ich erinere an Frankreich). Wenn ein "Killerspieler" ein verbrechen verübt...befinden sich alle die sich mit diesem Hobby beschäftigen unter general verdacht. Willkommen in der Welt der medialen Doppelmoral. Selavie
Resiak, 02.03.2007
5.
Haben die Fussballfans zuviel Macht? Diese Frage werden ihn wohl mehr als 90% der aktiven Fussballfans mit einem klaren NEIN beantworten. Sie werden sogar noch weitergehen und sagen sie haben keinerlei Macht und keinerlei Rechte. Und ich behaupte mal, sie haben in weiten Teilen recht. Klar, Fanclubs und bestimmte Gruppierungen werden von den Vereinen unterstützt. Aber das wars dann doch und ist oft mit sehr einschränkenden Zugeständnissen verbunden. Aktiver Einfluss auf Vereinspolitik durch Fans gibt es in Deutschland wohl kaum. Wann hat eine Fanruppe mal Einfluss auf Spielerkäufe, Trainerwechsel oder andere strukturelle Entscheidungen der Clubs. Das beste Beispiel sind doch die Stadien. In jedem grossen Club formierte sich Widerstand gegen den Verkauf des Stadionnamens an Konzerne o.ä.. Konsequenz der Fanproteste ... keine. Empfehlungen, geäußert in zahlreichen Faninitiativen, für die Gestaltung der neuen "Fussballtempel" im Land wurden zur Kenntnis genommen ... umgesetzt wurde fast nichts. Ich zähle mich nicht unbedingt zu den aktiven Fussballfans, die ständig für den Verein unterwegs sind, 90 Minuten singen und viel Geld in ihr Hobby investieren. Aber ich bin relativ regelmässig in Stadien und kann die Fans verstehen. Jetzt ist das Geschrei gross, nach angeblichen Angriffen auf die Spieler. Über die Art und Weise (Vermummung usw.) kann man reden, das Anliegen aber ist OK. Ihr Autor sagt, es sei nicht richtig wenn die Fans singen "... wir sind die Borussia ..." (wahlweise Hamburg, Köln oder Dresden). In meinen Augen ist das einer der ehrlichsten Sprüche überhaupt. Die Vereine und vor allem die Spieler sollten sich mal vor Augen führen, was sie ohne Fans wären. Das klingt abgedroschen und ist ein uraltes Argument, ich weiss. Die Fans aber geben dem Verein seine Identität, nicht der fette Manager, der Ballkünstler aus Brasilien oder satte Altprofi aus dem Westen. Dem sollten sich die Vereine mal bewusst werden. Und vor diesem Hintergrund ist wohl mal eine Sitzblockade, ein Pfeiffkonzert oder ein Fanboykott erlaubt. Und zwar ohne, das hinterher eine Diskussion um zuviel Einfluss von Fans auf die Vereinspolitik geführt wird.
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